Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Freizeitvergnügen Krieg - Ausstellung im Jägerhof-Dresden

Freizeitvergnügen Krieg - Ausstellung im Jägerhof-Dresden

Kampfbomber im Kinderzimmer? Panzer auf dem Wunschzettel für Weihnachten? Dagegen kämpfen viele Väter und Mütter seit Jahrzehnten verbissen wie einst Deutsche und Franzosen um Verdun.

Voriger Artikel
Psychedelic-Festival „Reverberation“ in Dresden um ein Jahr verschoben
Nächster Artikel
Theaterruine St. Pauli Dresden: Jugendorchester hat Probleme mit anspruchsvollem Programm

"Großvaters Schlacht" (Ausschnitt) entstand um 1904 in Dresden. Es zeigt, vor bergiger Kulisse, die eher altmodische Variante des Kriegsspiels.

Quelle: Gerald Risch

Die schärfste Waffe, die Deutsche im Ausland noch führen, ist in der Regel ein Handtuch, mit dem überfallartig Liegestühle besetzt werden.

Wer Kinder im entsprechenden Alter hat, steht unweigerlich vor der Frage: Soll man Waffen verschenken, darf man den lieben Kleinen erlauben, Krieg zu spielen, vielleicht sogar in der modernen Variante, etwa gar "Counter-Strike", ein Computerspiel für den PC aus dem Genre der Online-Taktik-Shooter? "Krieg spielt man nicht", heißt es oft. Moralische Fragen stehen oft pädagogischen Fragen nach Aggression und Aggressionsabbau, nach Strategie und Kalkül, nach Faszination und Fantasie gegenüber. Das Museum für Sächsische Volkskunst im Jägerhof strebt in seiner Sonderausstellung "Kriegsspiele. Rollen, Regeln, Regimenter" gar nicht erst an, diese strittigen moralischen Fragen zu klären. Die in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Medienpädagogik der TU Dresden entstandene und von Karsten Jahnke kuratierte Ausstellung versucht, einfach mal "einen Blick hinter das Tabu auf der jeweils anderen Seite zu werfen", wie zum Auftakt der Schau auf einer Tafel zu lesen war.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist 100 Jahre her, auch deshalb sei die Ausstellung "das richtige Thema zur richten Zeit", wobei "der übliche kulturhistorische Überblick dieses Mal nicht reicht", wie Igor A. Jenzen beteuert, der Direktor des Museums. Er plädiert dafür, genau hinzusehen. "Wenn Kinder Krieg spielen, geht es in erster Linie um Selbstwirksamkeit." Man verweigere Kindern die Wertschätzung, "wenn man nicht wissen will, was sie machen".

Schon die Frage, was überhaupt Kriegspielzeug ist, ist umstritten. Kinder sehen süß aus, wenn sie auf Pirat geschminkt sind, aber Piraten gingen ja nicht auf Kaffee-, sondern auf Kaperfahrt. Und Schach ist ein uraltes Kriegsspielzeug, wenn auch "hochgradig abstrahiert", wie Jenzen versichert. "Vielleicht ist Kriegspielzeug für Kinder und Jugendliche nicht viel mehr als ein Spiele-Element", so wie der allabendliche Krimi-Mord im ach so beliebten Tatort ein Unterhaltungsformat der Erwachsenen ist, ist zu lesen.

Zeitweise waren militaristisch dekorierte Spielzeuggeschäfte ja einem Zangenangriff von Ketten wie "Toys 'R' Us" einerseits und erregten Weltverbesserern andererseits zum Opfer gefallen. Aber längst feiert Kriegsspielzeug fröhliche Auferstehung. In der Schau im Jägerhof läuft ein Video, in dem der "Star Wars III" mit Lego-Figuren durchgespielt wird. Auch hier wird - das ist das Grundmuster, ob nun Yedi-Ritter oder mittelalterliche Ritter das Schwert zücken - das Gute verteidigt und das Böse bekämpft.

