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Freiheit der Kunst: Dem Dresdner Schauspieler Friedrich-Wilhelm "Fiete" Junge zum 75. Geburtstag

Freiheit der Kunst: Dem Dresdner Schauspieler Friedrich-Wilhelm "Fiete" Junge zum 75. Geburtstag

Zuerst natürlich als Theaterschauspieler! Mit dem Eintritt in das Ensemble des Staatsschauspiels Dresden 1966 war für ihn daher weit mehr als lediglich ein beruflicher Aufstieg vorgezeichnet.

Er ist ein Citoyen im besten Sinne des Wortes: Bürger und Mitbürger der Stadt Dresden, dem kulturellen und geistigen Zentrum seines Lebens seit fast einem halben Jahrhundert; Friedrich-Wilhelm Junge hat sich diesen Titel höchsten Respekts für sein ausdauerndes und oft mutiges Engagement als moralische Instanz und zunehmend auch öffentlicher Rhetor der Verteidigung demokratischer Grundrechte und Wertvorstellungen für diese Stadt erworben - und das auf vielen Tätigkeitsfeldern!

Welche Herausforderung, nach wenigen Jahren Bühnenerfahrung in den Theaterprovinzen Rudolstadt und Plauen an das berühmte Große Haus wechseln zu dürfen mit seiner künstlerisch einzigartigen Bedeutung für die zu dieser Zeit noch immer schwer vom Krieg gezeichnete Kulturmetropole Dresden - und welche Bestätigung zugleich seines bisherigen schauspielerischen Weges.

Was er nach seiner Ankunft dort dann allerdings als Alltagsrealität erlebte, war ein kulturpolitisches Klima der Versteinerung, über Jahre, das alle mit seinem Engagement zuvor verbundenen Erwartungen schwinden ließ. Statt Ermutigung zum Dialog und Austausch künstlerischer Überzeugungen wuchs der Erfahrungsdruck persönlicher Zurückweisung, Reglementierung, ja grundsätzlicher Infragestellung seiner Person durch eine Herrschaftspraxis ideologischer Verdächtigungen - und das nicht nur im allgemeinen, sondern sehr konkret bezogen auch auf das eigene Haus.

Intellektuell wacher Eigensinn

Hans Dieter Mäde, als Generalintendant zur gleichen Zeit nach Dresden gekommen wie Friedrich-Wilhelm Junge, nimmt dabei die Rolle des politischen und administrativen Stellvertreter-Kommissars der "führenden" Partei ein. Es erscheint zunächst ebenso grotesk wie alltäglich: Ein junger Schauspieler steigt aus Begabungsgründen zum Provokateur des Theaterleiters auf, weil er nicht so "funktioniert" wie von diesem erwartet - und wird kaltgestellt. Ein bekannter Vorgang - nicht nur auf dem Theater - hier allerdings, im konkreten Fall, aufgeladen durch die machtgestützte Ideologie des Staates, in dem das Ganze stattfindet: ein geschlossener Raum, aus dem man nicht entlassen werden kann, sondern vielmehr "erzogen" werden muss. "Fiete" Junge verweigert sich solcher Herrschafts-Pädagogik mit intellektuell wachem Eigensinn, nicht zuletzt aber auch mit dem ihm eigenen Talent zu komödiantischer Ironie. Er gründet als Nebenbühne zu seiner nunmehr offiziellen Rolle des nichtbesetzten Schauspielers einen Theaterclub und wird eben dort sein künftiges Profil als Schauspieler nach eigenen ästhetischen Maßstäben weiter schärfen. Allerdings ist er auf diesem beschwerlichen Weg niemals ganz allein: Es gibt Gleichgesinnte, Freunde und vor allem die immer an seiner Seite eng mit ihm verbundene, wunderbare Carla Junge, seine Lebensgefährtin bis heute.

Vor allem mit ihr gemeinsam besteht er so die frühen Prüfungen eines von da an immer wieder neu aufzunehmenden "Trainings des aufrechten Gangs", fortdauernd in den je wechselnden Szenarien deutsch-deutscher Kleingeisterei. "Fiete" Junge hat über Jahrzehnte diese Konfliktsituationen immer als Herausforderungen für sich und damit als Chancen verarbeitet - Widerstände auszuhalten und dabei immer entschiedener "ich" sagen zu lernen.

So gelang ihm ganz am Anfang seines Weges schon der Sprung auf die Theaterhochschule in Leipzig, wo er sein Schauspielstudium zwischen 1957 und 1960 absolvierte und wo er, obzwar in unmittelbarer Nähe des Schweriner Theaters aufgewachsen, dennoch aber als Sohn der privaten Betreiber der dortigen Theaterklause nicht eben als ein Fall gewollter sozialer Förderung im Arbeiter- und Bauernstaat galt.

Eigene Programme

Auch die spätere "Verbannung" als Leiter eines Theaterclubs in die Kellerräume unter dem Gewandhaushotel war eine vergleichbare Probebühne künstlerischer Selbstbehauptung und kann sogar als die Urzelle des späteren "Brettl" gelten. Denn zu entdecken war für ihn als Nebeneffekt gerade hier jenes Theater der "kleinen Form", des Entertainments, des Spiels auf eigenes Risiko - ohne den Schutzraum des Ensembles - von dem er träumte.

