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Gedächtnisausstellung für Jens Hackel in der Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda

Gedächtnisausstellung für Jens Hackel in der Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda

Für den Bischofswerdaer Maler und Grafiker Jens Hackel (1966-2011) war die Beschäftigung mit Kunst eine beständige Auseinandersetzung mit Sinnfragen.

Unterstützung erfuhr der gelernte Bau- und Möbeltischler in verschiedenen Malzirkeln, unter anderem bei Rosso Majores. In den letzten Tagen der DDR bei einer Demonstration "in Schutzhaft" genommen, versuchte Hackel nach dem Umbruch die traumatischen Eindrücke dieser Zeit durch engagierte Kulturarbeit zu überwinden. Im neuen Bischofswerdaer Malkreis und in der Interessengemeinschaft Carl Lohse, zu deren Initiatoren er zählte, formierte sich ein enger Freundeskreis, der den Nachlass des Bischofswerdaer Expressionisten erschloss und 1993 die Eröffnung der Carl-Lohse-Galerie bewirkte.

Im gleichen Jahr gründeten Hackel und drei Mitstreiter die Freie Gruppe Oberlausitz, die bald auch außerhalb der Region Beachtung fand. Seit 2005 leitete Hackel den Bischofswerdaer Mal- und Zeichenzirkel. An der Sommerakademie Riesa und an der HfBK Dresden bekleidete er Lehraufträge für Holzschnitt.

Mit seinen Landschafts- und Städtebildern, Stillleben und Porträts analysierte er das Zeitgefühl seiner Umgebung. Oberflächliche Effekte und Moden mied er. Er beobachtete seine Zeitgenossen, meist Männer seiner Generation oder Ältere, die aus verschiedenen Gründen ihren Platz im Leben nicht gefunden hatten. Er skizzierte, radierte, schnitt in Holz und Linoleum oder malte sie in Öl: Clowns oder Seiltänzer, Behinderte, Sänger, Trinker und Verzweifelte. Auch die eigene Person und ihr Umfeld, das Atelier und die Druckwerkstatt unterzog er kritischer Selbstbefragung. Eine kleine Kaltnadelradierung von 1992 zeigt ihn sarkastisch "Selbst aus der Wohnung schleichend", weil er eine Stromrechnung nicht bezahlen konnte. Fast feierlich wirkt dagegen ein handgedruckter Holzschnitt für eine Ausstellung der Gruppe. Möglichkeiten und Grenzen der grafischen Techniken testete Jens Hackel bewusst aus.

Als Malmittel bevorzugte er Öl. Die Beschäftigung mit Lohses Werk hatte sein Farbbewusstsein gestärkt, und es entstanden expressive Gemälde, wie die Farbfassung der "Seiltänzer" in kühn übersteigertem Scheinwerferlicht. Ein Bild, das seine Spannung aus der Korrespondenz zweier greller Gelbflächen und den instabilen, sich gegenläufig kreuzenden Aktionslinien der Figuren erhält.

In den Stillleben sprach sich eine Affinität zu Morandi aus: Ähnlich wie der Italiener baute Hackel seine Arrangements bildparallel in überschaubarer Einfachheit. Damit gelangte er zu solider Formbestimmung der Objekte, zu denen interessant geformte Flaschen, Kannen und Krüge ebenso gehörten, wie der in der Lausitz traditionell gebräuchliche blau-weiß gepunktete Steinguttopf. Sowohl in der Malerei als auch in der Grafik tauchten diese Dinge über die Jahre in unterschiedlichen Gruppierungen auf, bis sie zu individuell beseelten Wegbegleitern Hackels geworden schienen.

Hackel widmete sich auch einzelnen Häuserzeilen und Plätzen seiner Stadt, verfolgte verschiedene Stadien zum Abriss freigegebener Objekte. Dem von übernächtigten Zechern geschändeten "Seechgässl" gab er in einem Ölbild eine verschwiegene Würde zurück. Im Holzschnitt "Kleine Narrenstadt 2005" allerdings ließ er einen Engel am Markt bittere Tränen heulen. Hackel liebte Bischofswerda, das er wie keine andere Stadt kannte, und bisweilen hasste er es in seiner Provinzialität. Er wusste es mit irischen Cottages, venezianischen Stadtpalästen am Canale, oder dem Goldenen Prag mit Karlsbrücke, Goldmachergässchen und dem futuristischen Tanzenden Haus zu vergleichen.

Mitunter porträtierte Jens Hackel sich als Clown, mit der Maske, die lachend Wut und Ängste verbergen konnte. In der Literatur hatte er Identifikationsfiguren wie Hermann Hesses Steppenwolf gefunden, die von tiefer seelischer Zerrissenheit bis zur Selbstzerstörung getrieben wurden, wenn es ihnen nicht gelang, die eigene Unvollkommenheit und die der Umgebung zu akzeptieren. In seinen Farbholzschnitten zum Steppenwolf 2005/06 tauchte eine schemenhafte, surreale Dämonengestalt auf, die seitdem öfter wiederkehrte: anfangs erschreckend, bald aber als behutsamer Engel, der Geborgenheit vermittelte. Mit dieser fiktiven Figur hatte Hackel ein Alter Ego gefunden, das schließlich selbstständig in seinen Bildern agierte. Wie ein Gewissen positionierte er es mitten in das "Stillleben im Stillleben 2009", fragend, ob vom Werk des Malers Hackel etwas Bestand haben würde. Seine Malerei, durchdrungen von zeichnerischen Elementen, hatte eine ruppige Leichtigkeit gewonnen, die sich auch in einer seiner letzten Collagen, "Kleinstadtjanuar", zeigte. Er empfahl darin seine Stadt der Obhut jener von ihm geschaffenen Figur, die wie ein wachsamer Engel über dem verschneiten Marktplatz schwebt.

Künstler, heißt es, seien Seismographen ihrer Zeit und der Gesellschaft, in der sie lebten. Es genügt nicht, diesen Satz postum immer wieder bestätigt zu finden. Künstler wie Jens Hackel brauchen Öffentlichkeit, die aufgeschlossen und bereit ist, sich mit ihrer Sinnsuche auseinanderzusetzen. Damit Unvollkommenheiten fassbarer werden. Damit Steppenwölfe nicht ihren letzten Trumpf ausspielen.

Ausstellung bis 15. Januar. Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda, Dresdener Straße 1

Mo u. Fr 10-12, Die 10-16, Do 10 Uhr bis 18 Uhr, So 14-17 Uhr

sowie nach Vereinbarung

Tel. 03594 786-170

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.12.2011

Jördis Lademann

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