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Freier Geist als Grundausstattung - Boris Preckwitz stellt sich als neuer Stadtschreiber Dresdens vor

Freier Geist als Grundausstattung - Boris Preckwitz stellt sich als neuer Stadtschreiber Dresdens vor

Das Fahrrad steht vor der Tür. Auf mehreren Touren hat sich Boris Preckwitz, Dresdens neuer Stadtschreiber, schon in den ersten Tagen einen Eindruck von seinem Wohnort auf Zeit verschafft.

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Boris Preckwitz, Dresdens neuer Stadtschreiber, erkundet seinen Wohnort auf Zeit bevorzugt mit dem Fahrrad.

Quelle: Dietrich Flechtner

Sechs Monate wird der 45-Jährige, ausgestattet mit einem Gehalt, in Pieschen leben und arbeiten. Am Mittwoch stellt er sich in einer ersten Lesung vor.

Die stadtbildprägende Architektur vom Ende des 19. bis zu den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ist ihm besonders aufgefallen. In diese Zeit führt "Chelsea Piers", sein Roman über europäische Avantgarde-Künstler in den 1910er und 20er Jahren. Mit einem Auszug aus dem Manuskript überzeugte er die Jury. "Ein außerordentlich lebendiger Text von großer erzählerischer Vielfalt", lobte die und wählte Boris Preckwitz unter 72 Bewerbern zum Stadtschreiber, dem 19. mittlerweile.

Womöglich ist die eine oder andere seiner Romanfiguren in Dresden gewesen, hat er bei den Recherchen herausbekommen. Das Material darüber hat er in gelben Ordnern abgeheftet, die jetzt neben dem Schreibtisch stehen. Der Roman ist eines von mehreren Projekten, an denen er gleichzeitig zu arbeiten pflegt. Am weitesten gediehen ist eine Nachdichtung von Wladimir Majakowskis (1893-1930) "Der fliegende Proletarier", ein Langgedicht von 1925, schrill, futuristisch. "Ein Schlüsseltext der Moderne, der bislang nicht ins Deutsche übersetzt ist." Die Premierenlesung kann sich Boris Preckwitz in seiner Stadtschreiberzeit in Dresden vorstellen.Um Hintergründe und Zusammenhänge im Nachwort darstellen zu können, arbeitet er sich durch viele Bücher. Auf dem Fensterbrett stehen Majakowski- Gedichte in englischer Übersetzung, eine Majakowski-Biografie und eine von Lenin, daneben Werke über Flugzeuge im Russland der Zwanziger Jahre.

In Arbeit ist zudem ein Stück mit dem Titel "Nomos War. Niobe". "Das geht in Richtung politisches Theater." Um geopolitische Fragen und Mechanismen politischer Manipulation dreht es sich. Nächstes Jahr soll es fertig werden.

Mit ersten Vorarbeiten begonnen hat Boris Preckwitz für das Libretto eines Oratoriums zum 500. Reformationsjubiläum 2017 - sein Blick aus der Gegenwart auf historische Quellentexte. Daran interessiert ihn weniger der religiöse Aspekt. Eher die Frage, wie sich damals kämpferisches Denken entwickelte. Und was von diesem widerständigen Sendungsbewusstsein für heute gültig wäre. "Diese Verbindung von Freiheit des Glaubens mit Gedankenfreiheit. Da wird's spannend. Freigeistigkeit als Grundausstattung für demokratisch lebende Menschen."

Eine rebellische Haltung entdeckt man auch in seinen Gedichten. Recht auf Widerstand fordert er besonders da ein, wo er den Staat seine Kompetenzen überschreiten sieht. Zuletzt in "Kampfansage", Ende 2013 erschienen. Das Langgedicht umfasst rund 500 Verse und beginnt mit dem Aufruf: "Es ist an der Zeit / ein Leben in Freiheit/ am Staat vorbei / zu gestalten". Besonders harsch geht er mit dem politischen Apparat der Europäischen Union ins Gericht. Europäische Angleichung gefährdet seiner Ansicht nach gewachsene kulturelle Vielfalt. Deshalb bekennt er: "Ich bin sehr EU-skeptisch."

Boris Preckwitz, 1968 in Hannover geboren, gehört zu den Pionieren des Poetry Slams in Deutschland. Noch während seines Studiums - Germanistik, Philosophie, Management - organisierte er 1996 die ersten dieser in US-amerikanischen Bars entstandenen Vortragswettbewerbe in der Hamburger Kleinkunstbühne "Fools Garden". Nach seinem Umzug 2000 auch in Berlin. Gleichzeitig hat er das Phänomen theoretisch reflektiert. 2005 erschienen seine Essays dazu gesammelt unter dem Titel "Spoken Word & Poetry Slam. Kleine Schriften zur Interaktionsästhetik". Doch die Zahl von Autoren, die sich über die Slams hinaus ästhetisch weiterentwickelten und bekannt wurden, hält er für erschreckend gering. Besonders kritisch konstatiert er, dass im gleichen Maße, wie Slams zum Massenphänomen wurden, das literarische Niveau abflachte. Mittlerweile dominierten "schnell zugängliche, massentaugliche Instant-Sprechtexte", stereotype humoristische "Gefälligkeitsprosa", monierte er in der Süddeutschen Zeitung. Gesellschaftskonforme Comedy verdrängte den rebellischen Geist des ursprünglichen Underground-Phänomens. Damit hat sich der einstige Wegbereiter zum Renegaten der Szene gewandelt. Allenfalls als "schöne Einstiegsmöglichkeit" lässt er Auftritte bei Slams gelten. Aber irgendwann, so könnte man ihn interpretieren, muss die Pubertät zu Ende sein.

In seinem Verdikt offenbart sich indirekt sein Anspruch an Literatur. Bekanntes soll sie nicht bestätigen, sondern ästhetisch Grenzen überschreiten. Keinesfalls freilich in Richtung hermetischer Wortspielereien. Nachdenken solle Literatur anstoßen. Nicht nur Humor und Witz kämen im Leben vor, auch Entsetzen und Qual. Daher gehöre auch das mit hinein in die Texte. Entscheidend aber sei der bewusste Gebrauch künstlerischer Formen, kombiniert mit gedanklicher Tiefe, meint Boris Preckwitz. Ein bisschen anstrengen darf Literatur ruhig: "Lieber überkomplex als unterkomplex."

morgen 19.30 Uhr, Hauptbibliothek im WTC

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.06.2014

Tomas Gärtner

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