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Gedenken der Dresdner Philharmonie mit Schostakowitschs 7. Sinfonie

Gedenken der Dresdner Philharmonie mit Schostakowitschs 7. Sinfonie

Zuerst ist die Bedrohung eine ganz Untergründige. Wenn im ersten Satz von Dmitri Schostakowitschs 7. Sinfonie - der berühmten "Leningrader" - das Invasionsthema die ersten beiden Male erklingt, kommt es bei kaum vernehmlichem Trommelwirbel mit Streicher-Pizzicato und Flötenhauch unterm Deckmäntelchen eines trällernden Liedchens daher.

So trügerisch. Das unnachgiebige Insistieren erst offenbart. Immer lauter, hässlicher, einschneidender, unnachgiebiger wird die Musik, doch Entrinnen ist jetzt kaum noch möglich, als in den letzten der elf Wiederholungen Gewalt und Zwang mit voller Wucht herausbrechen. Schostakowitsch hat hier ein zwingendes Synonym komponiert für all die Ideologisierungen, die Ausgangspunkt seiner Arbeit waren und bis heute immer wieder schleichend friedliches Dasein untergraben.

Entstanden ist die Sinfonie zu weiten Teilen in einer belagerten, täglich den Tod vor Augen habenden Stadt. Gewidmet ist die eben dieser, vor allem aber und ausdrücklich allen Umgekommenen, allen Gequälten, den Opfern von Faschismus wie Stalinismus. Ziemlich genau 70 Jahre nach ihrer Uraufführung am 5. März 1942 in Kuibyschew, wohin Schostakowitsch evakuiert worden war, trauen sich Menschen zur Aufführung des Werks im Gedenkkonzert der Dresdner Philharmonie am Jahrestag der Zerstörung Dresdens nicht ins Stadtzentrum, weil sie fürchten, in von extremistischen Geistern ausgelöste Tumulte zu geraten. Viele Aussagen lauteten so von den deutlich mehr Hörern, die sich Karten für das Konzert am 12. statt für den 13. Februar gekauft hatten.

Die kamen, konnten an jenem Abend im Kulturpalast ein Gedenken erleben, wie es würdig ist. Fokussiert auf die unzähligen unschuldigen Opfer - im riesigen Russland ebenso wie in der vergleichsweise kleinen Stadt Dresden, als der Krieg auf das Land seines Ursprungs genauso unbarmherzig zurück fiel. Aber auch zeiten- und weltenumspannend, wenn Schostakowitsch hier auf unglaubliche Weise mit Musik verdeutlicht, wie Gewalt und Tod das Mark allen Lebens erschüttern. Chefdirigent Michael Sanderling und sein Orchester schufen eine Interpretation, der sich zu entziehen schlicht unmöglich war. Jedwede persönliche Eitelkeit blieb außen vor, im Mittelpunkt standen die Sinfonie und ihre Aussage. Was für Sanderling, der über seinen mit Schostakowitsch befreundeten Vater hoch vertraut mit des Komponisten Werk ist, ebenso galt wie für die Philharmoniker, die sich beim körperlich und instrumententechnisch Grenzen auslotenden Spiel nichts schenkten. Im Zweifel stand Hochspannung auch ein, zwei Mal über Tadellosigkeit und entwickelte so eine absolut zwingende, aufrührende Aufführung, in der musikalische Wucht nie brachiales Getümmel, sondern stets eine immer noch durchhörbare, zielgerichtete menschliche Kraft war.

Energievoll forderte das erste Thema des Kopfsatzes gleich alle Konzentration des Hörers, die nicht abreißen sollte bis zum letzten machtvollen Akkord der Sinfonie. Dazwischen grandiose Arbeit von Dirigent und Musikern. Überaus organisch, alle Dynamik ausreizend, brach sich das Invasionsthema Bahn. Lastend ließen auch die Mittelsätze keine Entspannung aufkommen; wo überhaupt einmal ein kurzer Moment scheinbarer Idylle aufglomm, schwang immer schon die Frage mit. Fesselnd der Schlusssatz, in dem Sanderling unmissverständlich herauskristallisierte, dass hier eben nicht der jubelnde Sieg verkündet wird. Eher durfte es als ein Aufwachen verstanden werden, als bittere Wut, die sich nach dem großen Trauermarsch regt, ein Wiedererstehen von Lebensmut und von Aufbegeh- ren gegen Vereinnahmung. Lange, sehr lange währte die Stille nach diesem Konzert. Und über dem Heimweg kreiste der Polizeihubschrauber...

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.02.2012

Sybille Graf

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