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Gastspiel der brasilianischen "Grupo de Rua" mit Bruno Beltraos Choreografie "H3" im Festspielhaus Hellerau

Gastspiel der brasilianischen "Grupo de Rua" mit Bruno Beltraos Choreografie "H3" im Festspielhaus Hellerau

Die Erwartungen an diesen Abend als Aufführungsstart in das Jahr 2012 dürften reichlich hochgeschraubt gewesen sein. Auch in Anbetracht dessen, dass in der Ankündigung der magische Begriff Hip-Hop auftauchte.

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Bruno Beltrão unterläuft in seinem Stück "H3" Erwartungen, um andere, neue aufzubauen.

Quelle: Klaus Gigga

Doch zunächst startet die in Deutschland bereits gut bekannte brasilianische "Grupo De Rua" bei ihrem ersten Gastspiel im Festspielhaus Hellerau eher unspektakulär. Der Saal bleibt dunkel, die Klangcollage aus Straßengeräuschen ist kaum mehr zu vernehmen. Und behutsam, schwer zu erahnen, lassen sich die Tänzer seitlich der Bühne nieder. Es dauert geraume Zeit, bis zwei von ihnen im Licht unmittelbar vor dem Publikum stehen. Und wie abtastend, sich gegenseitig beobachtend, beginnen sie das Spiel der Finger, das Schlängeln der Hände und Arme, setzen nach und nach ihre Körper in Bewegung. Doch das Geschehen bleibt vorerst verhalten, die Szene wirkt nahezu entschleunigt.

Irgendwann ist dann auch dem Publikum klar geworden, dass sich an diesem Abend keine der vielleicht erhofften Kunststückchen in rasanter Folge abspulen werden. Die zehn Tänzer - eine Frau und neun Männer - bringen sich in auffälliger Individualität einander nachfolgend ins Spiel, entblättern ihre bewegten Fähigkeiten, ihre Sprungkraft und Geschmeidigkeit - doch deutlich nicht als artistische Show. Das liegt begründet in der Choreografie von Bruno Beltrao, der einst zwar Erfolge im Hip-Hop hatte, sich aber immer mehr dafür interessierte, wie er das Bekannte, Vertraute so zerlegen, reduzieren, umformen kann, dass sich etwas Neues, Überraschendes daraus entwickelt.

In seinem 2008 in Brüssel uraufgeführten Stück "H3" ist deutlich zu spüren, wie er den Raum komponiert, mit wechselnden Zeiten so geschickt arbeitet, dass besondere Spannungsbögen entstehen. Und er setzt das Licht (Renato Machado) derart ein, dass die Körper in der Aktion - einzeln sowie in kleineren wie größeren Gruppen - quasi aus dem Dunkel herausgehoben sind. Zuweilen springen sie in das schwache Licht hinein, und dann sieht man Körper nur in Momenten. Mehr noch als Moves aus dem Hip-Hop (und auch diese in veränderten Konstellationen), bezieht sich Beltrao in seiner Choreografie auf Bewegungsformen von Capoeira. Das ist eine Kampfkunst, die sich einst bei afro-brasilianischen Sklaven entwickelte und sowohl als kraftvoll-geschickte Kampftechnik genutzt wurde wie später auch eine Form der Straßenkunst war. Capoeira bezeichnet übrigens einen kleinen Vogel, der kampflustig ist und wilde Gefechte mit Rivalen ausficht. Und das mit seinem ganzen Körper. Davon hat man auf der Bühne manches entdecken können, auch in einem Männer-Duett, das kapriziös und kurios war.

Wenn man sich in das Bewegungsvokabular von Capoeira zum Beispiel bei You Tube "einsieht", dann erschließt sich quasi auch "rückblickend" das Erleben der enorm artistischen und eigenwilligen Bühnensprache von Bruno Beltrao. Es ist erkennbar, dass dieser nichts kopiert oder übernimmt. Er macht aus dem, was er und seine Tänzer so gekonnt beherrschen, etwas ganz Eigenes, unterläuft Erwartungen, um andere, neue aufzubauen. Und das ist zunächst irritierend, dann überraschend. Schließlich aber weiß auch der letzte Besucher im Saal, dass er etwas anderes erlebt hat, als gedacht, und dennoch etwas ganz Besonderes.

Faszinierend ist beispielsweise, wenn die Tänzer - wie aus dem Katapult geschnellt und in den Sog geraten - rückwärts auf der Bühne ihre Bahnen ziehen. Sie sind dabei so behende und geschmeidig wie Panther, stoßen auch nicht aneinander, wenn sie in großen Formationen ausschwärmen. Es ist eine wahrhaft kunstvolle Metapher, erinnernd an die Orientierung von Vögeln, wenn sie deren Richtungswechsel am weiten Himmel assoziieren - ein wunderbares Miteinander und dennoch im freien Flügelschlag.

Als nach der Vorstellung der starke Beifall des Publikums im Festspielhaus Hellerau verebbte und das Publikum nahe der Bühne stand, kam unerwartet einer der Tänzer heraus und führte auf schönste Weise vor, dass er im Hip-Hop ein faszinierender Könner ist. Was man ja auch bei jedem Mitwirkenden erahnen konnte. Nur, dass die Aufführung eben andere Formen gewichtet hat. Es folgten noch zwei weitere Tänzer seinem Beispiel, und das Publikum reagierte mit Extra-Applaus und deutlicher Freude. Bei dieser eher zufälligen Konstellation von Auftretenden und Zuschauenden kam zustande, was typisch ist für diese Künste, die vom Publikum umringte Form des Auftritts.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.01.2012

Gabriele Gorgas

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