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Geballte musikalische Genialität in Dresden: Michael Wollny’s [em] erfindet den Jazz neu

Geballte musikalische Genialität in Dresden: Michael Wollny’s [em] erfindet den Jazz neu

Das ist eine Klasse für sich. Abgesehen davon, dass der fehlende Sauerstoff in der Tonne den Tatbestand der Körperverletzung erfüllte: Ganz großes Konzertereignis! Michael Wollny's [em] wird absolut zu Recht in ganz Europa gefeiert.

Den drei jungen Menschen scheint tatsächlich das Kunststück zu gelingen, den Jazz neu zu erfinden.

Dabei ist - so großartig Eva Kruse am Kontrabass und Eric Schaefer an den Drums auch sind - der sehr jugendlich wirkende Wollny die Komponisten-Persönlichkeit des Trios. Derjenige, der einfach alles, was die Musikwelt in den vergangenen 200 Jahren so hervorgebracht hat, einfließen lässt in seine Werke. Um etwas komplett und ganz und gar Neues zu kreieren.

Der Verweis auf Punk führt insofern in die Irre; denn natürlich steckt in manchen Läufen die Punk-Attitüde, ebenso aber auch der Rock'n'Roll. Überhaupt das vielleicht Bemerkenswerteste: Obwohl hier großzügig aus der europäischen Klassik zitiert wird und sämtliche Jazz-Genies den Hut schwenken, sind Wollnys Stücke nie verkopft. Nie. Da steckt stets noch der Groove, das Feeling drin, wird man hineingezogen in die Musik, erlebt sie auch körperlich mit.

Da wird eine Magie erzeugt, die man gar nicht entziffern, erklären will. Es scheint, als wenn bei Wollny als Pianisten die üblichen Spielweisen des Jazz noch einmal anders wirken, phantastisch verstärkt durch Erik Schaefers kongeniale Drumschläge sowie durch Eva Kruses schier intuitives Bass-Spiel. Meist steht die Bassistin mit geschlossenen Augen da, scheint sich regelrecht hineinzufühlen in Wollnys Läufe; was sie dann hinzufügt zur Alchemie, kommt mal wie geschossen, dahingetobt, mal sanft herangestreichelt. Sehr selten greift sie zum Bogen, meist langt die zierliche Frau mit den Fingern nach den Saiten. Die direkte Verbindung ist wohl Teil des Zaubers.

Wollny selbst spielt all das, was ein Pianist lernen kann - die Griffe und Läufe der Klassik und des Jazz -, setzt aber auch durchaus seine Hände und Finger für Sekundenbruchteile brachial ein. Er beugt sich hinein in den Korpus des Flügels und bearbeitet die Saiten von dort aus, nutzt auch mal das Holz als Percussion. Mündet immer wieder in melodischen Passagen - die aber jenseits aller Konventionalität sind.

Der in Dresden nicht unbekannte Erik Schaefer erfüllt natürlich sämtliche Anforderungen an Jazz-Drummer mühelos, außerdem zaubert er mit vereinzelten Glockenklängen via diversen "Klangkörpern" oder auch mit Melodica. Was das leibhaftige Spiel angeht, haben wir es hier mit drei gleichberechtigten Musikern zu tun - wie es bei einem Jazz-Trio sein sollte. Was die Kompositionen angeht, so bringt eben Michael Wollny selbst doch am besten die Verbindung der diversen Einflüsse zur Geltung. Bei seinen Stücken wirkt es wie ein absolut organisches Ganzes, während bei den Werken aus Schaefers, mehr aber noch bei denen aus Kruses Feder das Pendel doch manchmal eher in Richtung kompliziert ausschwingt. Aber das sind dann doch schon Gradunterscheidungen, die bei einer solchen geballten Ladung musikalischen Genius' kaum noch spürbar sind.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.11.2012

Beate Baum

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