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Fotografien von Thomas Fißler und Gunnar Borbe in der Galerie Ursula Walter

Geschichten entstehen im eigenen Kopf Fotografien von Thomas Fißler und Gunnar Borbe in der Galerie Ursula Walter

"Das ist ein sehr intimes Foto", meint Thomas Fißler. In dem Satz liegt so viel stiller Nachdruck, dass ich zögere, mir das Bild, das gleich in doppelter Ausführung an der Wand hängt, genauer anzusehen. Wer will schon öffentlich zum Voyeur werden? Dabei ist diese Sorge vordergründig betrachtet absurd.

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Gunnar Borbe. "Füße" aus der Serie Tiefenströmung, C-Print, 2015.

Quelle: Galerie

Dresden. Die Fotografie ist Bestandteil der aktuellen Ausstellung "Äquinoktium" von Thomas Fißler und Gunnar Borbe in der Galerie Ursula Walter. Der Bildgegenstand könnte harmloser nicht sein: Im Zentrum der Aufnahme steht der weiße Haarschopf einer im Rollstuhl sitzenden alten Frau. Im Hintergrund ist schemenhaft eine stehende Figur zu erkennen. Wie intim die Situation tatsächlich erscheinen kann, wird klar, wenn man das Foto oder besser die zwei nebeneinander hängenden gleichen Aufnahmen durch eine spezielle Brille ansieht, die jene zwei Bilder optisch zu einem zusammenfügt. Nun ist es, als taste man die Kopfhaut der Dame Stück für Stück mit den Augen ab, als durchstreife man den weißen Flaum der Haare vorbei an Pigmentflecken und anderen Details.

Fißler macht Stereoskopien, also Bilder mit einem 3D-Effekt. Dieses visuelle Eintauchen und Durchwandern des Bildes erfordert eine Konzentration auf den gegenwärtigen Moment, einer Meditationsübung gleich. Der Betrachter nimmt ziemlich unmittelbar den Blickwinkel des Fotografen ein, der die Kunst beherrscht, dem Bildgegenstand mit Blicken sehr nahe zu kommen, ohne ihm zu nahe zu treten. Dadurch entsteht eine sehr diskrete Form von Empathie. So könnte man sich das Wirken eines im Praktischen ohnmächtigen Schutzengels vorstellen. Zwar kann er das ihm Anbefohlene nicht retten, ist aber auf eine ebenso unbedingte wie unbemerkbare Weise in jedem Augenblick präsent. Diese auratische Form der Anwesenheit schützt nicht vor Tod und Verletzungen, aber vor einem Verlust der Würde.

Gleichzeitig taucht in den Fotografien häufig ein irritierendes Detail auf, das der sachlich-realen Konzentration auf das Sehen ein Moment träumerischer Abschweifung hinzufügt. So fliegt durch eine Landschaft voller Vulkankegel im böhmischen Mittelgebirge ein sonderbares pink-silbernes Gefährt, das sich auf den zweiten Blick als Luftballon erweist. Fißler hat ihn nachträglich in das Bild hineinmontiert. Während man mit den Augen weit in die Tiefen der Landschaft hinein wandert, setzt die Anwesenheit des vermeintlichen Luftschiffs Phantasien frei.

Ein solches Schweben zwischen Realität und Tagtraum lösen auf dramatischere Weise auch die Fotografien Gunnar Borbes aus. Seine Aufnahmen bieten eine Bühne für Unvorhergesehenes, vergleichbar einem Filmstill, wo der bloße Anblick eines Raumes die kommende Katastrophe vorausahnen lässt. Nur liegt hier der weitere Verlauf der möglichen Handlung ganz in den Augen des Betrachters. Die Spannung vieler Bilder beruht auf einem ihnen innewohnenden Geheimnis: Eine im Wellnessbereich eines Hotels entstandene Aufnahme könnte zum Beispiel ebenso gut eine klösterliche Leichenhalle darstellen.

Doch geht es dem Künstler nicht allein um einen narrativen Projektionsraum. Borbe, der an der Kunsthochschule in Dresden bei Max Uhlig Malerei studierte, sucht mit Hilfe des Mediums Fotografie auch eine Form von authentischer Realität einzufangen. In der Ausstellung zeigt er eine Sequenz von Fotos, die zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten - oft künstlich errichteten Freizeitoasen - in Europa entstanden und nun in einem quasi erzählerischen Ablauf aneinander gereiht sind.

Die an diesen Orten angetroffenen Menschen wirken nicht wie am Ziel ihrer Träume, sondern fehl am Platz und seltsam unbehaust. Der Ort, wo man sich zuhause fühlt, wo die eigenen Wurzeln sind und der Traum vom idealen Lebensraum einen Platz findet, lässt sich in Zeiten von Pluralismus und Globalisierung nicht mehr territorial verorten und schon gar nicht ungestört von äußeren Einflüssen dingfest machen.

Die Bildwelten Fißlers und Borbes lassen erkennen, dass Heimat manchmal weniger eine Frage des Ortes als des Gespürs für die eigene Gestimmtheit ist.

Galerie Ursula Walter, Neustädter Markt 10, bis 20. Dezember, Fr-So, 15-18 Uhr und nach Vereinbarung. Tel. 0152/5363619180

von Kirsten Jäschke

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