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Galerie Himmel zeigt Arbeiten von Wieland Förster - Zeichnung als Schenkung fürs Kupferstich-Kabinett

Galerie Himmel zeigt Arbeiten von Wieland Förster - Zeichnung als Schenkung fürs Kupferstich-Kabinett

Das Leben Wieland Försters, der 1930 in Dresden geboren wurde, kann man auf zweierlei Weise lesen: als das kontinuierliche, schöpferische Wirken eines Zeichners, Bildhauers und Autors - oder aber als eine Biografie, die von Widerständen, Zwängen, Erschütterungen gesäumt, überschattet und geprägt ist.

Reibungen mit der Zeitgeschichte und mit Diktaturen gab es allemal, seien es die bitteren Kriegserfahrungen, die Inhaftierung in der Nachkriegszeit oder die politischen Arbeitsbehinderungen ab den späten 1960er Jahren. Andererseits ergaben sich aber auch viele Chancen, so die Zeit als Meisterschüler bei Fritz Cremer 1959/61, die Tunesienreise 1967, das Amt als Vizepräsident der Ostberliner Akademie der Künste ab 1978, die Mitwirkung an der Gründung der Sächsischen Akademie der Künste 1996 oder die Ehrendoktorwürde der Potsdamer Universität 2010.

Im Buch "Seerosenteich" von 2012 beschreibt Förster, wie er als Kind seine Umgebung erlebte: "draußen war feindliche Welt". Sogar in der eigenen Familie wurden problematische Erfahrungen verschwiegen und seien es auch nur die Hetzjagden der Altersgenossen. Das Hineinwachsen in Verschwiegenheit, Verlogenheit, Ängste, Verluste prägte Försters künstlerische Ausdrucksformen ebenso, wie es sein mühsames Bewahren der Integrität beförderte: Figuren, die sich abschirmen, die den Blick himmelwärts flüchten lassen oder fragmentiert sind, waren lange ein Kernthema des Künstlers.

Wieland Förster war trotz zeitweiliger Eingrenzung kein ausgegrenzter Künstler, wie seine Teilnahme an dem Wettbewerb zur Ausgestaltung des Dresdner Kulturpalastes von 1969 zeigt, zu dem er eingeladen war. Man kann freilich dankbar sein, dass seitens der politischen Entscheidungsträger dafür gesorgt wurde, dass dann der Dresdener Hochschulrektor Gerhard Bondzin jenen Auftrag bekam, der in dem Wandbild "Der Weg der roten Fahne" mündete: Förster hätte sich den Prozeduren schwerlich gern ausgesetzt, deren Kulminationspunkt die Abstimmung mit Walter Ulbricht werden sollte. Wie hätte Förster Opposition und Opportunität ausbalancieren können? Er blieb bei seinen Figuren, seiner Auffassung, die die Gestalt grundsätzlich aus elementaren Formen, aus der Ei- oder Ovalform entwickelt. Die so entstehenden mannigfaltigen Rundungen werden - ob glatt oder aufgeraut - zur Spielfläche von Licht und Schatten, Bewegung und Ruhe.

Die Figuren bleiben thematisch einer grundsätzlichen skeptischen Disposition verpflichtet: Gefesselte, Stürzende, Gefolterte, Geschlagene formen einen Zyklus von Martyrien und Martern. "Ecce Homo" und "Jeremias" geben der Trauer und dem Schmerz biblische Gesichter. Sie verdrängen über weite Strecken die Ruhenden, Liebenden und Schlafenden. Künstlerisch vorbildhafte Bezugsgrößen fand Förster bei Michelangelo, Rodin, Giacometti, Hrdlicka. Die herbe Formsprache der auch in der Bronze noch kantigen und karstigen Oberflächenstrukturen fand er aus sich selbst.

Mit "Marsyas - Jahrhundertbilanz" von 1999 schuf Förster ein chiffrenhaftes Bild: Die Welt steht Kopf, der Sänger, der der Konkurrenz des göttlichen Apoll im musikalischen Wettstreit unterlag, wurde kopfüber aufgehängt, geschunden und gehäutet. Förster wählt nicht den zuletzt erlösten Prometheus zum Inbegriff des leidenden Künstlers, sondern den am Ende getöteten Marsyas.

