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Gefangen im Körper eines Weibes - Stück "Der Teufel mit den Titten" in der St. Pauli-Ruine-Dresden.

Gefangen im Körper eines Weibes - Stück "Der Teufel mit den Titten" in der St. Pauli-Ruine-Dresden.

Als es mal unvermeidlich war, etwas über den berühmt-berüchtigten Regisseur Russ Meyer zu schreiben, der obsessiv weibliche Oberweiten ins Bild rückte, ließ der Spiegel seine Leser wissen: Meyers Filme hätten "immer etwas Herausragendes".

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Jens Ottersberg als "Hauptteufel" Francipante, umgeben von seinen Jüngern, setzt alles daran, den Richter Alfonso de Tristano zu diskreditieren.

Quelle: Theaterbüro St. Pauli

Das war nicht zu übersehen, und auch so ziemlich die einzige Botschaft aus dem "Tiefen Tal der Supervixen". Auch sonst ist der nackte weibliche Oberkörper in der visuellen Kultur zumindest des Westens omnipräsent, nicht mehr wegzudenken, wobei die entblößte Brust nicht selten dazu dient, etwas zu verkaufen, ob nun Autos oder politische Botschaften. Vor allem die Femen-Frauen haben den Exhibitionismus, der davon lebt, dass Zuschauer nicht gefragt werden, ob sie so viel Information wollen, zur Kunst erhoben.

Auch im Stück "Der Teufel mit den Titten" spielt, was man sich schon vom Titel her denken kann, der weibliche Busen eine wichtige Rolle. Hier ist es Pizzocca, Haushälterin des Richters Alfonso de Tristano, der plötzlich ein Riesenbusen wächst, ganz ohne dass ein plastischer Chirurg Hand an- und Silikon eingelegt hätte. Wie es kommt? Nun, der Hilfsteufel Barlocco sollte auf Geheiß des Hauptteufels Francipante in den unbestechlichen Richter fahren, um ihn - so der Plan - beim Volk moralisch zu diskreditieren und damit unbeliebt zu machen. Aber weil Pizzocca aus einer Laune heraus in die richterliche Dienstkleidung schlüpft, kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung. Barlocco fährt - und zwar rektal wie eine Art Zäpfchen, was nur geht, weil man ihm vorher die Hörner abgesägt hat - in Pizzocca und ist am Ende gar gefangen für immer im Körper des Weibes. "Strafe oder Geschenk?" Das lässt das Stück, in dem es auch sonst gern mal derb zugeht und geschweinigelt wird, offen. Der Plan bleibt erst mal der gleiche: den Richter, der ins Visier von Macht und Inquisition gerät, weil er in dubiosen Geschäften ermittelt, zu verderben.

Verfasst wurde "Der Teufel mit den Titten" von Dario Fo, Enfant terrible der italienischen Literaturszene, aber auch als Meister des politischen Theaters geltend und 1997 mit dem Nobelpreis für Literatur geadelt. Vom Stil her ist das Werk Fos angelehnt an die Commedia dell'arte, viel an Tiefenschärfe und Feinzeichnung haben die Charaktere nicht zu bieten, umso mehr müssen Handlung und Witz mitreißen. Im Nachwort zu "Der Teufel mit den Titten" heißt es: "Selbstverständlich ist jede Ähnlichkeit mit aktuellen Tagesereignissen gänzlich unbeabsichtigt; es ist ja bekannt, dass die Klassiker stets schamlos die Skandale und Persönlichkeiten der Chronik unserer Tage kopiert haben!"

Aufgeführt wird das 1997 verfasste Stück in Deutschland eher selten. Insofern ist Jörg Berger, der das Stück ausgegraben und in der St. Pauli Kirchenruine in Szene gesetzt hat, Respekt zu zollen, dass er auf ein unbekanntes Werk setzt. Wie immer gibt es - das ist so sicher wie früher das Amen der Kirche, was das Bauwerk einst ja auch mal war - eine Szene, in der von der Balustrade herab gesprochen wird. Eher neu und sehr hübsch ist der Einfall, in einzelnen Momenten Wäschelaken als Projektionsfläche zu benutzen und eine Art Schattenspiel zu inszenieren. Elf Akteure schlüpfen voller Elan in die unterschiedlichsten Rollen, wobei der Richter (Martin Rossmanith), die Haushälterin Pizzocca (Ingrid Schütze) und Hauptteufel Francipante (Jens Ottersberg) die wichtigsten sind und auch schauspielerisch am meisten zu überzeugen vermögen. Auch Karl M. Weber vermag als Kardinal einige Akzente zu setzen. Das größte Ah und Oh gibt's immer dann, wenn die Teufel auftauchen, wobei die Knechte des Höllenfürsten in einer ziemlichen Mickey-Maus-Tonlage sprechen, was kontraproduktiv scheint. Die Teufel wirken eher komisch und niedlich, als fürchterlich und erschreckend.

Zudem setzt Matthias Krüger am Klavier musikalische Akzente, wichtig insbesondere bei den diversen Gesangseinlagen. Das Stück mit seiner bizarren Handlung, in deren Verlauf es neben Zoten auch zu (zwei) Toten kommt, spielt in Zeiten, als Verdächtige bei Verhören - "wie üblich" - "aufs Rad geflochten und ein wenig angesengt" wurden, weshalb ein Geständnis nie lange auf sich warten ließ. Bezüge zum Heute lassen sich aber ohne Weiteres immer wieder mal herstellen. Die Empörung darüber, dass Unmoral zur Tugend wird, ist zeitlos, außer bei Putin-Verstehern vielleicht. Korruption in Politik und Gesellschaft wird angeprangert, zudem eine Lanze gebrochen für die Lust, das Ideal der Askese hingegen der Lächerlichkeit preisgegeben. Die (katholische) Kirche bekommt, das lässt sich Fo selten nehmen, immer wieder mal eins mit der (Moral-)Keule übergebraten.

Ebenfalls typisch: Es wird kein Blatt vor den Mund genommen, zur Not bekommt - quasi als Entschuldigung - Pizzocca den Satz in den Mund gelegt: "Gott verzeih mir, unsere Sprache ist voll von Schweinereien." Jede Sprache ist voll davon, die Goethes wie die Shakespeares oder die Tolstois natürlich auch. Das entsetzt in schöner Regelmäßigkeit Freunde der gepflegten Sprache, aber des einen sin Uhl ist des anderen sin Nachtigall. Den Teufeln geht in dieser frivolen Satire Fos das Wort "Christ" nur schwer über die Zunge beziehungsweise liegt ihnen dröhnend in den Ohren.

nächste Vorstellungen: heute, 19.30 Uhr, sowie vom 18. bis 20.8.

Karten unter Tel.: 0351/ 272 14 44

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.07.2014

Christian Ruf

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