Seit Mitte der 60er Jahre beginnt "Fiete" Junge mit der Arbeit an eigenen Lieder-, Chanson- und Literaturprogrammen, sie wird von da an immer ein zweites, unverzichtbares Standbein seines Verständnisses vom Schauspielerberuf sein, auch dann, als er nach dem Weggang von Mäde 1972 und bis zum Ende der 80er Jahre unter mehreren nachfolgenden Intendanten zu einer festen ersten Größe des Dresdner Ensembles aufgestiegen war. Rollen wie den Chestakow in Gogols "Der Revisor", den Wehrhahn in "Der Biberpelz" von Gerhart Hauptmann, in "Drei Schwestern" von Tchechow den Werschinin , Robespierre in "Dantons Tod" von Georg Büchner, die Rolle des Dietrich von Bern in "Die Nibelungen" von Friedrich Hebbel oder den Satanael in "Adam und Eva" von Peter Hacks eröffneten große Möglichkeiten zu eigener künstlerischer Entfaltung und verweisen in dieser Aufzählung noch immer nur sehr unvollständig auf die Breite des schauspielerischen Profils Friedrich-Wilhelm Junges in diesen Jahren; Gastrollen beim Film kamen hinzu, auch längere Gastauftritte ab 1985 außerhalb Dresdens, so etwa an der Ostberliner Volksbühne, wo er den Voland in "Der Meister und Margarita" gab, oder 1987 am Residenztheater in München, wo er als Nero in Racines "Britannicus" glänzte. Aber schon in dieser Zeit verlagert sich trotz der Erfolge die Gewichtung seines Repertoires entscheidend in eine andere Richtung: die einst von ihm als "Dresdner Nachtprogramme" kreierten Auftritte nach dem Ende der "eigentlichen" Vorstellung weiten sich aus zu ästhetisch hoch artifiziellen, bald schon auch international wahrgenommenen ganz eigenen Kunstformen auf kleinster Bühne im intensivsten intellektuellen Kontakt zu seinem Publikum. Der Name Junge wird in diesem Prozess zum Synonym bester literarischer Traditionen Dresdens weit über den Horizont seiner DDR-Provinz hinaus: hinter dem Sprecher tritt nun der selbst verantwortliche Drehbuchschreiber, Arrangeur, der philosophische Kopf hervor. Ein homo politicus weit über den Niederungen der Tagespolitik agierend! Die Texte, die er spricht, werden dabei selbst zu Botschaften mit Sprengsätzen wie die Namen seiner literarischen Favoriten. Hier gibt sich einer zu erkennen ohne Maske. Aus dem Schauspieler wird eine öffentliche Person, die aus ihrer angestammten Rolle herausgetreten war, lange schon bevor das gesamte Dresdner Theater 1989 mit dieser Botschaft Geschichte schreiben wird.

Zweite Hälfte des Lebens

Ein Jahr vorher, 1988, war er Fünfzig geworden, und es kam der Augenblick, der rückblickend seine gesamte künstlerische Existenz in ein Davor und Danach teilte. Franz Fühmann umschrieb eine ähnliche Erfahrung Jahre zuvor im Bild einer Lebenszäsur, die erst mit der entschiedenen Abschiednahme von der Vergangenheit ohne Vergessen so etwas wie die erträumte "zweite Hälfte des Lebens" neu eröffnen ließ. Im späten "Abendlicht" der DDR formulierte auch Friedrich-Wilhelm Junge seinen vergleichbaren Ausstieg aus der Ordnung der Verhältnisse. Es gelingt ihm die Gründung eines selbständigen, ohne die Zensur einer übergeordneten Instanz (Intendanz) arbeitenden Theaters, "seines" Dresdner Brettl! Weggefährten gibt es, auch jenseits aller äußerlichen, etwa politischen Erwartungsmuster: Gerhard Wolfram, der damalige Intendant des Staatsschauspiels, ist einer von denen, die namentlich genannt zu werden verdienen; er entlässt seinen Schauspieler in die künstlerische Selbständigkeit im menschlichen Einvernehmen, alte und neue Freunde helfen weiter mit Ideen, aber auch mit praktischer Arbeit. Sie geben damit auf der anderen Seite dem Freund nur etwas von dem zurück, was dieser immer vorgelebt hatte - auch in für ihn selbst und Carla schwierigen Zeiten: solidarischen Einsatz, materiell und ideell, menschliche Zuverlässigkeit und Treue und ein vorbehaltloses Bekenntnis zur Freiheit der Kunst.

Was auf dieser Grundlage Bestand hatte und weiterlebte zwischen den Lebensdaten "Fünfzig" und vorläufig "Fünfundsiebzig", ist eine einzige große Erzählung, die in Gänze zweifelsfrei erst noch zu schreiben sein wird. Sie ist Teil der jüngeren Kulturgeschichte der Stadt Dresden, zu der der Schauspieler und spätere Theaterdirektor Friedrich-Wilhelm Junge ebenso gehört wie der von ihm fest verankerte Theaterkahn an der Augustusbrücke gleich unter dem Dresdner Schloss, auf dem seit 2005 unter der Leitung Detlef Rothes in wunderbarer Weise fortgesetzt wird, was "Fiete" Junge selbst Jahrzehnte zuvor begründet hatte und bis heute in enger Verbundenheit weiterhin begleitet: den verwirklichten Traum von einem "Theater als moralische Anstalt" im niemals abbrechenden Gespräch zwischen Bühne und Publikum über die Angelegenheiten ihrer gemeinsamen Zeit.

Gratulation und "Alles auf Hoffnung" - mehr ist nicht zu wünschen!

Frank Hörnigk

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.07.2013

Frank Hörnigk

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