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Forsythe-Company mit der Wiederaufnahme von "Decreation" im Festspielhaus Hellerau

Forsythe-Company mit der Wiederaufnahme von "Decreation" im Festspielhaus Hellerau

Die Forsythe-Company hat ihre ausgiebige Hellerauer Frühjahrspräsenz eröffnet mit "Decreation", der Wiederaufnahme einer geheuer lebendigen, virtuosen, komplexen, facetten- wie symbolreichen Arbeit aus dem Jahr 2003. Sie bietet sich als ein im Grunde banales, aber zum Teil schrill überhöhtes Gesellschaftspanorama, weniger abstrakt als abstrahierend - auch von anderen Genres der Bühnenkunst, die hier auf zum Teil ungewöhnliche Weise miteinander verwoben sind, dominant zu einem getanzten (und dadurch verfremdeten bis stark überhöhten) Sprechtheater.

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Yoko Ando in "Decreation" der Forsythe Company.

Quelle: Sylvio Dittrich

Es gibt eine Andeutung von Bühnenbild - ein Tanz- oder Bankettsaal mit Säulengalerie, einem spärlich gedeckten runden Tisch im Hintergrund, der noch eine tragende Rolle spielen wird.

Die erste Assoziation ist ein Rednerpult, das zur Selbstentlarvung zwingt, während mittels einer Livekamera ein "falsches" Unterteil auf dessen Front projiziert wird. Aber es gibt keine Schande, nur Rückzug, behauptet jemand. Doch wer spricht hier überhaupt mit wem? Die Fäden der Kommunikation laufen kreuz und quer durch den Raum, überlagern sich, werden intuitiv aufgenommen, Sprache, Sound und Bewegung sind miteinander "verschaltet", ergeben ein perfekt inszeniertes, aber kaum durchschaubares Kausalitätsgefüge; alles hängt mit allem, jeder hängt mit jedem zusammen, aber mancher eben besonders. Trust and believe, Vertrauen und Glaube sind so Schlagwörter, die Suche nach dem "us", das gleich wieder in Frage gestellt wird. Decreation als Rückführung des Schöpferischen auf seine Ur-Antriebe, auf das jedem innewohnende Bedürfnis.

Ein Pfiffikus verwendet den in Wörterbüchern fehlenden Begriff als Kürzel für kreative Dekoration, ein interessanter Aspekt für das instinktive und nur zu oft geübte Verbergen des Eigentlichen, dem man hier auf der Spur ist, und letztlich erscheint dabei wieder einmal die Sprache als Quelle der Missverständnisse. Verhältnisse als Verhaltensstörungen, in oft extrem ausgeformten Haltungs- und Bewegungsmustern, aber manchmal auch einfach anrührend.

Das Resultat der Dia- (gelegentlich Tria-)loge aber ist im Prinzip immer das Gleiche, egal ob die Wünsche, Begierden, Sehnsüchte eindeutig subtil handgreiflich, trotz und mit verzweifelter spastischer Behinderung, im unartikulierten Lautgewürge oder spitzfindig intellektuell hervortreten, ob sie selbstgefällig, hilflos naiv, zynisch cool oder auch einmal mit Leidenschaft vorgetragen werden. Wo bzw. wenn scheinbar Ordnung und Ruhe einziehen in dieses Chaos, verbreitet sich Anonymität, in der Aufspaltung aber offenbart sich jeder als Persönlichkeit (auch wenn sie anonym bleibt), und so erhält im Laufe des Stücks tatsächlich jeder der 15 Tänzer mindestens eine charakteristische Episode, die ihn abgesehen von oberflächlichen Äußerlichkeiten unverwechselbar erscheinen lässt.

Die Rollen dabei sind nicht immer "freiwillige". Einer hasst gerade das Spiel, das ein anderer treibt, um ihm seine Liebe zu zeigen, und der wieder bezeichnet es am Ende als Joke... Ein anderer kämpft Buchstabe für Buchstabe um einen Deal: "You give me everything - I give you ... nothing." Das ist witzig vorgetragen, aber nicht nur, und wenn es freilich auf sprachlicher Ebene nur englisch funktioniert, so ist hier doch immer der ganze Körper beteiligt, mal beiläufig, mal exaltiert, als belebte Skulptur, innerhalb eines Gesamtkunstwerks. So wird die wirkliche Liebe verbannt ins Reich der Oper (schließlich geht das Stück auf ein Libretto zurück), des Musicals, und tatsächlich zaubert nicht nur David Morrow am Keyboard eine Illusion davon, sondern es wird auch nicht nur einmal schrill oder herzergreifend gesungen, rund um ein schwülstig aufgeblähtes "I really love you" formiert sich eine ebenso bissige wie perfekt vorgetragene Parodie oder Persiflage. Das Pendant oder die Kehrseite dazu ist das Ritual - bis hin zum Sühneopfer (?), und dazu wird nun endlich der große Tisch herbeigeholt, um den sich ein in Klang und Zeichen ausdrucksvoller Chor aus clapping hands gruppiert. Aber wieder vollzieht sich das Spiel wie die Kommunikation auf mehreren Ebenen, die sich konterkarieren.

Obwohl diese Inszenierung vergleichsweise geradezu eine Fülle abhör- oder absehbarer Episoden und Details bietet, überaus bewegungsreich, witzig und unterhaltsam daherkommt, muss sich wie immer bei Forsythe am Ende doch jeder seinen eigenen Reim darauf machen. Das Premierenpublikum hatte offenbar großen Spaß daran.

Sa/So, 20 Uhr, Festspielhaus Hellerau

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.05.2012

Tomas Petzold

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