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Franz Lehárs Operette "Der Zarewitsch" neu inszeniert an der Staatsoperette Dresden

Franz Lehárs Operette "Der Zarewitsch" neu inszeniert an der Staatsoperette Dresden

Als schwelgerisch, dramatisch, fast opernhaft gilt Franz Lehárs Operette "Der Zarewitsch". Schmalz und Tränen soll er 1927 mit diesem Stück nach einem Libretto von Béla Jenbach und Heinz Reichert in das Genre eingeführt haben.

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Der Zarewitsch (Richard Samek) will die Erwartungen der Hofgesellschaft nicht erfüllen, muss seine Liebe aber schließlich doch der Staatsräson opfern.

Quelle: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Nach der Uraufführung in Berlin eroberte sein "Zarewitsch" dennoch allein in der Spielzeit 1927/28 über 100 deutschsprachige Theaterbühnen. Robert Lehmeier wagt mit seiner jüngsten Lehár-Inszenierung an der Staatsoperette Dresden nun eine zeitgemäße Lesart dieser Operette - und stellt dabei in Leuben auch Russlands Politik ins kulturelle Kritikkreuzfeuer.

Zarewitsch Aljoscha (Richard Samek) will von den Frauen nichts wissen. Schon in der Ouvertüre wälzt er sich unruhig in seinem Turnraum auf einer Matte zwischen Sportgeräten und Spiegelwänden (Bühne und Kostüm: Markus Meyer) hin und her. Als ihm der Ministerpräsident (Herbert Graedtke) die junge Sonja (Astrid Kessler) - als Mann verkleidet - für amouröse Abenteuer unterjubeln will, reagiert er wütend, weil Aljoscha sich ganz offensichtlich zum männlichen Geschlecht hingezogen fühlt. Sonja, die ebenfalls von der großen Liebe träumt, wird zu seiner Vertrauten und beginnt, ihn vor der geschwätzigen Hofgesellschaft zu decken. Gemeinsam flüchten sie nach Neapel. Doch als der Zar im Sterben liegt, muss Aljoscha zurück nach Russland - und seine Liebe der Staatspflicht opfern.

Lehmeier inszeniert diesen Ansatz konsequent, entblößt sogar ein überdimensioniertes Portrait Putins auf der Bühne, um Russlands Umgang mit der Homosexualität anzuprangern. Das Erstaunliche ist: Er schafft es dennoch, dass man sich wohlig in seiner Inszenierung zurücklehnen kann, lässt dabei jenen Operettenschimmer niederrieseln, den man mit Lehár gemeinhin verbindet. Zwar wirkt der erste Akt in seiner düsteren Schlichtheit noch eher wie die Aufführung eines Seelendramas, in dem alle Aktion auf zwei Turnringe beschränkt bleibt. Nach der Pause ist mit pompösen Hofgesellschaften, bunten Balletten (Choreografie: Christopher Tölle) und rosa Traumballons dann aber alles da, was zu einer kurzweiligen, lebhaften Operettenaufführung eben dazu gehört.

Wunderbar leicht gelingt etwa das Duett "Hab nur Dich allein", in dem Sonja zwar mit sämtlichen Tänzern, aber nie mit Aljoscha tanzt. Astrid Kessler gehört zweifelsohne zu den starken Stimmen der Premiere, gibt eine aufbegehrende, leidenschaftliche Sonja, die berührt. Richard Samek zeigt einen grüblerischen Zarewitsch, stets hin- und hergeworfen zwischen Verzweiflung und Verliebtheit. Er überlässt die schwelgerische Lyrik besonders im berühmten Wolgalied jedoch lieber dem Orchester, kann vor allem in den Duetten Leidenschaft und Emotion wecken.

Allerdings, so lobenswert Lehmeiers Versuch einer aktuellen Interpretation ist, gerade in den gemeinsamen Szenen von Sonja und Aljoscha entsteht dadurch auch ein zarter Bruch. Da die beiden hier eben kein Liebespaar sind, können sie auf der Bühne nicht zeigen, was in der Musik angelegt ist. Diese behauptet schließlich kategorisch die sehnsuchtsvolle Liebe zwischen Aljoscha und Sonja, auch wenn die Dialoge andere Deutungen zulassen. Ein Glück, dass Lehmeier auch hier geschickt aus dem Glanz des Genres zu schöpfen und diese Hürde so zu kaschieren weiß. Da tänzeln Sonja und Aljoscha im ersten Akt einmal charmant mit Champagner über die Drehbühne, oder es sorgt ein bisschen Lebenswitz für Würze. Wirklich pfiffig sind der Leiblakai Iwan (Andreas Sauerzapf) und seine Frau Mascha (Jeannette Oswald) inszeniert, die als klassisch zänkisches Ehepaar vom ersten Akt an das augenzwinkernde Gegenbild zum Zarewitsch darstellen. Der Frühling hat eben auch für diese beiden nur einen Mai.

Ob mit oder ohne Putin: Ein wenig muss man sich schon fragen, was bei Lehárs Gassenhauern denn überhaupt schief gehen könnte? Andreas Schüller bringt diese mit dem Orchester der Staatsoperette gern schwungvoll zum Klingen. Er spielt mit der Dynamik, lässt russisches Temperament mitreißend aufbrausen oder berührt sachte mit jener sehnsuchtsvollen Melancholie, die wohl nur eine unerfüllte Liebe musikalisch aufbieten kann. Letztere findet im Schlussbild ihren Höhepunkt, wenn Aljoscha schließlich doch seine Gefühle der Pflicht unterordnet - und Sonja mit dem Tänzerfreund des "Zarewitsch" allein am Bühnenrand zurückbleibt.

Wieder am 14.10., 19.30 Uhr, Staatsoperette

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.10.2014

Nicole Czerwinka

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