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Friedrich Dieckmann stellte im Dresdner Stadtmuseum sein Buch über Matthäus Daniel Pöppelmann vor

Friedrich Dieckmann stellte im Dresdner Stadtmuseum sein Buch über Matthäus Daniel Pöppelmann vor

Die Neuzeit kennt den Begriff des Frustshoppings, bei Frauen läuft es dann häufig auf neue Schuhe hinaus. August der Starke gönnte sich auch so manches (mal abgesehen von Gespielinnen und Gemälden), wenn das Leben mal wieder eine Enttäuschung bereitgehalten hatte.

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Schloss Pillnitz sei, wagt Friedrich Dieckmann in seinem Buch "Pöppelmann oder Die Gehäuse der Lust" die These, so eine Kompensation. Grund für den Frust des kurfürstlichen Selbstdarstellers, dessen Ruhm der Verschleiß an Frauen wie Finanzen nicht wirklich abträglich war? Die Pleite im selbst angezettelten Nordischen Krieg und der damit verbundene Verlust der polnischen Königskrone. Oder möglicherweise auch des Fasses ohne Boden namens Polen (samt Litauen) mit seinem Adel, dem Dieckmann kein Blatt vor den Mund nehmend "Staatsunfähigkeit" attestiert.

Gebaut hat dieses Wasserschloss im Grünen im "indianischen Stil", womit natürlich der chinesische gemeint war, Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736). Und um diesen geht es vorrangig in Dieckmanns Buch, dessen Vollendung dem MDR zu verdanken ist und das im Festsaal des Stadtmuseums vorgestellt wurde. Das Buch ist keine Biografie, sondern die Beschreibung eines Spaziergangs durch Dresden auf den Spuren Pöppelmanns. Auf die Frage Hans-Peter Lührs vom Dresdner Geschichtsverein, was für Dieckmann neu bei der Beschäftigung mit Pöppelmann gewesen sei, erklärt der vor wenigen Tagen 75 Jahre alt gewordene Autor, der seine Kindheitsjahre in Dresden verbrachte und wohl im Sommer 1944 im Zwinger die Vereidigung eines Fallschirmjägerregiments erlebte, das an die Front geschickt wurde: "Bislang hatte ich die Satyrn eigentlich immer nur wahrgenommen. Dieses Mal habe ich ganz genau hingesehen."

Natürlich gibt es in dem essayistischen "Streifzug" die harten Kerndaten zum Lebenslauf, aber die Quellenlage an sich ist dünn. Es hat sich kein einziger Privatbrief des "westfälischen Migranten" erhalten, das einzige Bildnis, eine Miniatur, wurde im letzten Krieg vernichtet. Hübsch ein Detail: Pöppelmann, den der in Berlin lebende Publizist zum "Titanen an Werk- und Wirkfreude" erklärt, betreibt Baugeschäfte. Kauft ein Grundstück, baut ein Haus darauf und verkauft es dann mit Gewinn. Anders als manche Spekulation wie zuletzt in Spanien oder Amerika ging diese auf.

Andere Pläne scheiterten, nicht zuletzt all die schönen Schlossentwürfe. Lust sie zu verwirklichen, hätte sein Dienstherr August der Starke schon gehabt, aber ohne Moos ist manchmal sogar bei Königs nix los. Den Zeichnungen zu den Objekten bescheinigt Dieckmann, dass sie "von großer Schönheit und Erfindungskraft" waren. Aber auch so entwarf und baute Pöppelmann noch so manches: Brücken und Bürgerhäuser, Kirchen und Postmeilensäuen - und sogar ein Backhaus für den größten Kuchen der Welt. Und dass man auf der Festung Königstein ein Riesenfass aufmachen konnte, war auch dem Mann zu verdanken, über die Dieckmann schreibt: "Pöppelmann ist ein Universalarchitekt, dem nichts zu groß und nichts zu klein ist, um seine Kunst und sein Organisationstalent daran zu wenden." Und immer gelang es ihm, das Praktische und Alltägliche mit dem Lustvollen zu durchdringen. Ein Kapitel in dieser Hommage auf den großen Architekten, dessen 350. Geburtstag unlängst gewürdigt wurde, trägt die Überschrift "Herkules Pöppelmann".

Im Zentrum von Dieckmanns Annäherung an den Titanen: der Zwinger, dieses Stück "Staatsarchitektur", dem der Autor allerdings bescheinigt, "nicht einschüchternder, sondern nahebringender Art" zu sein. Diese Festarchitektur setzte dem, was man später abschätzig "Barock" nannte, die Krone einer sich gestaltenden Daseinslust" auf. Der Barock, da hat Dieckmann Recht, war der "Aufstand gegen die an der griechischen Antike orientierte Klassizität, es war die Opposition gegen die Säulen- und Giebel-Monomanie des großen Palladio und seiner Nachfahren". Klar ist für Dieckmann: Hätte der Zwinger, dieses Gesamtkunstwerk kraft seiner malerischen und dekorativen Innenaustattung, der Bürgerstadt statt dem Hof gehört, er wäre in späteren Zeiten "wahrscheinlich abgerissen worden".

Das Buch liest sich gut, besticht durch flotte Formulierungen, hübsche, geschickt ausgewählte Zitate und die eine oder andere originelle These. Bei einigen persönlichen Urteilen packt einen allerdings hier und schon mal gelinde gesagt das Grausen. So schreibt Dieckmann auf Seite 22: ".... wie schon einmal beginnt Europa nach China zu blicken, wo die Politik noch nicht gegenüber den atlantischen Finanzspekulationszentren abgedankt hat."

Christian Ruf

Friedrich Dieckmann. Pöppelmann oder Die Gehäuse der Lust. Sandstein Verlag, 96 Seiten mit 31 s/w-Abb., 15 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.06.2012

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