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"Gefühl für unsere Weltgemeinschaft": DNN-Interview mit Jan Vogler, Intendant der Dresdner Musikfestspiele und Musiker

"Gefühl für unsere Weltgemeinschaft": DNN-Interview mit Jan Vogler, Intendant der Dresdner Musikfestspiele und Musiker

Frage: Als Musiker und Intendant verstehen Sie sich immer als international verknüpfter Künstler, wollen Verbindungen zwischen Kulturen und Menschen besonders herausstreichen und fördern.

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Intendant, Musiker und Weltbürger: Jan Vogler.

Quelle: Jim Rakete

Dresden, wo Sie auch - neben New York - leben und in dem die von Ihnen verantworteten Festspiele jährlich stattfinden, macht seit Monaten Schlagzeilen als Aufmarschort der sogenannten "Pegida". Was empfinden Sie, wenn Sie diese Tausenden von Woche zu Woche marschieren und skandieren sehen?

Jan Vogler: Ich empfinde es als Rückschlag. Ich habe selbst in der Wendezeit mitdemonstriert. Wir wollten Freiheit und Demokratie. In einer einmalig glücklichen geschichtlichen Konstellation hat sich dieser Traum erfüllt. Auf meinen Reisen in den letzten Jahren habe ich immer wieder vergleichend festgestellt, dass wir in Deutschland in einer wirklich privilegierten Situation leben, in einer sehr gefestigten und modernen Demokratie. Im Gegensatz dazu leben viele Millionen Menschen in der Welt unter verheerenden Bedingungen. Es ist unsere Pflicht zu versuchen, diesen Menschen zu helfen. In diesem Gesamtbild wirken die Pegida-Demonstrationen wie ein Anachronismus und haben eine negative Ausstrahlung.

Frage: Wie geht es dabei Ihrer Frau, der aus China stammenden Geigerin Mira Wang?

Jan Vogler: Sie sieht das deutlich gelassener als ich. Sie kennt Dresden seit über 20 Jahren und wurde immer freundlich und offen aufgenommen. Ich denke, dass sie es mehr als das einschätzt, was es sicher auch ist: eine wenig erfreuliche Facette der Meinungsfreiheit.

Frage: Erreichen Sie als Veranstalter der Musikfestspiele, zu denen internationale Gäste nach Dresden kommen und hier musizieren, von außerhalb besorgte Anfragen? Wie reagieren Sie darauf?

Jan Vogler: Es war vor allem in Januar tatsächlich Gesprächsthema von New York bis Peking. Ich wurde sehr viel dazu befragt, und es herrschte eine allgemeine Ungläubigkeit vor: Waren diese Ängste nicht ein längst überwundenes Thema? Dresden ist eine international geschätzte Kulturstadt, gerade in den letzten Jahren hat sich die Stadt toll entwickelt. Die jüngsten Berichte standen dazu im extremen Kontrast. Dazu kamen die meisten Fragen. Ich habe versucht, differenziert zu antworten, mich mit der Situation auseinanderzusetzen und trotzdem nicht zu pauschalisieren.

Frage; Könnte es gar zu Absagen von Künstlern kommen?

Jan Vogler: Das hoffe ich nicht. Ein Künstler hat ja immer auch ein gewisses Sendungsbewusstsein. Vielleicht hofft sogar der eine oder andere Künstler, mit seinem Auftritt etwas zu dem weltoffenen und toleranten Dresden beizutragen, für das der übergroße Teil der Bevölkerung hier auch eintritt.

Frage: Was, denken Sie, treibt viele Menschen auf die Straße, die man nicht dem Rechten Spektrum zuordnen sollte?

Jan Vogler: Sicher haben die Menschen auch - und vielleicht auch gerade - in einer freiheitlichen Gesellschaft Sorgen. So wurde Pegida für eine Weile Sammelbecken für unzufriedene Bürger. Ich denke aber, dass diese Phase vorbei ist. Im Moment ist es so klar wie noch nie seit Beginn der Bewegung: Da wird viel rassistisches Gedankengut offen gezeigt, das dürfen wir nicht tolerieren.

Frage: Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden, um die Bürger, die zwar nicht zur Wahl, dafür aber in den "Pegida"-Zügen auf die Straße gehen, dazu zu bringen, ihr demokratisches Recht wahrzunehmen und den politischen Verantwortungsträgern wieder mehr zu vertrauen?

Jan Vogler: Das ist eine gute Frage. Ich diskutiere mit jedem, mit dem Taxifahrer, dem Handwerker und Musiker. Letztendlich muss sich jede Idee in einer freien Gesellschaft in der Diskussion beweisen. Dabei ist es wichtig, auch die Konsequenzen des Handelns anzusprechen. Schließlich hat die Bewegung bisher nichts Konkretes verändert, gleichzeitig ist für Dresden ein großer Imageschaden entstanden, der unsere Stadt behindert. Dagegen gibt es Hunderte von gemeinnützigen Vereinen in Sachsen, in denen man sich engagieren und auch konkret etwas verändern und verbessern kann.

Frage: Es gab und gibt in Dresden Veranstaltungen mit Künstlern zur Unterstützung von hier lebenden Ausländern und Aufnahme suchenden Flüchtlingen. Was kann Kunst in einer solchen Situation überhaupt, und was sollten Künstler tun?

Jan Vogler: Kunst ist in solchen Situationen unglaublich stark und wichtig. Vielleicht wichtiger als Reden und politische Reaktion. Musik strahlt immer, ganz autonom und selbstverständlich, Gefühl, Mitgefühl und Sensibilität aus. Bei einem guten Konzert fühlt das Publikum in bestimmten Momenten gemeinsam, das ist genau, was wir jetzt brauchen.

