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Fraktus spielen in Dresden - Aus einer Rippe der Musikgeschichte

Fraktus spielen in Dresden - Aus einer Rippe der Musikgeschichte

Am letzten Sonntag hat Schauspieler Devid Striesow den Saarbrücker Tatort in neue, unterirdische Geschmackswelten geführt. Nur kurz vorher verhalf er als Plattenfirmenmann Roger Dettner drei Männern zurück ins Rampenlicht, die sich vor über 25 Jahren im Streit vom Musikgeschäft trennten.

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Derzeit schreibt die Band am letzten Kapitel der Musikgeschichte.

Quelle: PR

Sie erlitten ein Burn-Out im klassischsten aller Sinne: Ihre Bühne brannte ab. Bis dahin war Fraktus die Band einer elektronischen Zukunft, die Band, die vor Kraftwerk schon so klang wie Kraftwerk. Fraktus war die Rippe, aus der der Techno geschnitzt wurde oder, wie die musikalische Repetiermaschine H.P. Baxxter von Scooter es heute formuliert: "Ohne Fraktus wäre ich nie auf die Idee gekommen, selber Musik zu machen." Wär ja ganz schön gewesen, aber dann gäbe es auch die Einstürzenden Neubauten, Trio oder Yello nicht, glaubt man dem Film. Nun folgt das Konzert zum Humbug.

Live auf der Beatpol-Bühne werden dann drei Männer um die 50 stehen, in grauen, einteiligen Raumanzügen, im Polarkreis 18-Outfit für Rentner. Sie werden Lieder singen, die natürlich nur ganz zufällig klingen wie "Sonic Empire" von den Members Of Mayday oder eine bislang unveröffentlichte B-Seite von Kraftwerk. Trotz kühlem Elektro-Sound greifen Fraktus' Texte ganz tief in die Herzkiste und kommen in Titeln wie "Affe sucht Liebe" oder "A.D.A.M" (All die armen Menschen) unter, die schon seit Wochen im Internet umher flirren, um der Musikgeschichte letztes Kapitel zu schreiben. Die, die sich als fraktale Legende ausgeben, sind Rocko Schamoni als Frontmann Dickie Schubert, Jacques Palminger als Brillen- und Geräte-Nerd Bernd Wand und Heinz Strunk als DJ-Ötzi-Verschnitt Thorsten Bage. Zusammen wurden sie als Komiker-Trio "Studio Braun" zuerst in Hamburg und später durch Filme, Theaterstücke und allgemeinem Blödsinn in ganz Deutschland bekannt. Spätestens nach der Tragikomödie "Immer nie am Meer", also seit 2007, weiß man, dass Strunk seine Rollen mit so viel schmieriger Hingabe spielen kann, dass es einem die Lachtränen in die Augen haut, während man sich noch ekelt. Das trifft auch auf den gealterten Musikproduzenten zu, den er nun verkörpert und der sich nach der gescheiterten ersten Karriere eine zweite auf Ibiza aufgebaut hat, mit schwülstigen Eurodance-Nummern, die ihm zwar null Respekt, aber jede Menge Kohle einbringen.

Die beiden Anderen bleiben abgebrannt - der eine jobbt im familiären Brillenladen, der andere führt ein Internet-Café - bis Striesow-Dettner sie aufspürt und überzeugt, es nochmal miteinander zu versuchen. Dem Achtziger-Jahre-Sound, dem sie mal weit voraus waren, hinken sie jedoch mittlerweile stark hinterher. Sie werden auf ihrem ersten Comeback-Konzert beim Melt!-Festival ausgebuht. Sie scheitern an ihrer Legendenhaftigkeit, also daran, dass sie sich seit den tatsächlichen Achtzigern kein Stück weiterentwickelt haben.

Helfen kann da nur noch Alex Christensen, der Dancefloor-Experte, der früher mal U96 war und danach noch mindestens zehn andere Projekte mit gut gebauter Frontfrau und schmissigem Konserven-Beat. Der verarscht sich gleich selber im Film, in dem er sich als Retter der Musik hinstellt, aber aus dem größten Hit "Affe sucht Liebe" einen Vocoder-Clubsong bastelt, der von all seinen vorherige Produktionen nicht zu unterscheiden ist und vom Original nur den Schlachtruf "Oh oh oheho!" behält. Die Retortensängerin Yass steht auf der Tour nun angeblich mit auf der Bühne. Das macht die Ironie perfekt. Die Vorreiter eines Genres werden zu ihren schlimmsten Auswüchsen. Im Film dreht der Versöhner Dettner am Ende durch, verzweifelt am ewigen Streit zwischen den Musikern, und rennt mit einem Dönerspieß über den Hamburger Kiez. Doch dann finden Fraktus zu ihren Ursprüngen zurück und schaffen ihre eigene Wiederbelebung.

Ihr cineastisches Comeback liegt nun schon wieder in der Vergangenheit, wenn auch nur in der des ausgehenden letzten Jahres. Aber die Tour, die ist noch einigermaßen frisch und in ihrem konsequenten Schwachsinn ernst zu nehmen. Dokumentationen über fiktive, aber angeblich wahre Ereignisse, so genannte Mockumentarys, wurden auch über Musiker schon öfter gedreht. In den 1970ern parodierte der Film "The Rutles" die Beatles als die "Prefab Four" und verarschte damit den frü-hen Britpop, in den Achtzigern besorgte die Pseudo-Doku "This is Spinal Tap" genau das für den Heavy Metal. Nun ist eben der Techno dran, immer das, was seine Hochzeit gerade hinter sich gelassen hat. Mit dem Synthie-Märchen Fraktus wird ja möglicherweise auch dem Achtziger-Hype das letzte Schulterpolster untergelegt.

Fraktus, "Comeback"-Tour am Donnerstag, 21 Uhr, Beatpol, Karten für 19,90 Euro (Vvk.), 21 Euro (Ak.).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.01.2013

Juliane Hanka

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