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Frank Herrmann probt im Raskolnikoff die Vereinbarkeit von Kunst und Natur

Transzendenz trifft Ironie Frank Herrmann probt im Raskolnikoff die Vereinbarkeit von Kunst und Natur

In das anheimelnd abgenutzte Ambiente des Kunsthauses Raskolnikoff ist kurzfristig ein Hauch von Futurismus eingezogen. Hat der Besucher die in Jahrzehnten der Benutzung ausgetretenen Stufen hoch zur Galerie hinter sich gelassen, trifft er auf fremde Gefilde.

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Frank Herrmann: "Lichte Perforation"

Quelle: Frank Herrmann

Dresden. In das anheimelnd abgenutzte Ambiente des Kunsthauses Raskolnikoff ist kurzfristig ein Hauch von Futurismus eingezogen. Hat der Besucher die in Jahrzehnten der Benutzung ausgetretenen Stufen hoch zur Galerie hinter sich gelassen, trifft er auf fremde Gefilde - ganz wie es der Titel der aktuellen Ausstellung des Dresdener Künstlers Frank Herrmann verheißt: Glitzernde kinetische Objekte aus Edelstahl, Glas und Spiegeln treten durch Bewegungsmelder ausgelöst in Aktion.

Die Verwandlung vom Banalen ins Besondere

Eine Trennwand aus perforierter, weißer Folie inmitten des Raumes bricht das Licht, dass es flirrt wie in vom Sonnenlicht durchfluteten Nebelschwaden. Frank Herrmann steht mit seinen neueren Arbeiten in einer langen Tradition einer auf die Umwandlung von Alltagsphänomenen ins Ästhetische zielenden, alchemistisch anmutenden künstlerischen Praxis. Spielt das Miteinander von Licht und Bewegung bei dieser Verwandlung vom Banalen ins Besondere eine Schlüsselrolle, entsteht kinetische Kunst. Marcel Duchamps auf einen Hocker montiertes Fahrrad-Rad ist ein frühes Beispiel für eine solche Umdeutung. Die Lichtreliefs und Rotoren des Zero-Künstlers Heinz Mack sollten noch in den sechziger Jahren mittels bodenständiger Physik "eine neue, immaterielle Farbe und Tonalität" erzeugen, "deren unberührbare und gänzlich gegenstandsferne Erscheinungsweise eine mögliche Wirklichkeit anzeigt".

Folien für Krötenzäune schaffen Atmosphäre

Wer glaubt, diese beiden Positionen seien schwer miteinander in Einklang zu bringen, kann sich nun vom Gegenteil überzeugen: Frank Herrmann schlägt mit seinen kinetischen Objekten eine Brücke zwischen deutschem Ernst und Dadaismus. Ein wichtiges Mittel dazu ist ironische Relativierung, die manchmal erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. So täuscht zum Beispiel die technoid-keimfreie Ästhetik der meisten Objekte gekonnt darüber hinweg, dass der Künstler die meisten seiner Baumaterialien auf dem Müll findet: ausgediente Druckplatten, alte Regalbretter, Spiegel... Folien für Krötenzäune schaffen Atmosphäre. Bewegung im Zusammenspiel mit Licht bringt die Gegenstände um ihre materielle Identität. Ironisch auch die Titel mancher Arbeiten, etwa "Dezenter Hintergrund des Bewusstseins", wo der Künstler - durchaus fasziniert von der technisch erzeugten Variante visueller Auflösung - einen Kasten mit nebeneinander aufgereihten Streifen aus silbernem Geschenkband bespannt, der von hinten durch ein Gebläse sacht zum Zittern gebracht wird. Neben diesem technisch verbrämten Himmelspreis tritt wie zur Ergänzung und Relativierung des Weltbildes ein zeitgemäß aufs Diesseits gerichteter Höllenspuk hervor. Die oft gleichzeitig in Aktion tretenden Apparate krächzen, scheppern und schnarren wie ein Haufen Narren zur Basler Fasnacht. Zwei von der Decke baumelnde mit Silikon ummantelte Seile, an deren unterem Ende eine silberne Kugel angebracht ist, geraten bei näherem Hintreten in Schwingung und beginnen einen Kampf der Rivalen.

Neuzeitliche Vanitas-Symbole und die Flüchtigkeit des Daseins

Daneben kann man die Ausstellung auch als eine Anhäufung neuzeitlicher Vanitas-Symbole verstehen. Die durchaus der Eigenliebe schmeichelnde Vorstellung, als Teil eines großen Ganzen im unendlichen Kreislauf der Natur hervorzutreten und dann wieder im Nichts zu verschwinden, führt den unausweichlichen Verlust des Individuellen mit sich. Das Verschwinden des Individuums und die Flüchtigkeit des Daseins sind seit jeher Themen in Frank Herrmanns Werk. Einige Objekte beherbergen bewegliche Spiegel, die als technisches Äquivalent zur gekräuselten Wasseroberfläche das Konterfei des Betrachters in einem steten Wechsel von Auftauchen und Verschwinden reflektieren, ohne ein Festhalten der Konturen zu erlauben.

Bei aller Freude an der Nachahmung natürlicher Phänomene durch technische Mittel ist sich Frank Herrmann der latenten Albernheit solcher Versuche stets bewusst. In einem verspiegelten Kasten liegen auf einer von unten in leichtes Schütteln versetzten Membran flächendeckend verteilte Ahornsamen. So in Bewegung gebracht zeugen sie von dem hilflosen Versuch die Illusion von Lebendigkeit zu schaffen. Die Dialektik zwischen Natur und Technik - sie ist letztendlich nicht aufhebbar.

bis 18. Dezember in der Galerie Raskolnikoff, Mittwoch bis Freitag 15 bis 18 Uhr, Sonnabend 11 bis 14 Uhr

Kirsten Jäschke

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