Frage: Künstler wie die Schriftsteller Martin Walser und Durs Grünbein haben sich kritisch geäußert, der Chefdirigent der Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann, hat in einem "ZEIT"-Beitrag seine Auffassung zu "Pegida" dargelegt. Wie empfanden Sie seine Äußerungen? Sollten sich Orchester wie Staatskapelle und Philharmonie als international tätige Künstler öffentlich sich zu den Vorgängen positionieren?

Jan Vogler: Ich finde die Wortmeldungen von Künstlern wichtig. Das Spektrum der Meinungsäußerungen und Positionen ist breit, so wie sich das für eine Demokratie gehört. Ich finde, dass sich die Kulturinstitutionen klar positioniert und auch schnell ein gemeinsames Netzwerk aufgebaut haben.

Frage: Sie und Ihre Familie leben einen Teil des Jahres in New York im klassischen Einwanderungsland USA. Wie wird dort das Geschehen in Dresden und anderen Städten Deutschlands wahrgenommen?

Jan Vogler: New York ist tatsächlich eine der Städte in der Welt, in denen die unterschiedlichsten Kulturen und Religionen ganz selbstverständlich miteinander leben. Jeder, der schon einmal in New York war, wird die positive Energie und Kraft gespürt haben, die daraus erwächst. Man bekommt ein Gefühl für unsere Weltgemeinschaft, und die Hoffnung, dass vielleicht einmal in der ganzen Welt alle Menschen so friedlich und tolerant zusammenleben könnten, wächst.

Frage: Im Zuwachs durch andere Kulturen liegen große Chancen, worin sehen Sie solche für Deutschland und Dresden?

Jan Vogler: Natürlich ist das die wirkliche Baustelle für die Zukunft. Wir haben in Dresden nur sehr wenige ausländische Mitbürger, der kulturelle Austausch ist hier noch nicht in Gang gekommen. Wir brauchen mehr Ausländer in Sachsen. Selbst wenn ich in Köln, München oder Hamburg bin, treffe ich in der ersten Stunde nach meiner Ankunft am Flughafen, im Hotel, im Restaurant oder Taxi, Menschen aus vielen Teilen der Welt. Sie sind völlig selbstverständlich in das tägliche Leben integriert. Das hilft natürlich dabei, diese Kategorisierung in Deutsche und Ausländer zu vergessen.

Frage: Was könnte ganz speziell in Dresden getan werden, um die Integration von Menschen aus dem Ausland voranzubringen, sie zu befördern? Haben Sie da ganz konkrete Ideen?

Jan Vogler: Da gibt es viele gute Ideen. Hier liegt auch eine Chance, da wir reagieren müssen und so vielleicht sehr gute Initiativen zum Tragen kommen. Wenn wir es zum Beispiel schaffen könnten, jedem Asylbewerber einen Dresdner zur Seite zu stellen, der eine Art Patenschaft übernimmt und dem Gast in Deutschland bei der Bewältigung ganz alltäglicher Probleme hilft, dann könnte das Modell sogar aus Dresden heraus bundesweit Schule machen.

Frage: Es ist nicht mehr lange hin bis zu den diesjährigen Dresdner Musikfestspielen. Wird es Überraschungen über das bereits bekannte Programm hinaus geben?

Jan Vogler: Unsere Eröffnungsgala ist gefüllt mit Überraschungen. Wir werden die Messe in einen stimmungsvollen Konzertsaal verwandeln, getaucht in das Licht von Feuer und Eis. Das wird eine ganz andere und neue Festspielatmosphäre, ich freue mich sehr darauf. Ich denke, dass wir hier auch tatsächlich ein sehr breites Publikum ansprechen können. Es ist eine wirkliche Gala, von Stars bis zu dem Schülertanzprojekt 'Let's Dance' ist hier für jeden Dresdner eine Brücke gebaut, und ich hoffe, dass auch viele neue Konzertbesucher über sie zu uns kommen.

Frage: Auf welche Bilanz hoffen Sie für die diesjährigen Festspiele?

Jan Vogler: Im Moment gehen wir von einer weiteren deutlichen Steigerung der Besucherzahlen aus, wir wachsen weiter. Das freut mich sehr, fordert aber unser kleines Team auch wirklich bis an die Grenzen, meine Mitarbeiter reagieren auf die große Dynamik mit Enthusiasmus und leisten Unglaubliches. Aber in absehbarer Zeit müssen wir auch personell wachsen, nur so kann die positive Entwicklung weitergehen.

Frage: Und was erhoffen Sie für Dresden in den kommenden Monaten? Sind Sie optimistisch?

Jan Vogler: Natürlich bin ich optimistisch, schon aus Prinzip! Vor einigen Tagen war ich an einem Samstag in Dresden unterwegs, es war wunderbares Wetter und die ganze Stadt auf den Beinen. Die Stimmung war sehr gut, und ich hatte, vielleicht sehr subjektiv, das Gefühl, dass Dresden durchatmete. Mit den Festspielen werden wir genau dort ansetzen und eine Atmosphäre erzeugen, die uns verbindet und nicht entzweit. Wir haben große internationale Orchester und Solisten, aber auch skandinavische Volksmusik, Tanz, Weltmusik, Fado und Klezmer. Ich denke, dass das - zusammen mit dem kommenden Frühling - den Dresdnern und allen Besuchern viel Lebensfreude vermitteln wird.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.03.2015

Kerstin Leiße

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