Das Kriegsspiel war dabei zunächst eine Domäne des Adels. Ein Sprössling blauen Geblüts bereitete sich mittels Soldatenfiguren auf die spätere Karriere in der Armee des obersten Lehnsherrn und Landesfürsten vor. Nach dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1775-1783 und den Napoleonischen Kriegen 1792-1815 war auch das aufstrebende Bürgertum auf den Geschmack gekommen. Seit dieser Zeit finden sich bunt uniformierte Spielzeugsoldaten in vielen Kinderzimmern. Eine Vorstellung davon vermittelt der Dresdner Maler Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) in seinen "Jugenderinnerungen eines alten Mannes". Es war der Hauslehrer Carl Adolf Senff, der den Kindern beibrachte, wie man aus Papier Reiter und Pferde faltete und bemalte.

Als beliebter galten Zinnsoldaten. Holzmännel aus dem Erzgebirge in Rüstung oder Uniform waren - weil nicht seriell in Gussformen hergestellt wie Zinnsoldaten - teurer, hatten aber den Vorteil, plastischer und individueller zu wirken. Ungewöhnlich sind einige Figuren der erzgebirgischen Spielzeugmacher Emil Bilz (1880-1945) und Louis Heinrich Hiemann (1857-1939). Sie gewährten mit Verwundeten und Lazarett-Szenen eine ungewöhnliche realistische Sicht auf den Krieg. Aber um einen Fall von unterschwelliger Kritik am Krieg handelt es sich beileibe nicht. Es war, lässt Jenzen wissen, schlicht Spielzeug für Mädchen, wobei die Krankenschwestern die Identifikationsfiguren waren.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen mit der Begeisterung für historische Gemäuer aus dem Mittelalter insbesondere Ritterburgen in Mode, von denen zwei in der Schau zu sehen sind. Eine Zäsur erfuhr die Kriegsspielbegeisterung mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Aber nur in Deutschland. Wegen der NS-Gräuel. Die Sieger, ob nun Russen oder Amerikaner sowie der Rest der Welt haben noch immer deutlich weniger ein Problem mit Kriegsspielzeug. In der Bundesrepublik aber sind 1945 realitätsnahe Kriegsspiele weitestgehend tabuisiert, haben ein Schmuddel-Image. Der Ausweg, durchaus auch in anderen Ländern: Man spielt Krieg ohne Krieg. Schlachten verlagerten sich zunehmend in das Mittelalter, im Zuge der Winnetou-Filme in den "Wilden Westen". Auch der Weltraum ist so ein Ausweichfeld. Die Aliens, Bionicles, Roboterwesen, Monster und Klon-Krieger, die sich im All tummeln, sind die idealen Schurken, gelten sie doch als nicht menschliche Wesen, was den Kampf gegen sie nicht wirklich moralisch verwerflich erscheinen lässt.

Blickfang ist jedenfalls ein "Warhammer 40 000"-Diorama. Legionen von unglaublich perfekt ausmodellierten und individuell bemalten Spielfiguren belegen ein bis heute ungebrochenes Interesse an Kriegsspiel-Utensilien.

Die Fantasy-Literatur hat in den letzten Jahren eine Szene hervorgebracht, die unter dem Label "LARP" (Live Action Role Playing) teils mehrtägige (auch) kriegerische Rollenspiele mit Verkleidungen, Requisiten, Storyboards an einem realen Schauplatz durchführen. Auf einem PC-Schirm läuft so ein Rollenspiel, wobei Jenzen darlegt, dass das gängige Bild vom einsamen Spieler vor dem PC falsch ist. Fakt ist auch: Die Welt des Kriegsspielzeugs ist meist eine Männerwelt.

In einem Regal sind etliche Spiele zum freien Gebrauch deponiert, Strategiespiele wie "Waterloo" oder "Stratego". Oder auch "Risiko", allerdings in der entschärften, weichgespülten Variante. Hier heißt es auf einer Auftragskarte "Befreien Sie Europa, Australien und einen dritten Kontinent ihrer Wahl". Bevor die Kuschelpädagogik kam, lautete der Auftrag: "Erobern Sie..."

bis 2. November, Jägerhof (Köpckestr. 1), geöffnet Di-So 10-18 Uhr

www.skd.museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.07.2014

Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr