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"Freiheit" als Geschenk: Marius Müller-Westernhagen in der Messehalle

"Freiheit" als Geschenk: Marius Müller-Westernhagen in der Messehalle

Am Ende brach er zwei Regeln: die jahrzehntealte, jedes Konzert mit "Johnny Walker" zu beschließen, und die aktuelle, "Freiheit" auf der diesjährigen Tour nicht zu spielen, es - Inflationsgefahr! - überhaupt nur noch sehr selten aufzuführen. Marius Müller-Westernhagen hat es Dresden geschenkt.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Am Ende brach er zwei Regeln: die jahrzehntealte, jedes Konzert mit "Johnny Walker" zu beschließen, und die aktuelle, "Freiheit" auf der diesjährigen Tour nicht zu spielen, es - Inflationsgefahr! - überhaupt nur noch sehr selten aufzuführen. Marius Müller-Westernhagen hat es Dresden geschenkt. Sein Gesicht, in Großaufnahme hinter ihm an die Wand geworfen, davor, beim nicht enden wollenden Applaus: erfreut, erledigt, ratlos. Nach dem Stück dann die gesprochene Verabschiedung, Mahnung und Wunsch zugleich: "Liebe ist Macht, ist viel stärker als Hass." Dessen muss sich Dresden nun also würdig erweisen.

Die Band hatte Bedenken

Nach reichlich der Hälfte des regulären Sets hatte er bereits gesagt, dass die Band, allesamt US-Amerikaner, Bedenken gehabt hätte, nach den jüngsten Bildern aus Dresden herzukommen. Er hätte ihnen aber versichert, dass das nicht die Meinung dieser Stadt sei. Darauf gab es Applaus. Als er jedoch ernsthaft betroffen mit Verweis auf den davor gespielten Song anfügte: "Schweigen ist wirklich feige" und "Wir kriegen das schon hin", gab es zumindest im hinteren Teil der Halle durchaus auch Unmutsäußerungen. Vermutlich von schlichten Gemütern, die einfach nur Musik hören und sich nicht mit Wortbeiträgen auseinandersetzen wollten. Und dennoch, das Konzert davor war zumindest für diejenigen, die der schweißtreibenden Vorstellung des aktuellen Albums "Alphatier" vor eineinhalb Jahren im Alten Schlachthof hatten beiwohnen dürfen, eher Mittelmaß.

Raubtiere und Kindersoldaten

In einem Interview im Vorfeld der Tour hatte der Sänger zugegeben, dass das Spielen der alten Hits eher ein Zugeständnis an diejenigen sei, die bei einem Konzert immer das Bekannte hören wollten. Und es wirkte ein wenig kraft- und lieblos, wie er da gleich zu Beginn - nach einer packenden Eröffnung mit dem stampfenden "Alphatier" - "Fertig" und "Mit Pfefferminz" raushaute. Immerhin, wie das ganze Konzert, vor einer großartig durchchoreografierten Videoinstallation, die mit Bildern von verendeten Raubtieren, Kindersoldaten und menschlichen Leichen verunsichert, mit der Zusammenstellung von Zeitungsartikeln und Werbefotos Fragen aufwirft.

"Liebe (um der Freiheit willen)" und "Oh, Herr" überzeugen dann wieder in ihrer Intensität - sowohl die energische Aufforderung, allen Ausgegrenzten ihre Rechte zu geben, als auch die düster-resignierte Begegnung mit Gevatter Tod sind von der neuen CD. Dafür denkt man beim anschließenden "Taximann" mit Bedauern an das Konzert im Schlachthof zurück, wo einen das Stück als erste Zugabe rückhaltlos in die späten 70er katapultierte. An diesem Abend wirkt auch die wunderbare Säuferballade nicht wirklich erspürt. Dafür eine genial-einfache Video-Idee: Die Musiker werden durch einen verregneten Auto-Außenspiegel abgebildet.

"Willenlos" leitet über zu dem interessanten Rhythmus des neuen "Ich bin besessen", das wiederum zur Liebeserklärung an Lebensgefährtin und Backgroundsängerin Lindiwe Suttle wird. Ein ergreifend schönes Stück, mit Bildern roter Rosen und Herzen leider etwas ins Lächerliche gezogen. "Mit achtzehn" ertönt wieder wie abgehakt, näher sind dem Sänger da allemal "Lichterloh", das eine archaische Kraft entwickelt, und das bereits erwähnte "Schweigen ist feige". Vielleicht kann man es auch einfach so fassen: In diesem Herbst kann man in der unrühmlichen Pegida-Hauptstadt nicht unpolitisch sein.

Am Ende doch noch "Freiheit"

Nach seinen Worten ans Publikum funktioniert dann aber auch "Lass uns leben" und ein voller Power geliefertes "Sexy". Der Knoten ist geplatzt, keine Gefangenen bei den Zugaben: "Halt mich noch einmal" überzeugt abermals vom "Alphatier", "Wir haben die Schnauze voll" erinnert daran, dass "Williamsburg" von 2009 zu Unrecht wenig beachtet wurde, aber auch "Mach dir keine Sorgen" und "Wieder hier" kommen frisch daher. Westernhagens fantastische Band - diejenige des "Alphatiers" - war natürlich dafür zuständig, dass all das funktionierte, so gab es vor "Freiheit" erst mal einen fragenden Blick zu Keyboarder Jeff Young, der dann allein die schlicht-schöne Melodie lieferte. Die satten Gitarrenklänge von Brad Rice und Kevin Bents trugen den Rock bis in die letzte Ecke der mittlerweile akustisch verbesserten Halle; Aaron Comess machte mit seinen Drums ordentlich Dampf. Aber auch die Jungspunde der Vorband Benjrose kamen hübsch rockig daher. Frontmann Benjamin Roses Gesang erinnert an Brian Adams, dabei hat er echte Entertainer-Qualitäten. Gut möglich, dass man von den Jungs noch mal mehr hört.

Beate Baum

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