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Frank Castorf verlässt die Volksbühne

Der Mann, der aus dem Osten kam Frank Castorf verlässt die Volksbühne

Seinen 65. Geburtstag hat Frank Castorf gerade hinter sich. Sagenhafte 25 Jahre als Intendant der Volksbühne auch bald. Ebenso wie das irgendwie genialische Bayreuth-Debüt mit dem Nibelungen-Ring. Am 7. November bekommt er in Wien den österreichischen Theaterpreis „Nestroy“ für sein Lebenswerk - und das hat seine Richtigkeit.

Frank Castorf, der Intendant der Berliner Volksbühne

Quelle: Gero Breloer/dpa

Berlin. Seinen 65. Geburtstag hat Frank Castorf gerade hinter sich. Sagenhafte 25 Jahre als Intendant der Volksbühne auch bald. Ebenso wie das irgendwie genialische Bayreuth-Debüt mit dem Nibelungen-Ring. Als Retter in der Not. Und als rotes Tuch für einen Teil der Gemeinde versteht sich. Am 7. November bekommt er im Theater Ronacher in Wien den österreichischen Theaterpreis „Nestroy“ für sein Lebenswerk - und das hat seine Richtigkeit. Gerade weil sich an dem Theatermann, der aus dem Osten kam, die Geister scheiden. An ihm schulen sich aber auch die Blicke. Von ihm bezog die Theaterlandschaft über Jahre frische Energie. Und sei es die zur Dekonstruktion und des Widerstandes dagegen. Der nach dem österreichischen Theater Urgestein Johann Nepomuk Nestroy (1801-1862) benannte wichtigste Theaterpreis Österreichs wird seit 2000 auch fürs Lebenswerk verliehen. Otto Schenk, George Tabori, Claus Peymann, Peter Zadek, Luc Bondy, Klaus-Maria Brandauer und im letzten Jahr Archiv Freyer haben ihn schon bekommen. Castorf reiht sich also in eine illustre Versammlung ein.

Dass Castorfs letzte Spielzeit als Intendant der Volksbühne ruhig über die Bühne gehen würde, hatte niemand ernsthaft erwartet. Doch nachdem die Berliner Kulturverwaltung den Modern Tate Kurator Chris Dercon als Nachfolger einfach aus dem Hut zauberte, krachte es. Was sogar zu einer soldarischen Verbal-Attacke des ebenfalls in den Ruhestand geschickten Langzeitkollegen (und -Lieblingsfeind) vom Berliner Ensemble Claus Peymann führte. Damit hat der mit seinem künstlerischen Führungspersonal permanent ziemlich unbedarft agierende Senat immerhin eine mehr oder weniger amüsante Fußnote produziert.

Sonst ist das Ganze eher die Realsatire einer Castorf - Inszenierung: endlos lang und selbstreflektierend, laut und nervig, mit Hang zur Selbstzerstörung, schelmischer Freude am diabolischen Witz der Dialektik und offenem Ausgang.

Dabei hatten seine Volksbühnenjahre natürlich auch ihre Tiefs und einen gewissen Schwund. An eingeschworenem Stammpersonal und an Erfolg und Kreativität. Einen wie Herbert Fritsch etwa trieb es aus der Truppe. Freilich nur, um als erfolgreicher Turbo-Regisseur mit einem furiosen Schlusssprung wieder in das Haus mit den programmatisch provozierenden Versalien OST obendrüber und einem offensiven Umgang mit der Geschichte der OST-Deutschen innendrin zurückzukehren.

Es war eben nicht nur die trotzig geballte Faust des altlinken Tanztheaterveterans Johann Kresnik oder der politisch ästhetisch revoluzzernde Christoph Schlingensief, die die Castorf- Volksbühne zur Marke und Erfolgsstory machten, sondern auch die hintersinnig subversive Melancholie eines Christoph Marthaler, der hier nicht nur den Europäer murxte, sondern auch das Pariser Leben entfachte. Na ja, was man so entfachen nennt, wenn Anna Viebrock den Raum dazu erfindet.

