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Fremdbewegte Gestalten - Deutsch-polnische Koproduktion "hagazussa" am Theater Görlitz

Fremdbewegte Gestalten - Deutsch-polnische Koproduktion "hagazussa" am Theater Görlitz

Apollo ist eine kleinere Spielstätte des Theaters Görlitz, und speziell die Tanzcompany startet auch an diesem Ort immer wieder Versuche, sich selbst zu erfinden - mit unterschiedlichen Partnern, in Variationen, veränderlichen Sichtweisen.

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Grenzenlos Magisches von Tanz und Puppe in "hagazussa".

Quelle: Pawel Sosnowski

Da ist es kein Wunder, dass sich die Tänzer in ihrer Neugier und Experimentierfreude justament ebenso mit Puppenspielern verbünden, deren Fabulierlust ja allenthalben bekannt ist. Und dies geschieht im konkreten Falle grenzüberschreitend, was längst zum Selbstverständnis auch der Tänzer in dieser Region gehört - ein Zusammengehen mit dem Animationstheater Jelenia Gora, von Tanz und Figurenspiel, als besondere Herausforderung.

Der Titel "hagazussa", was soviel wie Zaunreiterin heißt, verweist darauf, dass sich diese Koproduktion einer sagenhaften Spurensuche widmet, den rätselvollen und zuweilen auch historisch verbürgten Geschehnissen und Überlieferungen zu Hexen speziell in Schlesien. Geschichten dazu geistern durch alle Zeiten und Kulturen, suchen nach jeweiligen Erklärungen, für die es auf den ersten Blick wohl keine geben kann. Zumindest keine rational fassbaren. Ein Thema, welches diverse Fantasien frei setzt, und die seit 2009 am Theater Görlitz engagierte Tänzerin und Choreografin Steffi Sembdner hat sich dazu gemeinsam mit allen Beteiligten einiges einfallen lassen. Das Publikum ist von diesem Spiel voller Eigenart deutlich gefangen genommen, wird hineingezogen in Geschehnisse voller Zauber.

Ohne allerdings gleich alles - ebenso in der sparsamen Anwendung von Sprache - verstehen zu können. Und so versucht man herauszufinden, um welche Zusammenhänge, Anspielungen es geht, ist fasziniert von Bild- metaphern und dem vielgestaltig bewegten Raum. In der Ausstattung von Agathe MacQueen - sie ist Meisterschülerin von Prof. Barbara Ehnes an der HfBK Dresden - beschränkt sich das Bühnenbild auf Markantes, wird zum Ereignisort mit einem aufgehäuften Kegel grauer Späne, die sich im- mer mehr über die Bühnenfläche verteilen, aufgewirbelt in tänzerischen Drehmomenten und Sprüngen, bevor sie sich wie Asche auf Lebende und Belebte legen.

Steffi Sembdner, die zugleich für Choreografie und Regie verantwortl- ich zeichnet, verzichtet deutlich auf ein allzu vordergründiges "Hexeneinmaleins", assoziiert die Elemente mehr über die Klangebene, schafft ein Be- ziehungsgeflecht, wo es um Abhängigkeiten, Drohungen, Vertrauen, Missbrauch, Liebe, Gewalt geht. Und diese Zerrissenheit, Bedrohlichkeit, die Ängste, Zwänge, Hoffnungen sind ebenso in der Körpersprache der vier Tänzer assoziiert, beredt vor allem in den Soli, zuweilen auch in den geradezu zelebrierten Gruppenszenen. Manches wirkt da etwas manieriert, könnte im choreografischen Duktus zwingender sein. Doch die Tanzdarsteller machen etwas Eigenes daraus, und dann ist es auch spannend. Wie beispielsweise die sensible Bewegungssprache von William MacQueen oder das Solo von Maria Zimmermann. Seit 2009 ist diese in Görlitz engagiert und gehört zu jenen Absolventen der Palucca Schule Dresden, die einst die Rekonstruktion von Paluccas "Serenata" tanzen durften. Vor allem berührt in der Aufführung diese unglaubliche Intensität aller Darsteller, und das passiert nicht eben so. Es spricht für die Qualität und das Einfühlungsvermögen der Künstler, für ein gutes Miteinander auf diesem Wege, der im besten Sinne grenzüberschreitend ist.

Eindringlich sind vor allem Momente, in denen die Tänzer ganz unmit- telbar einbezogen werden in das Geschehen mit der kleinen, weißen Gliederpuppe - eine unschuldige Mädchengestalt in Obhut der Weißen Frau. Und es ist speziell das Spiel der Hände, dieses behutsame Aufnehmen und Abgeben oder ein unheilvolles Okkupieren, das die Zuschauenden ganz offensichtlich fasziniert. Schließlich gelangt die umsorgte, gefährdete, ausgelieferte Figur ganz und gar in den bedrohlichen Zugriff der fremdbewegten Gestalt, wird von den trauernden Tänzern umhüllt mit aschefarbenen Banden, landet gleich Strandgut, Abfall in den Spänen und verschwindet letztlich im zusammengekehrten Haufen. Ein äußerst berührendes Bild, das sich zutiefst einprägt.

"hagazussa - Grenzenlos Magisches von Tanz und Puppe", wieder am 29. März, Beginn 19.30 Uhr, Apollo Görlitz

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.03.2012

Gabriele Gorgas

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