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Friedrich Dürrenmatts "Die Panne" als opulenter Untergangskreisel am Dresdner Staatsschauspiel

Friedrich Dürrenmatts "Die Panne" als opulenter Untergangskreisel am Dresdner Staatsschauspiel

Gerade waren alle noch in einem übervoll sinnlich anmutenden Finale zugange, ein paar Momente später ist einer der Runde tot. Aufgeknüpft am Fensterkreuz, der stille Abgang eines schlechten Gewissens, und zwar von Alfredo Traps, dem zum Generalvertreter aufgestiegenen Handelsreisenden.

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Holger Hübner (Strafverteidiger Kummer), Ahmad Mesgarha (Staatsanwalt Zorn), Albrecht Goette (Richter Wucht) und Ben Daniel Jöhnk (Alfredo Traps)

Quelle: David Baltzer

Der Lebe- und Geschäftsmann hatte sich zuvor eingelassen auf ein Spiel mit der Justiz, genauer gesagt mit einer sehr privaten Variante dieser Justiz. Er war der einzige der Beteiligten, der das Spiel ernst nahm. Das brachte ihn schließlich um.

Dabei lässt das Schlussbild keine Fragen offen: Hier ist gerade etwas Orgiastisches über die Bühne gegangen. Die Opulenz der Gänge und Weine und die Bedingungslosigkeit, sich der Völlerei hinzugeben, erinnern an Marco Ferreris Filmklassiker "Das große Fressen". Allerdings kommt der Tod bei Dürrenmatt ganz anders daher: über die (Selbst)-Erkenntnis.

Der Autor hatte "Die Panne" als Erzählung bereits 1955 geschrieben. Erst 24 Jahre später erlebte sie als Komödie, inszeniert vom Schweizer selbst, ihre Uraufführung. In Dresden hat sich nun ein Landsmann Dürrenmatts des Stoffes angenommen. Für Regisseur Roger Vontobel ist es dabei eine Premiere der besonderen Art: Erstmals inszeniert der Schweizer einen Schweizer.

Gleich zu Beginn sind die Rollen klar und verteilt. Der Neuankömmling Traps (Ben Daniel Jöhnk) sieht sich einer Phalanx alter Herren in dunklen Anzügen gegenüber, die eine gewisse Tattrigkeit ausstrahlen und so schon die erste falsche Fährte legen. Der Gast, der in pinkem Sakko und pinker Krawatte sofort als Einzelkämpfer gegen das Quartett erkennbar ist, hatte eine Panne mit seinem luxuriösen Studebaker, die Reparatur dauert über Nacht. Also macht er Station und Quartier in der nahen Villa, die von dem eigenwilligen Vierer bewohnt wird. Die Herren, im Angesicht gähnender Pensionisten-Langeweile, flüchten sich regelmäßig in Spiele, die an ihre alte Zeit und ihre alten Rollen im Justizsystem erinnern: Richter Wucht (Albrecht Goette), Staatsanwalt Zorn (Ahmad Mesgarha), Strafverteidiger Kummer (Holger Hübner) - und der stille Henker Pilet (Jochen Kretschmer), der sein Handwerk früher "im Nachbarland" ausübte. Um dieses Spiel zu spielen, fehlt ihnen nur ein Angeklagter. Als Traps zusagt, ihn geben zu wollen - immer wieder darauf hingewiesen, dass er das nicht müsse -, ist sein Schicksal faktisch schon besiegelt.

Diese Zusammenkunft alter Männer hat durch ihre jeweilige berufsbedingte Verstrickung mit Verbrechen in die meisten menschlichen Abgründe geschaut und weiß äußerst genau um deren Tiefe und Schwärze. Traps hat, kurz gesagt, keine Chance. Aber davon hat er lange keine Ahnung. Als es ihm in aller Deutlichkeit bewusst wird, fällt ihn diese Einsicht umso heftiger an. Und sie streckt ihn schließlich nieder, nicht nur metaphorisch.

Denn hinter den greinenden Greisen stecken routiniert fragende und kühl denkende Charaktere. Die Jahre haben sie eins gelehrt: Es gibt keinen unschuldigen Menschen. Die Frage ist also nur, wo sich die jeweilige Schuld verbirgt und welche eventuell justiziablen Folgen sie hat. Die Selbstüberschätzung und der Wein sorgen dafür, dass sich Traps immer mehr verstrickt, als er über den (Herz-)Tod seines einstigen Chefs Gygax und sein eigenes Verhältnis mit Gygax' Frau berichtet.

Die Batterie der Greise wird zunehmend lebendiger (bis auf den phlegmatischen Pilet, der mit einem kecken Karnevalshütchen eine Art stummen Hofnarr gibt), je tiefer Traps in den Keller seiner Schuld steigt. Goette als Richter wird schließlich sein Urteil sprechen wie ein Denkmal gewordener Buddha in Stützstrümpfen, Mesgarha als Staatsanwalt Zorn schneidend den Tod fordern. Und Hübner als Verteidiger dient mehr dem System als seinem Mandanten. Eine Trias der Richter. Alle haben ihre Monologe, und jeder kostet ihn aus. Wenn schließlich Goette als Gott dieses privatjuristischen Gemetzels thronend das Verdikt verkündet, während er ein Glas goldgelben Cognac schwenkt, dann ist das bittersüß und damit tragikomisch im Dürrenmatt'schen Sinne.

Bis dahin aber unterbricht nicht nur die rasche Folge der immer köstlicheren Gänge und noch süffigeren Weine (angekündigt und serviert von der wundervoll bizarren Simone alias Annedore Bauer) das Geschehen, ab und an verknäulen sich auch die Körper der Protagonisten auf und am Tisch, der riesig die Szene beherrscht, sie vielmehr ist. Diese Momente einer extremen Nähe sind vielleicht das letzte Zucken einer fleischlichen Libido, die den Gerechtigkeitsfimmel und vor allem das Schlemmen als Ersatz ihres Auslebens benötigt. Essen ist der Sex des Alters? Oh ja, das war zu sehen. In einer Ausstattungsorgie, deren Menüfolge man spaßeshalber noch ins Programmheft hätte legen können, als Speisekarte zum Stück.

Doch bietet Dürrenmatt natürlich mehr als nur Tragikomik. "Die Panne" ist eine Parabel auf die Gerechtigkeit. Und dort kommt das aktuelle Geschehen ins Spiel. Zwei Stunden vor Premierenbeginn wurde per Eilmeldung bekannt, dass die beiden Attentäter, auf deren Konto offenbar die Morde in der Pariser Redaktion von "Charlie Hebdo" gehen, erschossen worden sind. Diese Männer werden vor kein Gericht mehr gestellt. Ein Umstand, der sich anfühlt wie eine Niederlage.

nächste Aufführungen: 17., 20. & 26.1.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.01.2015

Torsten Klaus

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