Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Freundlich-friedliches Sendungsbewusstsein

Freundlich-friedliches Sendungsbewusstsein

Die Dresdner sind halt doch verkappte Monarchisten. Wenn der (ungekrönte) König des Klezmer, Giora Feidman, zum Konzert in die Kreuzkirche lädt, dann lassen sie sich nicht bitten, dann füllen sie in Scharen das Gotteshaus wie sonst zur Christvesper.

Voriger Artikel
Fraktus spielen in Dresden - Aus einer Rippe der Musikgeschichte
Nächster Artikel
Festung Dresden öffnet nach vierwöchiger Schließzeit

Ein ungekrönter Klezmer-König in der Kreuzkirche: Giora Feidman mit Gitanes Blondes.

Quelle: Dietrich Flechtner

Im Westen Deutschlands kam der Durchbruch des Klarinettisten 1984 mit Peter Zadeks Inszenierung von Joshua Sobols hinreißendem Drama "Ghetto". Feidman wurde vom Geheimtipp zum Star, der mit seinen "meschuggen Sachen" (O-Ton Feidman) immer größere Säle füllt, nach 1989 dann auch im Osten.

Jetzt spielte der 1936 als Kind bessarabischer Juden in Argentinien geborene Feidman mit dem Ensemble Gitanes Blondes zusammen, einem gewachsenen und auch unabhängig von Feidman auftretenden Quartett, das aus vergleichsweise jungen Musikern besteht: mit Mario Korunic an der Violine, Konstantin Ischenko am Akkordeon, Christoph Peters an der Gitarre sowie Simon Ackermann am Kontrabass, dem vielleicht mal einer sagen sollte, dass es die Höflichkeit gebietet, in Kirchen den Hut abzunehmen. Es gibt so ein paar Grundregeln im respektvollen Umgang mit Religionen. Vor Moscheen und buddhistischen wie hinduistischen Tempeln zieht man die Schuhe aus, in Kirchen setzt man Hüte und Mützen ab.

Aber gut, kommen wir zum musikalischen Teil. Noch mitten in den Lärmpegel hinein sind zu Beginn ganz leise Klarinettentöne zu vernehmen. Die werden nicht lauter, die Leute werden ruhig, die Welle der Sympathie, die Feidman auf Anhieb entgegenschlägt, ist geräuschlos. Ganz langsam kommt Feidman durch den Mittelgang nach vorne, entlockt seinem Instrument geradezu sphärische Klänge, zelebriert das Pianissimo.

Dann fallen die jungen Spunde an seiner Seite mit ein. Stilistisch geht es kreuz und quer. Klar, Klezmer, den Feidman aus dem Schtetl in die Gegenwart holt, gibt es reichlich, aber auch eine Prise Tango und Latino(-Sound), Folk vom Balkan wie von der Grünen Insel und Ausflüge in die Klassik werden ebenfalls unternommen. Manchmal wünscht man sich, bei der einen oder anderen Melodie würden Feidman & Co länger verharren. Das Melodiechen-Wechsel-Dich-Spiel ist manchmal zu viel des Guten. Dass weniger oft mehr ist, erweist sich bei aller Virtuosität auch bei diesem Potpourri. Erst nach 50 Minuten begrüßt der wohltuend unprätentiöse Künstler verschmitzt die Zuschauer mit "Guten Abend", um sie dann umgehend dafür zu loben, dass sie kurz vorher so gut - und zwar bei "Donna Donna" (auch als "Dos Kelbl" bekannt) - mitsummten und -sangen. Jedes Mal, jedes Jahr, würde der Gesang besser werden. Immer wieder bezieht Feidman das Publikum mit ein, lässt es Refrains singen oder einen ausgehaltenen Ton summen, über dem er improvisiert. Die scheinbar bedeutungslosen Worte "Donna Donna" gehen übrigens auf das hebräische Donaj zurück, die Kurzform von Adonai, einer im Hebräischen üblichen Anrede von Gott.

Zusammen singen, das ist für den Brückenbauer zwischen den Kulturen Feidman die Lösung aller Konflikte. Eine 2005 von der ARD produzierte DVD zu Feidman trägt den Titel: "Wenn du singst, wie kannst du hassen". Nun, auch böse Menschen haben Lieder, das weiß man nicht erst seit Röhms SA-Horden und Maos Roten Garden. Aber gut, die symbolträchtige Verschmelzung dreier Nationalhymnen - der deutschen, israelischen und palästinensischen - zu einer neuen Melodie kam gut an.

In den wenigen Ansagen bedient sich der freundliche alte kahlköpfige Herr einer Sprache, die Ausdruck seines freundlich-friedlichen Sendungsbewusstseins ist, ein freundlich-weltumspannendes Konglomerat aus Englisch, Deutsch mit ein paar Brocken Jiddisch und wohl auch Hebräisch, wobei es einiger Anstrengung bedarf, den Ausführungen zu folgen. Letztlich lauscht man ohnehin lieber der Sprache der Musik, den je nachdem hauchenden, schluchzenden und jubelnden Tönen.

Klezmer ist, das macht Feidman auch mit diesem Auftritt einmal mehr virtuos deutlich, mehr als ausgedachte Noten. Er ist Volkskunst und so Träger jahrhundertealter Überlieferung, der Gefühle, Geschichten, Klagen eines Volkes in der Diaspora. Er lebt vom völligen Aufgehen des Musikers in der Musik, von Erfühlen und Hingabe. Wenn Feidman auf der Klarinette spielt, ist er irgendwie drin, man selbst ist eigentlich irgendwo draußen - und trotzdem zieht der Künstler einen mit hinein. Feidman gelang an diesem am Ende frenetisch beklatschten Konzertabend einmal mehr, auch im Verbund mit Gitanes Blondes, eindrucksvoll zu vermitteln, dass Musik für ihn die universelle Sprache des Herzens ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.01.2013

Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr