Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Google+
Für immer Paula: Angelica Domröse wird 75

Her mit dem Leben! Für immer Paula: Angelica Domröse wird 75

Ihr Name wird immer mit der Paula aus dem legendären Film „Legende von Paul und Paula“ verknüpft bleiben: Angelica Domröse. Am Montag wird die Schauspielerin 75 Jahre alt.

Die Schauspielerin Angelica Domröse, die am Montag ihren 75. Geburtstag begeht.

Quelle: dpa

Berlin.  Sie hatte den Blick, der festhält. Fröhlich, frech, frivol. Diese Siegi war ein Blickfang. Dahinter steckte eine schmale Angestellte, die mit dem Mund kess, trotzig und naiv schmollen konnte. Wenn Angelica Domröse auf der Leinwand erschien, begann die zu leuchten. Schon bei ihrem ersten Auftritt 1959. Über 1500 kamen ins Castingbüro von Slatan Dudow, bezaubert hat ihn allerdings nur diese 17-jährige Stenotypistin, die gerade erst durch die Aufnahmeprüfung der Filmhochschule gerasselt war. Mit „Verwirrung der Liebe“ machte sie ihren ersten Schritt in den großen Traum: Schauspielerin werden.

Die Siegi hatte Folgen. Die Potsdamer Schauspielschule nahm Angelica Domröse doch noch auf. Dabei hatte sie von ihrem ersten Kinoauftritt keine allzu große Meinung. „Ich habe mich zehn Minuten von links gesehen und 90 Minuten von vorn – und sah nur eine spießige, dicke Frau“, erklärte sie 2008. Was natürlich eine kräftige Übertreibung war.

Angelica Domröse hatte ihre Chance genutzt – und wurde Anfang der 60er mit zwei TV-Lustspielen endgültig zum Star. „Papas neue Freundin“ und „Vielgeliebtes Sternchen“ lebten von ihrer Energie, ihrer Schnoddrigkeit, ihrer Attraktivität. Mit ihr war ein völlig neuer Frauentyp im DDR-Film erschienen: selbstbewusst und sexy, leidenschaftlich und energisch.

So stand sie auch auf der Bühne, am Berliner Ensemble und an der Volksbühne, als Polly in der „Dreigroschenoper", als Babette in „Die Tage der Commune“, in „Cäsar und Cleopatra“, als „Die schöne Helena“. Da war Angelica Domröse so hinreißend, dass am Bühneneingang mit Blumen auch unmoralische Angebote in Mengen abgegeben wurden. Da war sie mit dem 21 Jahre älteren „Clown Ferdinand“ Jiri Vrstala verheiratet. Die Ehe scheiterte nach neun Jahren an seiner Alkoholsucht. Zweiter Ehemann wurde Hilmar Thate, 1975 kamen sie sich beim Dreh von„Daniel Druskat“ näher. Die Ehe hält bis heute, überstand auch jene komplizierten Zeiten, als sie 1978 nach „Fleur Lafontaine“ ein Kind verlor, und Ende der 80er bis Mitte der 90er, als Angelica Domröse zu viel trank und erst der dritte Versuch einer Entziehung Erfolg hatte.

Da lag ihr größter Erfolg schon 20 Jahre zurück. Dabei wollte Regisseur Heiner Carow sie gar nicht für „Die Legende von Paul und Paula“. Er hielt sie 1973 mit Anfang 30 für zu alt. Paula sollte 24 sein. Doch Angelica Domröse war so hartnäckig, dass er doch noch Probeaufnahmen machte – „und sie verwandelte sich, wie ich es vorher noch bei keiner Schauspielerin erlebt hatte“. Sie war plötzlich jung, zärtlich, voll Liebessehnsucht, absolut im Anspruch auf Ehrlichkeit und Glück.

Was Angelica Domröse kann, hätte Heiner Carow allerdings spätestens seit der TV-Adaption „Effi Briest“ ahnen können. Sie ist immer noch die beste Effi, die es trotz Marianne Hoppe, Hanna Schygulla und Julia Jentsch je gab: romantisch und mädchenhaft, zerbrechlich und zart, aber unnachgiebig in ihren Gefühlen. Eine starke Frau mit großer Seele. Eine Paula aus einer so ganz anderen Zeit.

Mit Anfang 30 war Angelica Domröse längst eine Charakterspielerin, ob als selbstherrliche Gräfin im TV-Fünfteiler „Wege übers Land“, Jüdin Ruth in „Chronik eines Mordes“ oder Eva in „Eva und Adam“. Sie war tatsächlich ein Star, bekam 1976 den Nationalpreis der DDR, unterschrieb im gleichen Jahr die Biermann-Petition, wurde kaltgestellt und ging in den Westen. Sie spielte in Wien und Stuttgart und drehte nur noch wenig – mit Frank Beyer das Ehedrama „Die zweite Haut“, mit Egon Günther „Hanna von acht bis acht“, mit Michael Haneke „Fräulein“. Sie war in „Hurenglück“ ein Ereignis und musste ihren „Polizeiruf 110“ bereits nach drei Fällen aufgeben. Erst 1990 drehte sie wieder fürs Kino, mit Heiner Carow „Die Verfehlung“. Die Geschichte einer Ostfrau, die sich trotz der Grenze in einen Westmann verliebt. Der Film fiel kaum auf. Der Osten wollte 1990 anderes sehen.

Seitdem ist im Kino allein das Senioren-Abenteuer „Bis zum Horizont, dann links!“ (2012) erwähnenswert. Es gab Angebote. Sie entsprachen nicht dem Anspruch von Angelica Domröse. Es gibt eine Biografie („Ich fang mich selbst“), es gibt „Die Päpstin“ als MDR-Hörspiel mit ihrer wunderbar klaren Stimme. Zwei Zusammenbrüche erlitt sie, die im Sanatorium behandelt werden mussten. Heute wird Angelica Domröse 75 Jahre alt. Kaum zu glauben. Noch immer besitzt sie was von ihrer mädchenhaften, grazilen Paula und ihrem Anspruch: Her mit dem Leben, ich nehme mir, was ich brauche.

Von Norbert Wehrstedt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr