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"Freier Fall" der tjg.theaterakademie Dresden an einem ungewöhnlichen Spielort

"Freier Fall" der tjg.theaterakademie Dresden an einem ungewöhnlichen Spielort

Bei dieser Thematik fällt einem doch zwingend die Fassbinder-Formulierung "Angst essen Seele auf" ein, und wie sonst lassen sich die beiden Worte derart markant miteinander verbinden? Wenn Ängste jeder Art das Dasein, die Existenz von Menschen (und anderer Lebewesen) bedrohen, sich Abgründe, Zwänge, Abhängigkeiten auftun, erschüttert das auf unvergleichliche Weise die Seele.

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Kein schnödes In-den-Seilen-Hängen: Akrobatische Bewegungssprache im Pumpenhaus.

Quelle: Klaus Gigga

Das ist zu jeder Zeit auch ein bevorzugtes Thema der Künstler, man denke nur an Arbeiten von Edvard Munch oder Sprachbilder von Franz Kafka.

Besondere Spielstätte auch wegen der Raumdimension

Dass sich nun als "Freier Fall" eine Produktion der tjg.theaterakademie speziell damit befasst, ist beileibe kein konstruiertes Problem. Die Angst erreicht Junge wie Alte, ist letztlich Teil des Lebens. Und kommt überraschend oder baut sich auf, macht krank, mutlos, handlungsunfähig, lähmt den Körper, verwirrt oder schärft die Sinne. Auch die als Titel gewählte Metapher der Auseinandersetzung ist kein Zufall. Sie verlockt damit das Publikum in das Alte Pumpenhaus auf der Altstädter Seite an der Marienbrücke. Ein hoher, angejahrter Bau zwischen zwei Straßen, im Hang etwas versteckt. Die Eignung als besondere Spielstätte hat auch etwas mit der Pumpenhaus-Dimension zu tun; hier wurde einst Elbwasser weitergeleitet, um es als Kühlwasser im Kraftwerk Mitte nutzen zu können. Und gerade diese Höhe ist gefragt, wenn sich die zehn Spielerinnen den Ort erobern. Sie haben sich dafür mit dem Kinder- und Jugendzirkus KAOS e.V. verbündet, können das von Pumpen befreite Hallen-Gebäude ähnlich einer Manege nutzen.

Die Idee, eine Geschichte zu erzählen mit Seiltechnik als szenischem Mittel, ist keine gänzlich neue Erfindung. Sie wird beispielsweise auch von großen internationalen Tanzkompagnien verwandt, um quasi dem Körper besondere Bewegungsfreiheiten und -impulse zu geben. Die gemeinsam mit der Spielergruppe erarbeitete Inszenierung (Regie: Karen Becker und Anke Engler) setzt, von Artisten ermutigt und angeleitet, deutlich eigene Akzente. Beispielsweise dann, wenn über den anderen am Boden eine der Darstellerinnen kopfüber im Seil hängt und schließlich - aus Neid, Irritation, im Anderssein - herabgezogen wird von diesen.

Das Sympathische an der Erzählweise ist, dass sie fast ohne Worte auskommt, Bewegungssprache als beredte Kommunikationsform einsetzt, dabei aber nie vordergründig oder direkt "argumentiert". Die Spielerinnen, unmittelbar konfrontiert auch mit Reaktionen aus dem jungen Publikum, sind so glaubwürdig dabei, dass sie kaum etwas verunsichern kann. Außer dem, wovon sie selbst erzählen wollen. Von den Ängsten, nicht dazu zu gehören, keinen makellosen Körper zu besitzen, nicht jene Kunststücke zu schaffen, mit denen andere glänzen. Oder gegängelt, gemaßregelt, zu Leistung und Präsenz gezwungen zu werden. Dafür sind eindringliche Bilder entstanden, und der Umgang mit den Seilen verselbstständigt sich nicht, ist immer in die Geschichten eingebunden.

Eingeprägt hat sich beispielsweise das Bild von "Erziehungsberechtigten" und jenen, denen diese zwingend etwas beibringen wollen. So auch, dass sie unbedingt ehrgeizig sein müssen, sich immer vorn zu platzieren haben. Oder Szenen, wo die komplette Gruppe, konfrontiert mit dem Publikum, erkennen lässt, wie sich wahre oder eingebildete Ängste körperlich artikulieren. Wo Bauch, Beine, Po vor dem "Spiegel" der Zuschauer argwöhnisch geprüft werden, der eigene Busen als möglicherweise nicht akzeptabel oder was auch immer beäugt und "aufgewogen" wird.

Fast ohne Worte, nur Bewegungssprache

Eine sympathische Idee ist es auch, wenn sich mit den Darstellerinnen quasi eine weitere, vorgeschobene Besucherreihe formt, die nun ihrerseits das szenische Geschehen beobachtet. Und dabei das praktiziert, was die anderen und manche davon störend und verletzend zuweilen eben auch tun. Also schwatzen, kichern, lästern, sich lustig machen, gähnen oder etwas in der Art. Das ist eine dezente Spiegelung, ganz ohne erhobenen Zeigefinger, die doch jeder verstehen kann. Und überhaupt, wer sich auf diese Art des Geschichtenerzählens von großen und kleinen Ängsten einlassen will, dem bringt sie auch etwas. Zumindest die Erkenntnis, dass davon alle betroffen sind. Und mit den Begriffen Cloud-Swing und Vertikalseil könnte man sich ja noch auseinandersetzen. So halbwegs (zumal nach dieser Aufführung) ist allerdings zu ahnen, was darunter zu verstehen ist.

nächste Aufführungen: heute und morgen, jeweils 10 Uhr, Altes Pumpenhaus an der Marienbrücke

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.05.2014

Gabriele Gorgas

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