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Frank Castorfs "Ring"-Inszenierung in Bayreuth kommt zumindest abwechslungsreich daher

Frank Castorfs "Ring"-Inszenierung in Bayreuth kommt zumindest abwechslungsreich daher

Nach dem "Rheingold"-Auftakt am Freitagabend hatte sich der Vorhang noch nicht ganz geschlossen, da knallte schon das erste wütende Buh durch das Festspielhaus.

Regisseur Frank Castorf hatte die Zuschauer zugeschüttet mit einer vor allem assoziativen und gelegentlich auch sinnfreien Bilderflut. Nach der viel betulicheren "Walküre" am nächsten Abend reagierten die Wagnerianer gelassener und konzentrierten sich auf den Jubel für den Dirigenten Kirill Petrenko und das Ensemble. Dabei zeigte sich, dass die vermeintlich so fachkundigen Wagner-Pilger genauso reagieren wie (fast) jedes andere Opernpublikum auch: Je lauter der Sänger, desto lauter der Jubel. Wenn Catherine Foster als Brünnhilde im zweiten "Walküre"-Akt einmal ihre Piano-Qualitäten zeigt, muss sie ein paar unhöfliche Buhs einstecken, wenn sie im anschließenden dritten Aufzug volles Rohr gibt, ist der Beifall groß.

Frank Castorf, seit Jahrzehnten Chef der Berliner Volksbühne und als Theaterprovokateur etwas müde geworden, hatte als Leitlinie eine Ölspur gelegt. Das Gold, nach dem sich alles drängt, ist für ihn das flüssige Gold: das Erdöl. Das Programmbuch erzählt mehr über die Kulturgeschichte des Ölförderung als über die Operntetralogie. Aber auf der Bühne halten sich der Gebrauch von Sprit und Esprit in Grenzen. Für die Ölförderung ist vor allem der einfallsreiche und bastelfreudige Bühnenbildner Aleksandar Denic zuständig, der für das "Rheingold" ein Motel mit angeschlossener Tankstelle und für die "Walküre" eine Art Holzburg mit Bohrturm auf die fleißig genutzte Drehbühne gestellt hat.

Das "Rheingold" spielt im Texas der frühen siebziger Jahre, die "Walküre" ist vor etwa 100 Jahren in Baku zu Hause; es folgen noch, so hört man, die Wall Street und Berlin, Alexanderplatz. Wer da nach chronologischer Entwicklung fragt, ist schon auf der falschen Fährte. Castorf erklärt nichts, er bebildert - falls er Lust dazu hat. Und Zeit hatte zu proben. Vier Opern auf einmal sind nicht nur für einen Opernjungspund wie Castorf eine Menge Holz. Der beschwerte sich denn auch über zu wenig Probenzeit und bekam die Erwiderung, er habe die ja nicht mal komplett genutzt.

Im "Golden Motel" an der Route 66 regiert Wotan (eher jovial als bedrohlich: Wolfgang Koch) wie ein Provinz-Pate, der nicht nur Gattin Fricka und Schwägerin Freia befummelt, sondern auch Edda anbaggert - da ahnen wir, wann und wo die beiden Brünnhilde (er)zeugten. Erda tritt als Diva im Paillettenkleid mit weißer Nerzstola auf: Im "Rheingold" kann sich Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki austoben, am nächsten Abend sind eigentlich nur die Walküren bemerkenswert schräg gekleidet (leider singen sie auch so). Die Rheintöchter trocknen ihre Dessous am Swimmingpool und schäkern am Grill mit dem ungebetenen Gast Alberich, den Martin Winkler als Volksbühnen-Proll gibt.

Nach Sinn und Konsequenz darf man nicht immer fragen: Was ist das Rheingold? Wie wird es geraubt? Und wer oder was ist eigentlich Walhall? Etwa das Mercedes-Cabrio, um das Fafner und Fasolt mit dem Baseballschläger kreisen? Statt Antworten auf solche Fragen gibt es Einsichten, die das Team um Videokünstler Andreas Deinert liefert: Man sieht auf Leinwänden die Sänger in Großaufnahme singen, schwitzen und spucken, aber auch, was im Hintergrund passiert.

Das lenkt manchmal schwer vom Bühnengeschehen ab. Und es bemäntelt, dass Castorfs Regie auch Momente der Arbeitsverweigerung hat. Die entscheidenden Theatertrick-Momente lagert er nämlich ins Filmgeschehen aus. Dass Alberich einfach in einem Wohnwagen in Lindwurm und Kröte verwandelt wird, mag noch Ironie sein. Dass auch die Auslösung Freias eine eher schlampig ausgeführte Videoaktion ist, ist schon weniger überzeugend. Und wenn in der "Walküre" der entscheidende Zweikampf zwischen Hunding (profund: Franz-Josef Selig) und Siegmund (mehr höhen- als textsicher: Johan Botha) ebenso auf die Leinwand verlegt wird, dann ist das eine schwache Leistung, die allenfalls erklärlich ist, wenn man die Unbeweglichkeit und szenische Unbeholfenheit Bothas einkalkuliert. Beim Feuerzauber züngeln dann zwar schön die Flammen um ein Fass, doch die schlafende Brünnhilde ist wieder nur ein Filmbild.

Hat Castorf das "Rheingold" mit Amerika-Devotionalien möbliert, so gibt es in der "Walküre" Sowjet-Abziehbilder. Blickt man dahinter, sieht man nur Rumsteh-Oper, die sich kein Stadttheater mit Ambition mehr trauen würde. Und das könnte mit etwas Glück auch eine ausgeglichenere Ensembleleistung bieten. Die vom Publikum gefeierte Anja Kampe als Sieglinde etwa tönt kraftvoll, aber scharf. Und Burkhard Ulrich ist als Mime ein überzeugenderer Darsteller als Sänger. Claudia Mahlke als Fricka aber überzeugt auch in der Familienrechtsdebatte mit dem Gatten Wotan, der jetzt als Zausebart auftreten muss. Wenn Wolfgang Koch zum Finale als zürnender Gott zurückkehrt, darf er wieder der Pate sein und singt angemessen selbstbewusst.

Und der gefeierte Kirill Petrenko? Schwankt mit dem nicht ausschließlich präzisen Festspielorchester zwischen zügigem Musizieren, hilfreicher Sängerbegleitung und artifiziellem Musizieren. Da erhebt sich das "Rheingold"-Vorspiel ganz langsam, demonstriert das "Walküre"-Vorspiel mehr die Detailliebe des Dirigenten als dramatische Spannung. Gedröhnt wird nur selten, Pathos bleibt im Hintergrund. Was immerhin zu Castorfs Inszenierung passt.

Wie der die Kurve kriegt, bleibt spannend. Ölspuren können gefährlich sein.

@www.bayreuther-festspiele.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.07.2013

Rainer Wagner

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Von Redakteur Rainer Wagner

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