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Gastspiel Antígona Oriental im Schauspielhaus Dresden

Gastspiel Antígona Oriental im Schauspielhaus Dresden

Im Rahmen der Gastspiele zum 100. des Schauspielhauses konnten die Dresdner binnen einer Woche zwei Inszenierungen vergleichen, die stärker wohl kaum kontrastieren können.

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Antigone-Adaption aus Uruguay

Quelle: Schauspiel

Gab es am vorigen Wochenende mit "Krieg und Frieden" perfektes, aber unverbindliches Luxustheater aus Wien zu sehen, ging es jetzt bei einer Antigone-Adaption aus Uruguay ans Eingemachte. Auf der Bühne standen überwiegend keine perfekten Schauspieler, sondern Frauen oder deren Kinder, die während der Militärdiktatur 1973-85 Verhaftung und Folter selbst erlebt und dem Tod ins Auge geschaut haben. Allein das Wissen um deren Schicksal schafft spontane Nähe. Die Handschrift des spätestens seit seinen streitbaren "Webern" auch in Dresden gut bekannten Meisters der Sprechchöre und des ambitionierten politischen Theaters Volker Lösch tat ein Übriges. Geschätzt zwei Drittel des Publikums im vollen Haus blieben zum anschließenden Gespräch, das fast so lange dauerte wie die eineinhalbstündige Aufführung.

Ein Regisseur wie Lösch, der überdies bis zum siebenten Lebensjahr in Montevideo aufwuchs, wurde von den Initiatoren des Goethe-Instituts in Uruguay und von der Autorin Marianella Morena auch gesucht. Der politische Hintergrund fordert Vergleiche mit der deutschen Geschichte geradezu heraus. Denn die während der Militärdiktatur in Uruguay begangenen Verbrechen sind nur unzureichend aufgearbeitet worden. In der Bevölkerung überwiegt offensichtlich eine "Schwamm drüber"-Mentalität. In zwei Volksabstimmungen hat sie mehrheitlich für das so genannte Hinfälligkeitsgesetz gestimmt, das Anklagen gegen die damaligen Täter ausschließt. Und der seit 2010 amtierende Präsident José Mujica verhält sich nicht anders, obschon er als ehemaliger Tupamaro-Guerilla selbst 13 Jahre lang inhaftiert war. Gegen ihn richten sich denn auch zahlreiche Seitenhiebe im Text, auf ihn spielt die Dreifachfigur der Kreons von heute unter anderem an.

Gemeinsam mit dem Chor ist es der hier als Dramaturgin fungierenden Morena gelungen, das antike Sophokles-Drama mit den Berichten aus der Diktatur und dem Uruguay von heute zu verquicken. In erster Linie ging es darum, den Opfern der zwölf Jahre Militärherrschaft eine Stimme zu geben und die Zeitgenossen aufzurütteln. Das tun die 18 Frauen gleich zu Beginn ausführlich, aber noch vergleichsweise zurückhaltend im Hintergrund der Bühne. Allmählich rückt die Stuhlreihe nach vorn. Die junge Victoria Pereira ist als Antigone Teil des Frauenchores, der Chor wiederum spricht zeitweise als kollektive Antigone.

Ob Theben oder Montevideo, ob unerlaubte Bestattung des Bruders Polyneikes oder ein Vergehen in den Augen der Militärjunta - es ist immer das Gesetz der zeitlosen Könige, der ewigen Kreons in den grauen Anzügen, das die Antigones brechen. Aus verschiedensten Motiven heraus, als bewusste Weltveränderer und Anarchisten oder nach einer spontanen Empörung des Ungerechtigkeitsempfindens. "Wir träumten vom neuen Menschen", heißt es, aber auch; "Es gibt keine andere Art zu leben!" Das antike Drama wird in schlichter Sprache nacherzählt, nur vereinzelt tauchen Originalsätze auf. In auffälliger Weise wird der Machtkonflikt mit dem Geschlechterkonflikt verwoben, wie er in Südamerika noch eine größere Rolle spielt als bei uns. Die Macht und ihr Diktat erscheinen in plakativer Art männlich, die Kreons sind die gefährlich-lächerlichen Machos und die Primitiven, so bei einem geradezu tierischen Fressen. Die Opfer sind weiblich, das weibliche Prinzip steht in ebenso simpler Weise für Friedensstiftung und Freiheitskampf.

Das fordert auch uns heraus. Wenn der Chor am Schluss in wunderschönen roten Kleidern zu einem Chor der Emanzipierten mutiert, wirkt das zumindest überzeugender als die eher parodistische Reue und Selbstzerfleischung der Kreons. "Wir Frauen werden den Diskurs bestimmen", skandieren sie selbstbewusst. Selbstbewusstsein überhaupt prägt den Auftritt dieser prächtigen Frauen in einer Aufführung, die mit ein paar Stühlen und wenigen Requisiten auskommt und ganz auf die Präsenz der Subjekte setzt. Verknüpft mit jener Disziplin, die man von den Bürgerchor-Aufführungen Volker Löschs noch kennt. Dresdner Bürgerchoristen fielen denn auch neben zahlreichen spanisch sprechenden Fans im Publikum auf.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.03.2013

Michael Bartsch

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