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Frank Turner als würdiger Springsteen-Nachfolger

Boss Junior Frank Turner als würdiger Springsteen-Nachfolger

„Ich habe die Zukunft des Rock’n Roll gesehen und ihr Name lautet -“ Der vermutlich meistzitierte Satz eines Musikkritikers, von Rolling Stone-Mitarbeiter Jon Landau über den jungen Bruce Springsteen, kommt einem wieder einmal in den Sinn, wenn man Frank Turner live erlebt, wie am Dienstag auf dem Gelände Tante ju.

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Frank Turner gab auf der Bühne des Tante ju Geländes am Donnerstag alles für seine Fans – und begeisterte.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. „Ich habe die Zukunft des Rock’n Roll gesehen und ihr Name lautet -“ Der vermutlich meistzitierte Satz eines Musikkritikers, von Rolling Stone-Mitarbeiter Jon Landau über den jungen Bruce Springsteen, kommt einem wieder einmal in den Sinn. Natürlich kann man so etwas heute nicht mehr schreiben, es gibt einfach zuviel, zu unüberschaubar ist alles geworden in den über vier Jahrzehnten seit der prophetischen Äußerung. Selbst, wer sich beruflich mit populärer Musik beschäftigt, hat längst keinen Überblick mehr – jeder, der das Gegenteil behauptet, ist ein Scharlatan -, weiß aber, wie unglaublich viel gute Solisten und Bands es gibt. Aber: Frank Turner live zu erleben hat einiges von dem Landau-Feeling 1974. Und wir würden uns überhaupt nicht wundern, wenn der 35-Jährige Engländer tatsächlich eines Tages wie der Boss himself nur noch in Stadien auftreten würde. Wobei Turners nie verhohlene Liebe zu dem Rock-Star aus New Jersey, die Affinität zu Springsteens Musik und Art des Auftretens, nicht hinderlich sein sollte. Ebensowenig wie das trotz großflächig tätowierter Arme smarte Aussehen, die freundliche Attitüde.

Aber von vorn! Frank Turner hat nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Dresden (und Umgebung) seine Fans. Zwar ist das weitläufige Aussengelände der Tante Ju nicht ausverkauft, aber die Anzahl jugendlicher Menschen, die in T-Shirts mit Turners Konterfei und Namen, durchaus auch von der aktuellen „Positive Songs for Negative People“-Tour herumlaufen, ist groß. Währenddessen macht die „Alex Mofa Gang“ schon richtig Spaß. Trotz schlechter Abmischung knallig frech-punkig rotzen die fünf Berliner ihre Songs in die Menge, die bereitwillig mitgeht. Allesamt solides eigenes, deutschsprachiges Material – und am Merchandizing-Stand gibt’s nicht nur CDs und LPs, sondern auch Cassetten ihres Debüts „Die Reise zum Mittelmaß der Erde“!

Angenehm kurze Umbaupause, und Frank Turner entert die Bühne mit seinen „Sleeping Souls“, heizt gleich mit dem Ohrwurm ein, der schon die Zuhörer bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 in der Wembley Arena in Ekstase versetzt hat: „I Still Believe“. Und an was glaubt Mr Turner? Daran, woran alle Musik-Verrückten glauben, nein, es wissen: „In the need for guitars and drums and desperate poetry“ - in das Bedürfnis nach Gitarren, Schlagzeug und verzweifelter Poesie. Und dennoch, wer hätte gedacht, dass letzten Endes „something as simple as Rock’n Roll would save us all.“ Wenn es mit so auf den Punkt gebrachten Gitarren und verlässlich gedroschenem Schlagwerk daherkommt, dann doch jeder, unbedingt!

Für die Drums ist Nigel Powell verantwortlich, Lead-Gitarrist Ben Lloyd rennt fast noch mehr auf der Bühne umher als Turner, der meist (Semi-)Akustische spielt, und immer wieder die Monitorbox entert, sich weit zum Publikum vorbeugt, ihnen noch näher sein will, als er es ohnehin schon ist. Tarrant Anderson holt aus dem E-Bass heraus, was rockmäßig drin ist, während Keyboarder Matt Nasir die meiste Zeit eher eine untergeordnete Rolle spielt. Erst beim späten „I Am Disappeared“ von der „England Keep My Bones“-CD, das auf großartige Weise langsam Fahrt aufnimmt, einen auf seinen Tönen mit sich trägt, gibt es Gelegenheit, sein Können zu genießen.

Frank Turner ist ein begnadeter Performer, auch darin eifert er erfolgreich Springsteen nach. Einer, der sein Publikum liebt, das spürt man in jeder Minute des insgesamt reichlich zwei Stunden dauernden Konzerts. Von seinen Punk-Wurzeln ist im Wesentlichen die Haltung übrig geblieben, die Überzeugung: „There’s nothing like rock-stars, there’s just people who play music“. Und das Publikum liebt ihn. Ebenfalls mit einer Punk-Haltung: Pogo tanzend, reichlich Bier konsumierend. Und sie lieben ihn anhaltend. In der zweiten Hälfte des Abends kündet er an, Wünsche zu erfüllen, darunter den einer „Anabelle, die heute zum 50. Mal bei uns dabei ist“. Anabelle hat sich Turners ersten Solo-Song gewünscht, von dem er selbst sagt, dass er ihn eigentlich nicht mehr spielen würde, weil er heute besseres im Programm hätte – und dass er am Nachmittag den Text des Stückes, das er damals für seine Schwester schrieb, googeln musste. Dieses balladeske „Back to Sleep“ ist dann wirklich musikalisch etwas eintönig, kommt aber umso persönlicher rüber.

Natürlich muss ein intelligenter Künstler aus England auf den Brexit zu sprechen kommen. Turner tut es mit harschen Worten, vermutet, sämtliche Politiker auf der Insel würden zur Zeit den ganzen Tag lang Crack rauchen, lädt „all seine Freunde in der EU in mein Land“ ein. Ansonsten ist Politik Haltung; sind die Songs persönlich. Das Intro des ergreifend schönen „Plain Sailing Weather“ von 2013 über eine gescheiterte Liebe wird vom begeistert mitklatschenden Publikum fast übertönt; zum Glück kann man dann die schonungslosen Sätze, dass er alles ruiniert hätte, die Liebe des „einen verdammten Menschen, der ihm half, zu schlafen“, verlor, verstehen. Turners Oxford-Englisch ist phantastisch und auch die Abmischung passt nun.

Wenn der Chef die E-Gitarre zur Hand nimmt, scheinen alte Instinkte durchzubrechen, und er stimmt eine AC/DC-Hymne an, bringt sogar Keyboarder Matt Nasir dazu, einzustimmen. Zum Glück weist das folgende „Glorious You“ nicht die Schlichtheit der Schuluniformen-Songs auf. Aber Turners Liebe zum Hardrock, zum Metal, gar zum Death-Metal, sie ist nun einmal da...

Während die letzten Reste der Sommersonne im Tal hinter der Stadt versinken, gibt es „The Opening Act of Spring“ als Mitsing-Song, und das phantastisch anrührende „Long Live the Queen“ über den Tod einer Freundin. Und wenn er zum Schluss klarmacht, es sei „die letzte Gelegenheit zu tanzen“, dann lassen sich fast alle von den Rhythmen mitreißen und es ist längst nicht nur Pogo, was da getanzt wird. Fast alle tragen ein beseeltes Lächeln auf dem Gesicht, als sie das Gelände verlassen. Die Zukunft.

Von Beate Baum

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