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Für den 21. Bautzener Theatersommer nutzt Lutz Hillmann den Defa-Tonfall der Olsenbande

Dänen lügen nicht Für den 21. Bautzener Theatersommer nutzt Lutz Hillmann den Defa-Tonfall der Olsenbande

Die Olsenbande kehrt zurück – nach Bautzen, auf den Hof der Ortenburg. Dort destilliert sich Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, aus den 13 bis 14 Filmen (Puristen streiten sich ob der Echtheit des letzten) eine eigene Fassung, die sich „Die Olsenbande und der Hintermann“ nennt.

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Die „Bautzner“ Olsenbande mit István Kobjela (Benny), Olaf Hais (Egon), Katja Reimann (Yvonne) und Rainer Gruß (Kjeld, v.l.)

Quelle: Theater Bautzen

Bautzen. Es gibt in Sachsen eine Freiluftbühne, die sich nicht um ein gewisses Herrenturnier im Nachbarland scheren muss: 99 Prozent Auslastung bereits im Vorverkauf zeugen von absoluter Publikumsgunst. Der Grund: Die Olsenbande kehrt zurück – nach Bautzen, auf den Hof der Ortenburg. Dort destilliert sich Lutz Hillmann, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, aus den 13 bis 14 Filmen (Puristen streiten sich ob der Echtheit des letzten) eine eigene Fassung, die sich „Die Olsenbande und der Hintermann“ nennt. Dafür musste sein Ensemble vor allem eins proben: Auto fahren. Und zwar vor allem seltene Oldtimer in rasanter Geschwindigkeit. Sogar der herrliche Chevy von Benny ward in der Fangemeinde gefunden und düst nun hier lautstark viele enge Runden.

Dafür wurde das Pflaster im Burghof überteert – mit Plastikplanen zur schnellen Wiederherstellung. Zwei 500-Mann-Tribünen stehen links und rechts der Rennstrecke, verbunden mit Fußgängerüberweg samt Verkehrsinsel mit Tanzlaterne, an den Stirnseiten zwei wandelbare Gebäude: Theater, Kino, plötzlich Knast im Westen, die Lebensmittelbetrugsanstalt vom großen Hintermann im Osten vorm Gerichtsgebäude. Die gute Stube der Familie Jensen, die Egon Olsen und Benny Frandsen quasi adoptiert haben, wird hingegen bei Bedarf auf einem Wagen an beiden Seiten hereingezogen.

Aber das Spektakel lebt nicht nur von Jagd, Kulisse und Erinnerung, sondern wird von den überlieferten Unikaten getragen, die den gewaltlos-kriminellen Gutbürgern die gelungene Defa-Synchronisation sorgsam in den Mund legt: Ob bei Yvonne von Katja Reimann, Kjeld von Rainer Gruß, Benny von István Kobjela oder Kopf Egon, dessen komplettes Schimpfwortarsenal im Programmheft aufgelistet ist, in Person von Olaf Hais – hier wird vor allem auf Originalität samt Wiedererkennung wertgelegt.

Die Geschichte mäandert dabei wild durch die Streifen: Die bevorstehende Hochzeit vom Sohnemann Børge (Anthony Mrosek) bringt dessen verstaubte Oldies in Zugzwang, zumal die künftige Braut (Julia Klingner), leicht grobmotorisch veranlagt, die vermeintlich wertvolle Vase aus der Ming-Dynastie, die ihre Hochzeit finanzieren soll, zerdeppert – und sich die Bande im Spiel zwischen großen Mächten und dänischem Staat wiederfindet und Egon trotz mehrerer Pläne seinen Rachegelüsten erliegt und drei Mal in den Knast einfährt.

Dabei geht es um den europäischen Butterberg, Diamanten und Betrug in ganz großen Dimensionen, die der Hintermann (Götz Schweighöfer) und sein Handlanger (Erik Dolata als „dummes Schwein“) im Kühlhaus planen, in dem eine Art Riesentopf für Missliebige steht, in dessen Schlund Egon mehrfach guckt. Auch gefrostet wird er, um als Eispuppe mit glimmender Zigarre (Ausstattung: Miroslaw Nowotny) von Dynamit-Harry gerettet zu werden. Auch der Gag mit dem echten Bier – hier ein Kasten Eibauer in Umgebung von Radeberger Biertristesse – zum Klau eines Biertransporters kommt gut. Schauspielerisch besonders geraten die mehr oder minder tiefsinnigen Dispute von Ralph Hensel als Kommissar Jensen und Mirko Brankatschk als dessen übereifrigem Assistenten Holm Ernst.

Schaut man zurück, so gab es hier in der aktuellen Dekade sicher schon phantasievollere Sommerspektakel: „Gullivers Reisen“ mit Puppen von 60 bis 600 Zentimetern oder der Senf-Bonaparte mit komplexem Pappkameraden-Gemetzel auf Gleisen oder Münchhausens Kanonenflug lebten je von einer wahnwitzigen Grundidee und waren in der Umsetzung technische Glanzleistungen. Doch der Bautzener Olsenbanden-Fanatismus ist hausgemacht. Denn das Stück in der bisherigen Standardfassung von Peter Dehler lief seit 1998 in insgesamt 133 Vorstellungen in Regie von Lutz Gotter – mit Hillmann als Benny. Nun verzichtet er auf sich selbst, behält aber fünf Besetzungen bei – und holt Götz Schweighöfer als Gast für den Hintermann namens Bang-Johansen zurück. Mit dem neuen Oberspielleiter – Regisseur Stefan Wolfram kommt zur kommenden Spielzeit fest nach Bautzen und liefert zum Warmwerden drei Regiearbeiten am Stück (Start mit „Terror“ am 22. September im Gericht) – hat man zudem noch einen zweiten Leitungskader an Bord, der Benny als Plauener Rolle zur Genüge kennt. Doch István Kobjela gibt ebenso einen perfekten Lulatsch – und gemeinsam mit Hais und Gruß eine gute Bande.

Im Premierenapplaus fuhr auch der Gabelstapler noch eine Ehrenrunde – mit Herzog und Hillmann auf den Bierkästen, die in der leicht zu scharfen Kurve um die Verkehrsinsel mitsamt den beiden Herren umkippten. Das sorgte für kurze Entgeisterung im Publikum, aber schnell stand fest: Alles war gut gegangen, Intendant und Mimentrainer wohlauf. Und die Kästen waren eigens für solche Zwecke hergestellt, das echte Bier woanders. So kommt es – da längst nicht alle Gags verbraten sind – im nächsten Jahr zu einer Fortsetzung. Fetischisten hoffen da natürlich auf die grandiose Weichenstellung oder den taktvollen Operndurchbruch – nur scheint beides schwer umsetzbar.

Das mit der mangelnden Fußballangst war derweil auch in Bautzen nicht immer so: Noch vor vier Jahren – damals lag einer der EM-Spielorte nur drei Stunden östlich – synchronisierte man den Spielplan, so es ging, mit dem der Ballteutonen. In den Jahren dazwischen gab es immer wieder Gewitterstimmung inklusive Unterbrechungen am Premierenabend, auch das traute sich diesmal keiner: Alle Wolken und Knalleffekte waren selbst gemacht – so auch das abschließende Feuerwerk.

bis 17. Juli täglich (außer Mo/Di) auf dem Hof der Ortenburg Bautzen, für die Zusatzvorstellung 5. Juli, 19.30 Uhr, könnte es noch Karten geben.

www.theater-bautzen.de

Von Andreas Herrmann

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