Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Google+
Franz Zadniceks Israel-Fotografien im Saal der Dresdner Jüdischen Gemeinde

Franz Zadniceks Israel-Fotografien im Saal der Dresdner Jüdischen Gemeinde

Dreitausend Jahre Geschichte. Der Blick geht nicht von der bekannten Touristenplattform über das Kidrontal auf die Altstadt von Jerusalem, sondern von einer kleinen Straße, die zum jüdischen Friedhof auf dem Ölberg führt.

Die Plattform hatten jordanische Soldaten zwischen 1948 und dem Sechstagekrieg 1967 in die Heilige Erde getrieben. Am Panoramablick mit dem Kamel und den arabischen Postkartenverkäufern oder an der Straße, die das Kidrontal und die christlichen Heiligtümer auf dem Ölberg durchschneidet, parken gewöhnlich die Touristenbusse. Aber davon ist auf dem Foto nichts zu sehen. Es entrückt uns in die jüdische Welt, die hier ungebrochen seit Jahrtausenden zu Hause ist. Dabei konnten Juden erst nach dem Sechstagekrieg ihre Toten wieder auf dem Friedhof am Ölberg begraben, der mehr als 2000 Jahre alt ist. Eine Gruppe Trauernder macht das Bild lebendig.

Dann erst schweift der Blick zum Tempelberg, auf die goldene Kuppel des Felsendoms, wie sie tagtäglich von tausenden Kameras festgehalten wird. Sie ist der Nabel der Welt, besser gesagt, der Felsen darunter. Der Berg Moriah, auf dem Isaak seinen Sohn Jakob gebunden haben soll. Juden, Christen und Muslime verehren diesen magischen Ort gleichermaßen. Hier aber stand der jüdische Tempel. Kein gläubiger Jude darf ihn betreten, weil niemand weiß, wo sich das Allerheiligste befand, das der Hohepriester nur an Jom Kippur öffnen durfte. Klein, fast unscheinbar erscheint links die Al Aksa Moschee. Das Goldene Tor, durch das dereinst der Messias in die ewige Stadt einziehen wird, ist nicht sichtbar. Aber der Blick wandert über das muslimische Gräberfeld unterhalb der Ostmauer, hinab ins grüne Kidrontal. Es ist März. Das Land blüht. Etwas weiter oben, inmitten der dicht bebauten Altstadt, entdecken wir auch die Grabeskirche und gleich daneben den Turm der evangelischen Erlöserkirche.

Franz Zadnicek hat sich dieses Motiv immer wieder vorgenommen. Am Abend. Am Morgen. In der Mittagszeit. In der Nacht. Aber gerade dieses eine Foto, aufgenommen vom Rand eines schmalen Weges zwischen den Gräbern, auf dem gerade einmal der Leichenwagen der Trauerbruderschaft Platz hat, berührt den Betrachter auf besondere Weise, erfasst doch das Bild viel mehr als nur eine menschliche Szene, die sich jeden Tag hier abspielt, außer am heiligen Sabbat. Hier wird Geschichte spürbar. Zu sehen sind Zadniceks Fotos, entstanden auf drei Israel-Reisen, in der Jüdischen Gemeinde am Hasenberg.

Auch Tel Aviv zeigt Zadnicek. Im Dunst breitet sich die junge Stadt aus, gerade einmal 100 Jahre alt. Jüdische Bauhausarchitekten wie Erich Mendelsohn, Architekt des Chemnitzer Kaufhauses Schocken oder Arieh Sharon, ein Pionier des sozialen Wohnungsbaus, haben diese Stadt seit den 30er Jahren geprägt, eine florierende, ihrem Charakter nach europäische Stadt. Hier bietet sich ein Panorama europäischer, ja deutscher Architekturgeschichte.

Man könnte viele Geschichten erzählen über das Lebensgefühl in Tel Aviv, über den Strand, den Weg nach Jaffo, die Geschäfte an der Rechov Ben-Yehuda, auf dem Rothschild-Boulevard, der Rechov Bialik, der Rechov Dizengoff, benannt nach dem ersten Oberbürgermeister. Allein die Straßennamen sind ein Kompendium jüdischer Geschichte. Dort hat Alisa gewohnt, eine heute 86 Jahre alte ehemalige Dresdnerin. In Zadniceks Foto-Tagebuch, aufgenommen wurde es im März 2012, sitzt sie an einem alten Klavier, vor ihr ein paar Noten. Alisa, 1924 in Dresden geboren, ist die Tochter eines angesehenen Goldschmieds. Das Grab ihres Großvaters befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof Fiedlerstraße. Die Familie gehörte bis Ende 1933 zur Dresdner Gemeinde. Das Bild ist gewissermaßen eine letzte Momentaufnahme der aussterbenden Emigrantengeneration.

Zadnicek streift nicht suchend durch das Land, er findet die Motive: etwa das Soldatenpaar mit riesigen Sombreros beim Purimfest in Jerusalem oder den jungen orthodoxen Juden, der durch den Shuk der Altstadt streift, nicht hastig mit dem Blick nach unten, sondern neugierig zu den Auslagen eines Geschäfts schauend, zur Hälfte eingerahmt von bunt bedruckten T-Shirts wie "I like Jerusalem".

Zadnicek ist so etwas wie ein "Dokumentarfotograf", mit scharfem Blick für Details und Komposition. Geboren wurde er 1954 in Weimar. Aufgewachsen ist er dort im Haus der Frau von Stein. Aber nicht das führte ihn zur Fotografie. Er arbeitete bis 1990 als Werkzeugmacher im Dresdner PENTACON-Werk auf der Schandauer Straße, also dort, wo früher die legendären Spiegelreflexkameras gebaut wurden. Bereits seit 1980 stellte er seine Arbeiten aus, entwickelt in der eigenen Dunkelkammer.

Wolfram Nagel

bis Ende Januar, großer Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, Hasenberg 1, geöffnet So-Do 12-17 Uhr, Tel. 0351-65 60 70

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.01.2013

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr