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Gastspiel von She She Pop mit einer neuen Produktion im Festspielhaus Hellerau in Dresden

Gastspiel von She She Pop mit einer neuen Produktion im Festspielhaus Hellerau in Dresden

Da sind sie wieder: She She Pop! Nun allerdings nicht in Begleitung ihrer Väter wie beim Festival Politik im Freien Theater, als sie im Herbst 2011 mit "Testament" im Kleinen Haus vom Staatsschauspiel Dresden gastierten.

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Wieder in Hellerau zu Gast: Die gewitzten Frauen von She She Pop.

Quelle: Benjamin Krieg

Dafür kramen die unternehmungslustigen, gewitzten Frauen im Großen Saal vom Festspielhaus Hellerau gemeinsam in ihren Ost-West-Schubladen. Was dabei herauskommt, sind sowohl liebenswert zugespitzte, hinterfragende Dialoge wie auch choreografisch verklärte Erinnerungen oder in Gruppierungen aufgespaltene Kommentare. Insgesamt zwei kapitale Frage-Antwort-Stunden, die beileibe nicht vordergründige Erwartungshaltungen oder gewohnte Theaterstrukturen bedienen.

Das ist eine höchst lebendige, mit eigenwilligen Charakteren auftrumpfende Performance, bei der die Spielformen scheinbar schnell durchschaubar sind. Doch mit der Zeit entdeckt man Stolperstellen, Irritationen. Die Gruppe, Ende der 90er Jahre von Absolventinnen des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft gegründet und heute in Berlin ansässig, legt Wert vor allem auf künstlerische Unabhängigkeit und durchweg gemeinsam erarbeitete Produktionen. Und dafür gibt es weder extra engagierte Regisseure, Autoren oder Schauspieler. Was letztlich öffentlich zur Diskussion kommt, ist ein jeweiliges Unikat von She She Pop.

Gewiss, man kann bei "Schubladen" beispielsweise auch an "Quizoola" als theatrales Frage- und Antwortspiel oder an Hannah Hurtzig und ihren "Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Unwissen" denken. Aber die Frauen von She She Pop besitzen so viel Eigenart und Intelligenz, dass sie weder andere kopieren müssen noch kopiert werden können. Sie sind nicht austauschbar. Und nur bei manchen Themen arbeiten sie mit Gästen, beispielsweise mit ihren Vätern. Diesen Spiel-, Denk- und Sangesfreudigen macht es deutlich Spaß, übliche Theaterformate aufzubrechen, Grenzen zu überschreiten. Und das Publikum - im Festspielhaus Hellerau sind es überwiegend junge Leute - kann damit spürbar etwas anfangen.

Ost-West-Schubladen? Allein schon die Konfrontation des üblichen Sprachgebrauchs - Atheist oder Atheistin, an oder zu Weihnachten? -, offenbart Trennlinien fernab des alten Grenzverlaufs. Und das Kramen in sehr unterschiedlichen Buchbeständen, Bildern und Plattensammlungen, die Schilderung kontroverser Erziehungsmethoden, von Ängsten, Sehnsüchten, Verklärungen verdeutlichen individuelle, soziale, gesellschaftspolitische Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten. Wenn die jeweils drei Ost- und Westfrauen so ganz und gar unter sich sind und in schönster Verballhornung des Erzählten ihr Resümee bekanntgeben, dann begreift selbst der letzte Ignorant im Saal (offenbar gibt es aber mehr solche, die Spaß am Denken haben), dass vereinheitlichende Vergleichstheorien bei konkreter Prüfung wohl eher zum "Aufbröseln" neigen - wie derzeit gerade der frostgeschädigte Dresdner Straßenbelag.

Urteilen über jeweilige Rahmenbedingungen, Sicht- und Verhaltensweisen können tatsächlich nur jene, die sie an Leib und Seele erfahren haben. Und dazu gehören eben auch die Frauen von She She Pop mit ihren Erfahrungen aus allen Himmelsrichtungen. Das Sympathische daran ist, dass sie keinerlei Ambitionen haben, andere zu bevormunden. Sie denken halt laut nach, sind authentisch und keine Perfektionisten. Oder sollte man Perfektionistinnen sagen? Übrigens, bei Kati Witt nähern sich plötzlich (mindestens) zwei der sechs Frauen in ihren Erinnerungen halbwegs einander an. Zwar nicht in der Jahreszahl der schönsten Kufen-Erfolge, aber immerhin in der Art und Weise, wie sie die Eiskönigin am Fernseher in Höchstform erlebt haben. Und dann heben sie ab auf ihren Rollsesseln, sind als Grazien im Doppelpack einfach nicht mehr aufzuhalten.

Das Ganze hat auch so seine Spielregeln. Zum Beispiel beim Nachfragen oder bei Positionswechseln. Und Impulse für Veränderungen kommen vielfach über das An- und Ausschalten der Lichtquellen. Das ist rundum intelligent gemacht, findet auch stets ein gutes Zeitmaß. Nur in der Gesamtzeit könnte sich die Performance noch etwas verdichten. Übrigens gastierte She She Pop auch schon vor etlichen Jahren im Festspielhaus Hellerau. Damals im Mai 2007 mit ihrem im Großen Saal aufgebauten "Heimatmuseum". Damit gehörten sie zum "Grenzgebiet Heimat - ein Kunst-Sparten-Camp", kuratiert von norton.commander.productions. She She Pop betrieb so eine Art Back- und Handarbeitsstätte, verewigte alle Gäste mit einem Foto auf der Pinnwand und vereinte kleine Gruppen am Tisch zu Gesprächen. Darüber prangte als Schriftzeile auf der Wand: "Die Sohlen der Vorfahren verzehren".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.03.2013

Gabriele Gorgas

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