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Gefangen im Zwiespalt: Jaroslav Rudis stellte in Dresden zwei Bücher und einen Film vor

Gefangen im Zwiespalt: Jaroslav Rudis stellte in Dresden zwei Bücher und einen Film vor

Wer Geschichte und Gegenwart Mitteleuropas aus der Perspektive unserer südöstlichen Nachbarn erleben will, kann das jetzt in zwei wunderbaren Büchern.

"Die Stille in Prag", einem Roman (Luchterhand, 16,99 Euro), und "Alois Nebel" einem umfangreichen Comic der anspruchsvolleren Art, einer "graphic novel" (Voland & Quist, 24,90 Euro). Verfasst hat sie Jaroslav Rudis, der damit zu Gast im Thalia-Kino beim Festival "Literatur Jetzt!" war. Dieser tschechische Autor ist Jahrgang 1972, ein Pendler zwischen Sprachen und Kulturen, zu Hause in Prag ebenso wie in Berlin.

"Die Stille in Prag" schildert mit äußerst feinem Gespür eine Zeit des Umbruchs. Vorbei sind die wilden Neunziger mit Revolution und Party. Was Neues kommt, ist noch unklar. Sicher ist allein die Sehnsucht nach einem ruhigeren, normalen Leben. Tschechen fordern ihr Recht auf einen angestammten Platz in der Mitte Europas ein. Das fällt mit dem Moment zusammen, wo Beziehungen zu Ende gehen. Wir lernen die Sängerin einer Punkband kennen, um die 20. Sie hat die Nase voll von ihrem Freund und Bandkollegen, der fremdgeht. Dazu eine Kulturwissenschaftlerin, fast 30, die als Theoretikerin auf Konferenzen unterwegs ist, um Europa geistig zusammenzubringen. Die will sich nach einer Liebesnacht mit einem anderen von ihrem reichlich sieben Jahre älteren Mann trennen, einem in Prag lebenden US-Amerikaner, von Beruf Anwalt. Ein Percussionist aus der Prager Philharmonie hat seine Frau verloren, die an einer schweren Krankheit gestorben ist. Ein Verlust, über den er nicht hinwegkommt. Ein junger Mann hat sein Elektrotechnik-Studium abgebrochen, fährt als Aushilfskraft Straßenbahn. Gibt diese Arbeit aber auf.

Musik spielt eine tragende Rolle. Wie Titel von Lieblingsbands zu einem Stück des eigenen Lebens werden, wird erlebbar. Wie Musik vor Einsamkeit bewahrt, dabei Alleinsein ermöglicht. Wie sie einen an vergangene schöne Momente erinnert, zugleich aber hinwegtröstet über die schwer erträgliche Gegenwart. Dieser Orchestermusiker geht sogar so weit, sie als Betäubungsmittel zu betrachten, das uns taub macht für die von Europas Rändern heranziehende Gefahr neuartiger Kriege. Weshalb er mit einem Fanatismus, der zum Terrorismus tendiert und von diffuser Angst getrieben ist, Kabel von MP3-Playern kappt, besessen von einer Mission: "Er muss den Menschen das Hören beibringen. Die Fähigkeit, sich selbst zuzuhören." Erkenntnis und Erlösung liegen für ihn in der Stille.

Und ein von Fernando Pessoa in dessen "Buch der Unruhe" formuliertes Leitmotiv wird variiert: "das unstillbare, grenzenlose Verlangen, allzeit derselbe und zugleich ein anderer zu sein". Alle fühlen sich wie diese Kulturwissenschaftlerin: "Im Zwiespalt gefangen. Als wäre sie ruhig und unruhig auf einmal."

Dies wird uns im ständigen Wechsel aus der Perspektive der fünf Hauptpersonen erzählt. Wie sich deren Wege berühren, durchkreuzen, am Ende in einem Rock-Club zusammenkommen - das ist meisterhaft gebaut. Man sieht die Konstruktion nicht, weil sie als Zufall daherkommt. Dieses Buch ist eine großartige, polyphone Sinfonie mitteleuropäischen Lebensgefühls der Gegenwart.

"Alois Nebel" wiederum besticht durch Rasanz, eine eigentümliche Mischung aus Düsterkeit und liebenswürdigem Humor, vor allem durch historische Tiefe. Es ist die Geschichte eines Eisenbahners, der kurz vor dem politischen Umbruch von 1989 seine Arbeit im Bahnhof eines winzigen Ortes im Altvatergebirge verliert. Weil er von Visionen verfolgt wird: Aus dem Nebel tauchen Züge auf mit SS-Männern und KZ-Häftlingen oder mit den nach 1945 vertriebenen Deutschen. Das Vergangene kehrt zurück und stört den reibungslosen Ablauf der Gegenwart - was für ein faszinierendes Gleichnis.

Und auch er, dieser kleine Mann, melancholisch, stoisch, der nichts lieber hat als Beständigkeit, erlebt einen Umbruch, entdeckt die Liebe. Für Jaroslav Rudis verkörpert er ein Stück altes Mitteleuropa, halb Tscheche, halb Deutscher. Dazu die Eisenbahn als Zeugin der Geschichte.

Das Buch lässt vornehmlich Bilder sprechen, gestaltet von Jaromir 99 in härtesten Kontrasten: Schatten - Licht, Schwarz - Weiß. Vergangenes Jahr ist es in der Tschechischen Republik verfilmt worden. In einem ungewöhnlichen Verfahren, bei dem richtige Schauspieler aus einem Schwarz-Weiß-Film in gezeichnete Animationen verwandelt wurden. Zu Schwarz und Weiß ist noch Grau gekommen. Der beeindruckende Streifen kunstvoll verfremdeten dramatischen Geschehens war an diesem Abend im "Thalia" schon einmal zu sehen. Nächstes Jahr soll er in die deutschen Kinos kommen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.10.2012

Tomas Gärtner

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