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Galerie Q präsentiert Gemälde, Holzschnitte und Zeichnungen von Matthias Schroller

Überall ist Moabit Galerie Q präsentiert Gemälde, Holzschnitte und Zeichnungen von Matthias Schroller

Nach Novalis wird in der Entfernung alles Poesie. Fremde Landschaften, fremde Menschen – alles werde romantisch. Nicht so in den Werken des Dresdner Malers und Grafikers Matthias Schroller, der in seiner Kunst der Dialektik von Nähe und Distanz nachspürt.

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Matthias Schroller: Zellescher Weg, die Lichtsegel, 2015.

Quelle: Galerie Q

Dresden. Nach Novalis wird in der Entfernung alles Poesie. Fremde Landschaften, fremde Menschen – alles werde romantisch. Nicht so in den Werken des Dresdner Malers und Grafikers Matthias Schroller, der in seiner Kunst der Dialektik von Nähe und Distanz nachspürt. Es geht nicht um eine Idealisierung des Fernen, sondern um die Visualisierung der grundlegenden zeitgenössischen menschlichen Erfahrungen von Anonymität und Individualität, Fremdheit und Zugehörigkeit, Unsichtbarkeit und Sich Zeigen.

Der 1963 in Gardelegen in der Altmark geborene Matthias Schroller studierte zunächst bei Dieter Goltzsche in Berlin-Weißensee, dann bei Max Uhlig in Dresden. Die neue Ausstellung in der Quohrener Galerie Q ist „Auch Moabit...“ überschrieben und vereint Handzeichnungen, Gemälde und Holzschnitte Schrollers, zum überwiegenden Teil aus den letzten drei Jahren. Zu sehen sind auf den ersten Blick unspektakuläre Ausschnitte der uns umgebenden Welt in zurückgenommenen, streng gebauten Kompositionen von großer formaler Präzision. Ein einzelner Schornstein vor weißgrauem Himmel, ein schmuckloses aufragendes Gebäude, eine Dünenlandschaft, ein Fensterkreuz.

Das titelgebende Kleinformat „Moabit“ von 2016 geht im Kern zurück auf einen flüchtigen Eindruck, den kurzen Blick aus dem Zugfenster auf Sonnenschirme. In Schrollers Bild dehnt sich dieser Augenblick aus, wird zu strahlenden, beinahe tänzerischen Hütchen auf blauem Grund über einem rosafarbenen Rechteck, das Barriere und verheißungsvoller Balkon zugleich ist. Der Name des Berliner Stadtteils im Titel verweist uns auf einen konkreten Ort, ohne dass er das Dargestellte tatsächlich verorten würde. Zugleich mag man an das alttestamentarische Land Moab denken, das für das Volk Israel als fremdes Terrain mal Kriegsgegner mal Zufluchtsort war.

Immer wieder begegnen wir Bildern von Sprossenfenstern mit teilweise geöffneten, angekippten oder verhangenen Feldern oder Flügeln, aber die alte Analogie vom Fenster als ‚Auge des Hauses’ und damit als Vermittler zwischen einem Außen und einem Innen wird nicht eingelöst. Das Fenster ist in der Werkschau Schrollers das wohl wichtigste wiederkehrende Motiv. Herkömmlicherweise signalisiert es als Bild im Bild die vermeintliche Ähnlichkeit von Bild und Fenster als gerahmten Blickfeldern der Wirklichkeit. Bei den Fensterbildern der Romantiker ging es um den metaphorischen Blick nach Innen, der durch den Blick nach Außen, ins Weite vermittelt werden sollte. In Schrollers Arbeiten hingegen führt der Blick von Außen durchs Fenster meist nur scheinbar hinein in einen Innenraum, denn das ‚Dahinter’ bleibt gänzlich uneinsehbar oder jedenfalls unbestimmt und damit unserem Zugriff verwehrt.

Im großformatigen Gemälde „Grünes Dresdner Fenster“ von 2010 ist die graugrüne Jalousie soweit heruntergezogen, dass die Bildfläche beinahe zum abstrakten Farbfeld gerät, wären da nicht die schmalen Ränder von Jalousiekante, Wandfeldern und Gesims am unteren Bildrand, die die Darstellung mit der sichtbaren Wirklichkeit verbinden. In „Zellescher Weg, die Lichtsegel“ aus dem Jahr 2015 hingegen haben wir freie Sicht. Vom Grau der Hausmauer gerahmt blicken wir auf die blau geäderte Fensterfront eines großen Raumes mit Mobiliar, vielleicht ein Büro. Und anders als in den meisten Arbeiten Schrollers ist darin eine menschliche Gestalt zu erkennen. Im Schein übermächtiger Lichtkegel ist die kleine sitzende Figur zwar mehr als deutlich zu sehen, bleibt für den Blick von Außen aber gleichwohl vollkommen schemenhaft, fremd und unerreichbar.

Als Betrachter befinden wir uns mit den dargestellten Fenstern und dem, was dahinter liegt, kaum je auf Augenhöhe. Meist ist es ein Blickwinkel von unten herauf oder von oben herab, wie der des ungebetenen Beobachters oder unfreiwilligen Zeugen von der Straße aus oder vom Fenster eines gegenüber liegenden Hauses. Es ist die alltägliche Erfahrung von gleichzeitiger Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit in der modernen Stadt, die jedes Individuum unter dem Mantel der Anonymität aufnimmt.

In dieser Verbindung von Nähe und Ferne, von Konkretion und Reduktion offenbaren die Fensterbilder zugleich die Arbeitsweise des Künstlers und seine gestalterischen Grundsätze. Schroller geht von gefundenen Situationen aus und hält diese, etwa der Blick auf ein Haus, aus dem Zugfenster usw., in Tusche oder Wasserfarben fest, um sie später im Atelier im Medium von Holzschnitt und Malerei weiterzuentwickeln. Dabei entstehen reduzierte, sorgfältige Kompositionen, die aus den Momentaufnahmen der Wirklichkeit die konzentrierten Bildwerke machen, die von geometrischen Grundformen und rhythmischen Linien bestimmt sind. Das ist ein abstrahierender Prozess, doch bei Schroller lösen sich Farbe und Linie nie ganz von der Form. Die Bilder sind beschreibend, aber nicht narrativ. Sie sind ernst, aber nicht bedrohlich, und poetisch ohne lyrisch zu sein.

Diesen bildkünstlerischen Verdichtungsprozess in der Kunst Matthias Schrollers kann der Besucher in der Galerie Q gut nachvollziehen, denn die Arbeiten sind hier klug arrangiert und sensibel gehängt, so dass künstlerische Entwicklungsprozesse und motivische Zusammenhänge deutlich werden. Was wir in den intimen Räumen der Galerie sehen, sind Huldigungen an das Ferne, Unerreichbare, an den Blick aus der Entfernung, distanziert und dabei eindringlich.

Matthias Schroller. „Auch Moabit...“

Bis 15. Oktober in der Galerie Q, Schulweg 3, 01731 Quohren.

Von Teresa Ende

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