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Frank Höhler, Thomas Kläber, Jürgen Matschie und Luc Saalfeld in der Galerie Grafikladen in Dresden

Frank Höhler, Thomas Kläber, Jürgen Matschie und Luc Saalfeld in der Galerie Grafikladen in Dresden

Welten liegen zwischen gestern und heute. Was uns am Gestern nostalgisch berührt und oft verklärt wird, war damals harte Realität. Weil man mitten in ihr stand.

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Blick auf die 80er Jahre, auf eine andere Welt. Werke von vier Fotografen sind derzeit in der Galerie Grafikladen zu sehen. Repro: Luc Saalfeld

Quelle: Luc Saalfeld und andere

Dennoch verblüfft die ganz eigene Sicht der Fotografie, die um so anziehender wirkt, je mehr Zeit uns von damals trennt. Der Dresdner Fotograf Luc Saalfeld hatte die Idee, Fotografie der 80er Jahre zu zeigen. Nun geben vier bedeutende ostdeutsche Fotografen, die heute in lockerer Verbindung als Gruppe ASA auftreten, einen Einblick in ihre Archive. Interessant sind die Arbeiten vor allem auch wegen ihrer frühen fotografischen Qualität. Frank Höhler, Thomas Kläber, Jürgen Matschie und Luc Saalfeld präsentieren im Projektraum am Weißen Hirsch der Galerie Grafikladen jeweils ein Dutzend Arbeiten, allesamt digitalisierte Schwarz-Weiß-Fotografien als Tintenstrahlausdrucke.

Was sich da vor einem auftut, kommt "aus einer anderen Welt" gemäß dem Titel der gemeinsamen Ausstellung. Diesmal sind nicht die modernen Reklamewelten retuschierter Landschaften Gegenstand einer Ausstellung, sondern die Stigmen der durch den Menschen extensiv verwirtschafteten, rauen Landschaften des Ostens zwischen Ural und der Berliner Mauer. Damals waren die Fotografen selbst noch jung und hatten den unverstellten Blick für das Besondere dieser für uns heute untergegangenen Welt. Dass sie damit Dokumente schufen, die in einer eigenwilligen Ästhetik herüberkommen, ahnten sie damals gewiss nicht. Düsternis und Verfall allerorten scheinen heute den Betrachter mehr zu beeindrucken als die begradigten und sterilen Muster-Landschaften der Gegenwart. So hat die Düsternis ihren eigene Würde und eine Beinahe-Schönheit, die durch das sensible Schwarz- Weiß noch verstärkt wird.

Humorvoll-skurriler Blick auf paradoxe Situationen, traumwandlerisch sicherer Druck auf den Auslöser

Thomas Kläber zeigt Arbeiten von seinen Reisen nach Bulgarien und in die Sowjetunion (Ukraine, Perm). Milieustudien und Landschaftsausschnitte überwiegen, vor allem aber der arbeitende Mensch. Darunter Kinder auf dem Schulweg, Straßenszenen, eine marode Brücke, eine bäuerliche "Feldpause", verwilderte Hunde, Badende am Fluss, ein Wettlauf von Pferden und Lkws und ein winterliches Dorf im Permer Gebiet. Vital und lebensnah erscheinen hier Menschen vor der Kamera, denen die Schwere ihrer Arbeit nicht anzusehen ist. Ihr Leben war noch urwüchsig und elementar, aber auch von den Zeichen des Kalten Krieges geprägt. Neben dem seltenen Schnappschuss zeigt sich an diesen frühen Arbeiten schon Thomas Kläbers humorvoll-skurriler Blick auf oft paradoxe Situationen und Menschen. Traumwandlerisch sicher ist auch der Druck auf den Auslöser, der uns einmalige Aufnahmen bescherte.

Frank Höhler, der mit seinen Fotografien besonders Dresden und die Neustadt schon frühzeitig als reiches fotografisches Reservoir entdeckte, zeigt eine Serie von Neustadtbildern mit Hinterhöfen, Schuppen, Unrat und vernachlässigten Häuserblöcken, Kunst-Spektakel und Installationen, Kinderbildnisse, Blicke in Lager und Werkstätten, in die Küche vom Fresswürfel samt Personal aus Anlass einer Frauentagsfeier, auf den trostlosen Neumarkt, aber auch auf den vermüllten neoklassizistischen Tempelbau der "Lichtspiele" in Dresden-Blasewitz (siehe auch Luc Saalfeld). Eine frisch verputzte Mauer in Leipzig trug den ungewöhnlichen Graffiti-Schriftzug "No Fun", der in seiner Einzigartigkeit der Bildsituation und der treffenden Zeichenhaftigkeit symbolisch für die Berliner Mauer aufgefasst werden kann.

Jürgen Matschie dokumentierte in den 80er Jahren Industriebetriebe in Sachen, um die Produktion vor Ort im Bild festzuhalten und den arbeitenden Menschen zu porträtieren. Eine Serie entstand in der VEB Fortschritt Gießerei in Bautzen, von der jeweils 16 Fotografien zu sehen sind. Neben den Einblicken in die Produktionsräume mit körperlich schwerer Arbeit verblüfft die Atmosphäre von Rauch und Feuer beim Abstich, aber auch das Pausenbrot und der allein am Tisch vor seiner Bockwurst sitzende Arbeiter.

Luc Saalfelds Fotografien sind nicht nur Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Sie zeichnen ein lebendiges Bild der 80er Jahre Generation. Mit zehn Jahren erhielt er seine erste Kamera, eine Beirette. Die ausgestellten Bilder wurden mit der EXA 1c geschossen. Bereits als Teenager hat Saalfeld seine Mitschüler im Porträt festgehalten, aber auch bei Abenteuerspielen und Rumtrödeln auf Brachen und in alten Hinterhöfen mit Kassettenrekorder und BMX-Rad. Mit seinen ersten Aufnahmen von Freunden und Kumpels verdiente er sich etwas zum Taschengeld hinzu. Erstaunlich sind die schon damals ausgefeilte Handhabung der Kamera, der Sinn für Komposition aber auch die Qualität der selbst in der eigenen Dunkelkammer entwickelten Bilder. Die Ausstellung kuratierte Hans Ulrich Lehmann, ehemaliger Oberkonservator am Kupferstichkabinett Dresden, der auch die Ausstellung eröffnete und den Text für den ansprechenden Flyer verfasste.

Heinz Weißflog

iBis 15. Januar. Galerie Grafikladen, Plattleite 66, Mo.-Fr. 9-17 Uhr, Sa. nach Vereinbarung; Kontakt: 0351/ 263 18 62, www.galerie-grafikladen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.01.2014

Weißflog

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