Das modifizierende Weiterarbeiten an gestischen Ideen über Jahre und Jahrzehnte gehört zur Arbeitsweise Försters. Der "Torso der Großen Neeberger Figur" wurde aus der schon 1962 entworfenen, narrativeren Gestalt einer "Hemdausziehenden" entwickelt. Dabei entstand eine schmerzhaft gelängte und gestreckte Gestalt, deren insektenhaften Einschnürungen und harten Konturen eine manieristische Komponente enthalten. Sie will wohl sogar Erinnerungen an die Kunst der Louise Bourgeois und der Germaine Richier wecken: Ausgerechnet zwei der obsessivsten, individuellsten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts erweisen sich als Geistes- oder Seelenverwandte.

Der Torso blieb Försters zentrales Thema. "Aufrechter weiblicher Torso" von 1987 versteht sich als Bild der Ab- oder Hinwendung, als Sinnzeichen der Verletzlichkeit. Wieder gehen die gestalterischen Wurzeln weit zurück, so zur liegenden Ganzfigur der "Großen Badenden" von 1971, die der Künstler selbst als das "Ergebnis eines glücklichen Sommers" bezeichnete. Wir vernehmen es wohl: Förster war und ist auch glücksfähig, nicht nur leidensbewusst! Dennoch - bei allem Glück - herrscht in all diesen Figuren eine schmerzliche Anonymität, die nicht nur aus der Absenz von Gesichtern herrührt, sondern auch aus der Reduzierung der Gestik, aus der Fokussierung auf die minimalen Vibrationen der Leiblichkeit.

Auf eben sie, die Körperlichkeit, hat Förster es mit der Statuette "Kleine übermütige Frau II" von 1986 abgesehen, einer Mänade mit untergeschlagenen Beinen, aufgegipfeltem Rumpf, absinkendem Kopf. Der Körper spricht von Leiblichkeit, Selbstvergessenheit, Erdverbundenheit.

Das Œuvre bietet mehr: Da ist das Relief "Umarmung", getragen von einer michelangelesken Formendrängung, oder das Relief einer Schlafenden, die sich als eine Paraphrase aller Liegefiguren seit den Medicäergräbern in Florenz lesen lässt. Und es gibt Schöpfungen wie "Kleines Paar" und "Liegende", die teils Auguste Rodins Skizzenhaftigkeit, teils sogar seine Assemblagetechnik nachklingen lassen. Mit der zweiköpfigen Plastik "Abschied" verabschiedete sich Förster 2007 vom Metier der Plastik. Was ihm blieb, waren die Arbeiten auf Papier und das Schreiben.

Förster notierte schon früh: "Es sind immer nur wenige Erschütterungen, die so tief ins Zentrum dringen, dass sie Bild werden können, aus denen später das Werk reift. (Vergleichbar sind sie dem Sandkorn im Fleische der Muschel, um das sich, Schicht um Schicht, die Perle bildet: Perle als Produkt einer Verletzung." Er ist wie der wenig ältere Gerhard Altenbourg, der ab 3. Juli im Kupferstich-Kabinett gezeigt wird, und wie der dem gleichen Jahrgang zugehörige Carlfriedrich Claus ein kritischer, schöpferischer Geist, der die fatalen Erfahrungen des Jahrhunderts gemacht hat und ihnen Gestalt gab, der aber auch die wunderbare Chance hatte, sich gestaltend über die Bitterkeiten hinwegzuarbeiten und dem Menschen zu seiner Menschlichkeit, Leiblichkeit, Individualität, seiner Expressivität und Intimität zurückzuverhelfen.

Ausstellung Wieland Förster - Eros und Vergänglichkeit bis 19. Juli in der Galerie Himmel (früher Kunsthandlung Koenitz), Obergraben 8. Mo-Fr 10-19 Uhr, Sa 10-16 Uhr. Tel. 0351-4843578 oder 0172-9782555

Filmvorführung am Freitag, 19 Uhr: Wieland Förster - Uwe Johnson. Im Gespräch. Dokumentarfilm von Hanna Lehmbäcker, Berlin 2008, sowie Ausschnitte aus anderen Filmen zum Werk von Wieland Förster. Aufführung durch Hirsch Film, Dresden

www.galerie-himmel.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.07.2014

Bernhard Maaz

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