Ihr die Volksbühnen-Ästhetik eigentlich prägender Kollege Bert Neumann hat bis zu seinem plötzlichen Tod ganze Waldstücke zu den Bühnen-Bungalows oder -Städten verarbeitet, in denen Castorf dann mit den großen Russen (zum Beispiel) etwas ähnliches versuchte. Um dabei immer das, was drinnen passierte, zu filmen, es nach außen zu übertragen und so jeder eingeübten Sehgewohnheit in die Quere zu kommen. Und zu dekonstruieren, was das Zeug hält. Bis etwas Neues daraus entstand.

Man konnte an der Volksbühne in den letzten Jahren getrost mal eine längere Pause einlegen. Der Faden, dem der Intendant Frank Castorf folgte, war, als man wieder einstieg, nicht gerissen. Es gab mit dem Fließband-Stücke-Produzenten Rene Pollesch beispielsweise nur eine andere Farbe und ein anderes Tempo.

Dass auch mit Frank Castorf als Regisseur immer (noch) zu rechnen ist, beweist die weit über den Kreis der Volksbühnen-Gemeinde hinaus erzielte Aufmerksamkeit, die er mit seiner Ring-Deutung seit 2013 in Bayreuth erzielt. Es gehört zu den Pointen der deutschen (Theater-)Geschichte, dass Castorf, nach dem Studium der Theaterwissenschaften Mitte der 70er Jahre in der ostdeutschen Theater-Provinz (Senftenberg, Brandenburg, Anklam, Karl-Marx-Stadt, dann Ostberlin) zum gesamtdeutschen Theater-Revoluzzer heranwuchs. Zu einem Theatermacher, der durch Reglementierung nur angestachelt wurde und sich um die Meinung der Anderen (auch wenn sie die Macht haben) nicht wirklich kümmert. Er folgte mit einer Schar von Jüngern seinem Stern bis er in der Volksbühne bei sich ankam. Und dort blieb. Mit der zusätzlich übernommenen Leitung der Ruhrfestspiele hatte er 2004 keine so glückliche Hand.

Mit seinen Regiearbeiten, auch andernorts, dagegen schon. An „seinem Haus“ ließ er - den kleinkarierten Osten im Rücken und den großmäulig übergriffigen Westen vor sich - Könner wie Corinna Harfouch, Henry Hübchen, Sophie Rois, Bernhard Schütz, Herbert Fritsch oder Martin Wuttke von der Kette und - nicht nur im übertragenen Sinne - auch mal mit Kartoffelsalat um sich werfen. Er schickte sie in die russische Roman-Wüste mit seinen Bühnenadaptionen von Dostojewski bis Bulgakow. Was nur eine Spielart seines postdramatischen Theaters ist, das gelegentlich ins Chaos eines Kindergeburtstages tendiert, wenn die Akteure aus ihren Rollen aussteigen. Seine Vorliebe für die live eingesetzten Videokameras ist ebenso Legende wie seine Neigung zum zeitlichen Überdehnen.

Als Regisseur hat er sich nie auf den Schutzraum des „eigenen“ Hauses beschränkt und oft jene Nestwärme verlassen, die dem notorischen Stückezertrümmerer wohl auch die Batterien auflädt. Er war und ist von Hamburg über München bis Zürich präsent. Vor allem aber mehr als ein Dutzend Mal auch in Wien. Bei den Festwochen gehört er quasi zu den Stammgästen. Am Burgtheater krönte er vor zwei Jahren Hans Henny Jahnns Richard, in München adelte ein Aufführungsverbot der Brecht-Erben seinen Baal, im Sommer werkelt er am Ring und jetzt hat er sich gerade Gounods Faust in Stuttgart vorgenommen. Für Castorf gibt’s auch jenseits „seiner“ Volksbühne Bedarf. Lauter gute Gründe für den Nestroy.

Literaturtip: Republik Castorf - Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz seit 1992, Gespräche. Herausgegeben von Frank Raddatz, 376 Seiten, Alexander Verlag Berlin; Theater der Zeit, Arbeitsbuch 2016, Castorf.

Von Joachim Lange

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