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Gedichte und Briefe der Toten des ersten Weltkriegs in einem Band versammelt

Gedichte und Briefe der Toten des ersten Weltkriegs in einem Band versammelt

Der Maler Ludwig Meidner und der Dichter Ernst Wilhelm Lotz bewohnten "einen rustikalen, kubischen Kasten am Anfang der Bautzner Straße".

Dresden im Frühjahr 1914.

Sie schlugen sich "wie Berserker durch den Tag ... Lotz dichtete jetzt seine besten Gedichte". Lotz, 1890 in Westpreußen geboren, hatte schon mit 16 eine Offiziersausbildung begonnen, mit 17 war er Fähnrich, später Leutnant, mit 21 nahm er seinen Abschied vom Militär.

1913 hatte er mit dem lyrischen Flugblatt "Und schöne Raubtierflecken ..." debütiert, nun in Dresden arbeitete er an seinem Lyrikband "Wolkenüberflaggt", ein, so erinnert sich Meidner "beschwingter, blonder Soldat", "schmetterlingsbunt und Gangestänzer", der "das Todesgrauen verlachte und nur dem irdischen, atmenden Sein seine Päane sang". Anfang August, als das deutsche Reich mobil machte und Frankreich den Krieg erklärte, meldete sich Lotz freiwillig zum Heer. Das Erscheinen seines zweiten Gedichtbandes hat er nicht mehr erlebt, am 26. September 1914 fiel er in Bouconville an der Aisne - einer der ersten jungen Dichter, die auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen.

Auch der Dresdner Dichter Alfred Walter Heymel (Jahrgang 1878), einer der Mitbegründer der Zeitschrift "Insel" und des gleichnamigen Verlages, sehnte wie viele andere Deutsche, auch Schriftsteller, den Krieg herbei. "Ich glaube, unsere Jugend und unsere Kunst und unsere Literatur brauchen wieder große, strenge, fürchterliche Zeiten, die Opfermut und völlige Hingabe an eine äußerlich sichtbare Idee fordern. Ich kriege oft das Speien über unsere Jugend, die ... sich pretiös und weichlich auf sich selbst zurückzieht."

Obwohl an einer tuberkulösen Erkrankung leidend und bis Mai 1914 noch in einem Sanatorium, ging Heymel an die Front und schwärmte noch im Zug von der Kriegsbegeisterung der Bevölkerung: "Gesang und Blumen und Liebesgaben überall". Schon im September verschlechterte sich sein Gesundheitszustand, er musste zurück nach Berlin, wo er am 26. November starb.

Die anfangs sehr verbreitete Kriegsbegeisterung war nicht nur ein Privileg der Jugend. Der Heidedichter Hermann Löns etwa war schon 48, als er sich freiwillig meldete. Es brauchte sogar guter Beziehungen, dass man den Ungedienten und gesundheitlich Angeschlagenen an die Front schickte. Löns fiel schon bei seinem ersten Sturmangriff am 26. September in der Nähe von Reims und damit nicht weit entfernt und einen Tag nach dem expressionistischen Lyriker Alfred Lichtenstein. Der Mitarbeiter der Zeitschrift "Die Aktion" war im Oktober 1913 als Einjährig-Freiwilliger in ein Infanterieregiment eingetreten, ein kurz vor der Abfahrt an die Front geschriebenes Gedicht trägt den Titel "Abschied" und endet mit der Zeile: "Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot."

Zu den Gedichten, die Lotz kurz vor dem Krieg für den Gedichtband vorbereitete, wendet sich eins "An Ernst Stadler" und bekennt sich euphorisch zu den "Bruderversen" des sieben Jahre älteren Dichters. "Und als ich dich sah, atmend nah, hell und zu glühenden Worten gekühlt,/Wußte ich: Alles ist da! Alles lebt, was man mit Wünschen erfüllt!" Stadler (geb. 1883), ein Wegbereiter der expressionistischen Lyrik und als Reserveoffizier eingezogen, wurde am 30. Oktober 1914 bei Ypern von einer englischen Granate getötet. "Wundervolle Herbstlandschaft mit Wasser, dem Oise Kanal, hellen Wiesengründen mit gelbgefärbten Baumgruppen", heißt es im letzten Tagebucheintrag.

