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Gegenwartsliteratur - satt und zufrieden? - Diskussionsreihe in Dresden

Gegenwartsliteratur - satt und zufrieden? - Diskussionsreihe in Dresden

Wenn "Chick Lit" anspruchslose Frauenliteratur bezeichne, ätzte Florian Kessler im Januar in der Wochenzeitung Die Zeit, "dann müsste die gegenwärtige satte Form von ästhetischer Bürgerkinder-Anspruchslosigkeit wohl Speck Lit heißen".

Die jungen Gegenwartsliteraten gäben sich konform, es dominiere ein Milieu aus Söhnen und Töchtern begüterter Eltern, kritisierte der Kulturjournalist. Kaum einer von denen reichere die Literatur mit "abweichenden Stimmen und Erfahrungshintergründen" an. Statt dessen: "Immer jüngere Autoren verhalten sich immer braver immer älter." Seine harsche Polemik sorgte für heftige Debatten.

Aber wo sind sie denn, die Kampfgebiete unserer Zeit?, hat sich Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz gefragt. Das 20. Jahrhundert sei geprägt gewesen von Zerstörung, Revolutionen, Kriegen und Wiedergutmachungen, sagt die Buchhändlerin. Große Literatur sei unter diesen schlimmen Bedingungen entstanden. "Doch für oder gegen was schreiben heutige Autoren?" Ohne Feindbild - was bleibe da an Themen? "Wovon erzählen Geschichten, die keine Autoritäten mehr kennen?" Schließlich: "Ist Demokratie ein kreativer Nährboden?"

"Abschied vom Feind. Der Autor und die große Freiheit" hat sie folgerichtig die diesjährige Literaturreihe überschrieben, die sie für den Neuen Sächsischen Kunstverein organisiert hat. Bis November will sie ihre Fragen bei fünf Sonntagsmatineen mit Autorinnen und Autoren diskutieren.

Den Anfang macht Ingo Schulze am 7. September, 11 Uhr, im "Kunstraum", Schützenplatz 1. Der in Berlin lebende Dresdner muss sich die Jacke mit dem Konformismus gewiss nicht anziehen. Äußert er sich doch deutlich gesellschaftskritisch. Mit seiner Dresdner Rede "Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie - für demokratiekonforme Märkte" hatte er das 2012 bewiesen. Aber als 1962 Geborener gehört er eben zu einer älteren Generation. Dazu ist er unter DDR-Diktatur-Bedingungen aufgewachsen. Mit ihm will Susanne Dagen ebenso wie mit den anderen zunächst etwa eine Dreiviertelstunde ins Gespräch kommen. Anschließend trägt der Autor einen seiner Texte vor.

Florian Kessler, der die Diskussion über die so brave, angepasste Gegenwartsliteratur von "Lehrerkindern und Ärztekindern" losgetreten hatte, ist am 28. September ihr Gast. Er ist 1981 in Heidelberg geboren und selbst Sohn einer Gymnasiallehrerin und eines Neurologieprofessors. Bei Susanne Dagen soll er unter anderem die Frage beantworten: Was ist dran an dieser sehr emotional geführten Diskussion um Sinn und Unsinn heutiger Romanhelden?

Gesprächspartnerin am 12. Oktober ist Ines Geipel, 1960 in Dresden geboren, zu DDR-Zeiten Leistungssportlerin. In ihrem Buch "Generation Mauer. Ein Porträt", dieses Jahr erschienen, versucht sie, die ihrer Ansicht nach bisher unerzählte Geschichte der mittleren DDR-Generation zu skizzieren.

Gespannt dürfen wir am 9. November auf Sibylle Lewitscharoff sein. Die hat sich seit den recht krass formulierten Bemerkungen zur Reproduktionsmedizin in ihrer Dresdner Rede vom März einiges anhören müssen. Das tut der in der Regel hohen Qualität ihrer literarischen Texte keinen Abbruch. Sie gilt als komplexe Kritikerin des zeitgenössisch überforderten Ichs, zugleich verweigert sie sich dem dominierenden Realismus in der Literatur, besticht mit schöpferischer Phantasie.

Eine anspruchsvolle Journalistin schließlich wird am 23. November zu erleben sein: Jana Simon aus Berlin. Unter dem Titel "Sei dennoch unverzagt", hatte sie Gespräche mit ihren Großeltern Gerhard und Christa Wolf veröffentlicht. Nun hat sie mit "Das explodierte Ich" eine Sammlung ihrer Porträts vorgelegt.

www.saechsischer-kunstverein.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.09.2014

Tomas Gärtner

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