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Frank Böckelmann in der "Heimat"-Vortragsreihe des Neuen Sächsischen Kunstvereins

Frank Böckelmann in der "Heimat"-Vortragsreihe des Neuen Sächsischen Kunstvereins

Frank Böckelmann ist ein Solitär. Schon äußerlich eine ungeheuer vergeistigte Erscheinung - sein markanter Kahlkopf erinnert an den "wilden Denker" Michel Foucault, die Theorie-Ikone der frühen 1980er Jahre -, ist auch sein Werdegang für einen Dresdner ungewöhnlich.

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Frank
Böckelmann

Quelle: PR

Dresden. Doch kann man Frank Böckelmann, der zwar 1941 in Dresden geboren wurde, seine Kindheit aber in Stuttgart verbrachte und seine gesamte intellektuelle Prägung in München erhielt, überhaupt einen Dresdner nennen? Er selbst spricht bewusst nicht von Rückkehr, seine Heimat bleibt eine verlorene. Nur ganz gelegentlich reißt die Erinnerung an den seltsam-verheißungsvollen Klang des Wortes "Paradiesstraße", einer in der Nähe des Elternhauses in Dresden-Zschertnitz gelegenen Straße, oder an den Sound von bedrohlich über der Stadt fliegenden Propellerflugzeugen Breschen in die in Sedimenten geschichtete Zeit. Jede Beschäftigung mit Heimat wird damit zu einer "Suche nach der verlorenen Zeit", denn wenn die vorsprachliche und vorbewusste Prägung im Alter von zehn bis zwölf Jahren bereits abgeschlossen ist, handelt es sich auch immer um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit.

Böckelmann hatte mit den bis heute nachwirkenden Diskursen und Lagerbildungen der Wendezeit nichts zu tun. Die Münchner Erfahrungen im radikalisierten Milieu der linken Studentenrevolution sind mit denen ostdeutscher Oppositioneller nicht zu vergleichen. Seine im Rentenalter getroffene Entscheidung für Dresden als Wohnort bleibt völlig unberührt von Karrierechancen in Universität oder Bürokratie. Böckelmann, der ab 1962 der "Subversiven Aktion" und ab 1966 dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) angehörte, war in den nachfolgenden Jahrzehnten ein zunehmend kritischer Beobachter einer Linken, die zwar den Glauben an die Revolution aufgegeben hatte, sich aber mit der geistigen Hegemonie im öffentlichen Diskurs eine starke Machtstellung in Wissenschaft und Medien sicherte.

Und hier liegt der Grund für ein Missverständnis. Wenn Böckelmann den hohlen, dabei stets appellativen Charakter von Begriffen wie "Weltoffenheit", "Toleranz", "Buntheit" hervorhebt, tut er dies stets im Bewusstsein dessen, was damit eigentlich gemeint ist: echte Verständigung, die Dialektik von Eigenem und Fremdem. Seine Beobachtung, dass Weltoffenheit eines Standpunktes, eines Ortes bedarf, von dem aus sich eine Öffnung zur Welt bewerkstelligen ließe, ist richtig. Die Feststellung, dass eine multikulturelle Gesellschaft zur "Auslöschung von Fremdheit" führt, da ihr die Vorstellung vom Eigenen als Korrektiv verloren geht, ist klug. Völlig außerhalb seines Horizontes mag es jedoch liegen, dass es offenbar Leute gibt, die nicht nur durch den floskelhaften und inflationären Gebrauch der Aufforderungen zu Toleranz, Weltoffenheit etc. genervt sind, sondern durch die Sache selbst. Der stets sachlich bleibende Analytiker und Chronist einer zunehmenden Ent-Ortung kennt vermutlich die Melancholie, aber nicht das Ressentiment, die Wut oder den blinden Hass, um auf derartige Bedrohungen zu reagieren.

Schwächer als der pointenreiche Dialog mit der bestens aufgelegten Moderatorin Susanne Dagen (Buchhaus Loschwitz) fiel dagegen die Lesung aus. In seinem bereits im Jahr der Marktreife des iPhone (2007) vorgelegten Buch "Die Welt als Ort. Erkundungen im entgrenzten Dasein" spricht Böckelmann von der "Hegemonie der ortlosen Kommunikation" und vom Wirklichkeitsverlust des Realen, was zu einer "urbanen Katastrophe" geführt habe. Der essayistische Stil des Buches erinnert mit seiner in Szene gesetzten rabenschwarzen Ausweglosigkeit an die apokalyptisch-technizistischen Zukunftsentwürfe der späten Postmodernediskussion. Wenn man jedoch bedenkt, dass dieses Buch noch vor Finanzkrise, NSA-Affäre und Flüchtlingskrise erschienen ist, wird das Ausmaß der enormen Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit deutlich, die jeder unter diesen Bedingungen Lebende seitdem bewiesen hat.

Als Fazit lässt sich festhalten: Die so fragile wie stets individuell erfahrbare Heimaterfahrung taugt nicht als Kampfbegriff gegen Begriffsmonster wie "Islamisierung" oder "Globalisierung" - ihr eigentlicher Ort ist nicht der politische Diskurs, sondern die Literatur.

von STEFAN KLEIE

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