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Gefeierte Uraufführung "Auf Händen gehen" um den sorbischen Priester Alojs Andritzki in Bautzen

Gefeierte Uraufführung "Auf Händen gehen" um den sorbischen Priester Alojs Andritzki in Bautzen

Es ist verbürgt, er liebte es, im Handstand zu gehen. Fotos belegen es, er sprang von den Klippen in die Tiefe eines Sees im Steinbruch. Alojs Andritzki war ein sportlicher junger Mann.

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Überzeugend: Jurij Schiemann in der Rolle des Alojs Andritzki.

Quelle: Miroslaw Now

Kann sein, ein Dickschädel auch, Kompromisse waren seine Sache nicht. Aber so wie er den Körper trainierte, so auch den Geist, er malte, Theaterspielen war ihm nicht fremd, im Januar 1941 führte er in der ehemaligen Dresdner Hofkirche und in der Pfarrkirche zu Pirna das auf mittelalterliche Traditionen zurück gehende Oberuferer Weihnachtsspiel mit etwa 50 Jugendlichen auf.

Und er war ein Sorbe, von Kopf bis Fuß, ob als Vorsitzender der Studentenvereinigung und Sprecher der sorbischen Studentenschaft in der Domowina, Leiter der Jugendgruppe in Radibor oder Redakteur der Studentenzeitschrift.

Da war der junge Priester Alojs Andritzki schon Kaplan an der heutigen Kathedrale in Dresden. Zwei Jahre später, 1941, wird er wegen staatsfeindlicher Aussagen von den Nazis verhaftet.

Andritzki war bewusst, wie wichtig der Erhalt der Sprache für die Kultur, für die Musik, für die Bräuche und Lieder war. So konnten gerade über kirchliche Traditionen der vorwiegend katholischen Sorben deren Sprache und Lieder und somit ihre identitätsstiftenden Bindungen bewahrt werden. Und somit standen für die Nazis gerade sorbische Geistliche der "Sicherung des Deutschtums" entgegen, sie wurden versetzt oder verhaftet, wie außerordentlich viele katholische Geistliche. Fünf von insgesamt 72 im Bistum Meißen verhaftete Priester waren Sorben. Alojs Andritzki gehörten zu denen, die ihre Standhaftigkeit mit dem Leben bezahlten. Am 10. Oktober 1941 wurde er in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert, schwer erkrankt und entkräftet starb er am 3. Februar 1943 an einer tödlichen Injektion.

Mit diesem Ende im KZ beginnt die Uraufführung des Musiktheaters "Auf Händen gehen" anlässlich des 100. Geburtstages Andritzkis, der am 2. Juli 1914 in Radibor geboren wurde und 2011 vor der Dresdner Kathedrale, der ehemaligen Hofkirche, selig gesprochen wurde und somit als Märtyrer gilt.

Nach biografischen Dokumenten, Gerichtsakten, Aussagen von Zeitzeugen, unter Verwendung katholischer, sorbischer Traditionen, hat Eva-Maria Zschornack ein Theaterstück geschrieben, zwölf Stationen eines Lebensweges, orientiert an Überlieferungen aus der Geschichte der Passions- und Mysterienspiele, der Jesuitendramen und des dokumentarischen Theaters.

Ulrich Pogoda hat dazu, ebenfalls inspiriert von solchen Erfahrungen, die Musik geschrieben. Das ist ein grundierender, narrativer Orchestersatz mit vielen chorischen Passagen, die sowohl originale Briefe Andritzkis kommentierend beinhalten, als auch nach der Art des antiken Theaters und dessen Widerspiegelungen in der geistlichen Dramatik, Handlungen hinterfragen und unterbrechen.

Pogodas Musik verwendet den Sprechgestus ebenso wie die meditative Vokalise. Manchmal meint man aufrüttelnde Momente wie bei Kurt Weill zu vernehmen, bevor er Deutschland verlassen musste. Und mit marschähnlichen Figuren unterlegt kann aus einem Kirchenlied ein subversiver Protestgesang aus der Haltung des inneren Widerstandes werden.

Dieter Kempe leitet das Orchester des Sorbischen Nationalensembles mit auffälligen Passagen für Klavier und Schlagwerk. Der Chor des Ensembles singt und agiert gemeinsam mit dem Bautzener Chor, einstudiert von Gabriele Donà und Michael Janze.

Miroslaw Nowotnys Bühne lässt die raschen Wechsel gut von statten gehen, prägend ist eine bewegliche Spielfläche, die sich drehen kann, die den Boden für die Protagonisten unsicher macht, wenn sie abschüssig noch vorn kippt oder sogar alles ins Wanken bringt. Im gleichen Grundriss darüber ein schwebendes Abbild als Projektionsfläche für Spiegelungen historischer Orte oder verfremdeter Assoziationen.

Lutz Hillmanns Regie ist der Sachlichkeit verpflichtet, geradezu asketisch sind seine Arrangements, nur das Nötigste zählt, das schafft eine ganz besondere optische Poesie, die dem leicht agitatorischen Text gut tut. Mit Jurij Schiemann hat er einen Hauptdarsteller, der den Kopfläufer Alojs Andritzki glaubhaft darzustellen weiß, Widersprüche nicht ausschließt und so die fast sportive Glaubensgewissheit auch in ihrer Problematik für die Umwelt zumindest andeutungsweise zeigt. Besonders gelungen sind Szenen, wenn Schiemann als Andritzki den Clown Gottes zu spielen versteht oder mit Bezügen zur Dramaturgie des Passionsspiels in den Konflikt mit seinem von Mirko Brankatschk gespielten Freund gerät, der dann die Position des Verräters Judas übernimmt und dabei durchaus in menschlich nachvollziehbare Konflikte gerät.

Nicht zu vergessen, so wie Schiemann den jungen Priester spielt, ist es verständlich, wie gerne sich die jungen Chorsängerinnen von ihm die heiße Schokolade einschenken lassen. Auch diese Problematik klingt an und immer präsent ist die Frage: Was wäre, wenn Andritzki einen seiner Kinderträume verwirklicht hätte und als Pilot über den Wolken flöge? Am Ende, im andachtsvollen Schlussbild, schwebt er in einer Projektion mit weit ausgebreiteten Armen. Das ist ein so berührendes wie menschliches Bild für den Zustand der Seligkeit im Kindertraum.

Und bei so viel Berührung, nicht zu verwechseln mit Rührung, ist es nicht überraschend, wenn der Premierenbeifall sich langsam, dann aber um so begeisterter steigert, dem Priester die Bravorufe gelten und sich am Ende das Publikum erhebt und einen feierlichen Gesang anstimmt. Wer des Sorbischen nicht kundig ist muss, einen regelrechten Hymnus vermuten, wer aber fragt, erfährt, dass man diesen Gesang auch mit "Hoch soll er leben" übersetzten kann.

nächste Aufführungen: 16., 26.4.; 4., 10., 16.5.

www.theater-bautzen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.04.2014

Boris Gruhl

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