An jenem 30. Oktober lag der Militärapotheker Georg Trakl (geb. 1887) bereits in einem Lazarett in Krakau. Der Dichter hatte angesichts der Kriegsgräuel in Galizien einen Nervenzusammenbruch erlitten. Am 3. November starb er durch eine Überdosis Heroin. "Schlaf und Tod, die düstern Adler/Umrauschen nachtlang dieses Haupt" beginnt ein Gedicht, das er wenige Tage zuvor an einen Freund geschickt hatte.

Schon das erste Kriegsjahr forderte weitere Opfer unter den Schriftstellern, bis zum Ende des Krieges werden es um die sechzig sein. Viele der Namen sind heute kaum noch bekannt, viele der jungen Dichter standen am Anfang ihres Schaffens, und ihnen blieb nicht die Zeit, ein umfangreiches Werk zu hinterlassen. Das gilt vor allem für die Generation der Expressionisten deren Reihen sich weiter lichteten.

Hugo Hinz, mit zwanzig Jahren Ende 1914 im Osten gefallen, dichtete: "Wir träumten kaum erst unter Blütenbäumen/vom Leichten des Daseins,/da überkam uns schon/schwerdunkle Fülle des Grabes". August Stramm fiel in Russland, Walther Heymann in Frankreich, Gustav Sack in Rumänien, der böhmische Dichter Franz Janowitz im November 1917 in den slowenischen Alpen. Karl Kraus hat ihm ein Gedicht nachgerufen, das mit den Zeilen beginnt: "Ein Landsknecht du? Vier Jahre deines Seins/hast du dein frühlingshaftes Herz getragen/durch Blut und Kot und alle Pein und Plagen/und wurdest der Millionen Opfer eins?"

Das Meer war das Leben des Autors Gorch Fock. Der 1880 geborene Sohn eines Hochseefischers und Angestellter der Hamburg-Amerika-Linie, war zur Infanterie eingezogen worden, kämpfte in Serbien und Russland, dann bei Verdun, wechselte auf eigenen Wunsch zur Marine, wo er Dienst im Ausguck auf einem Kreuzer tat. In der Seeschlacht am Skagerrak ging der Kreuzer unter und mit ihm Gorch Fock.

Unter den Toten des Weltkrieges waren auch die Schriftsteller Walter Flex und der schon 51-jährige Max Dauthendey, der Ende August 1918 auf Java, einer Kolonie des Kriegsgegners Niederlande, an Malaria starb. Als Deutscher hatte er vier Jahre in einem Internierungslager verbringen müssen.

Zu den früh vollendeten Expressionisten zählte auch der 1890 in Hannover geborene Gerrit Engelke, ein Arbeiterdichter, der in seinen von Walt Whitmann beeinflussten Gedichten immer wieder seinen Glauben an einen "neuen Menschen" beschwor. Im Krieg mehrmals schwer verwundet, starb er am 13. Oktober 1918 in einem britischen Lazarett, nur wenige Tage vor dem Waffenstillstand.

"Vermächtnis" heißt ein Band mit Gedichten und Briefen der Toten des Weltkrieges, der 1930 im Verlag Wilhelm Limpert in Dresden erschien. Ging es da noch um Erinnerung, wird fünf Jahre später im Buch "Das Ehrenmal der gefallenen Dichter" schon ein anderer Ton angeschlagen. "Jammert nicht händeringend auf einer Kirchenbank -/Trauer ist nichtig. Wichtig ist Kampf. Er ist Dank!" heißt es im Vorwort. Und im Nachwort müssen die Herausgeber schon erklären, warum sie auch Hugo Zuckermanns gedenkt, obwohl der "nichtarischer Abstammung ist". "Wir sehnen und, wir schreien nach dem Kriege" heißt es bei Alfred Walter Heymel, Bis zum Zweiten Weltkrieg ist es da schon nicht mehr weit.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.08.2014

Jens Wonneberger

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