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"For Rent" in Hellerau als skurrile Deutschlandpremiere

"For Rent" in Hellerau als skurrile Deutschlandpremiere

Worum es geht an diesem Abend? Um eine Primadonna, die es einfach nicht lassen kann, auf den geliebten, verwöhnenden Beifall des Publikums zu verzichten. Um "vierfüßig" krabbelnde Menschen, die wie bei Kafka quasi verwandelt zwischen dem Mobiliar herumirren, es in Bewegung setzen, sich davonmachen, wenn sie in ihren dunklen Verstecken entdeckt werden.

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Wie eine surreale Filmszenerie mutet die Peeping Tom-Inszenierung an.

Quelle: Herman Sorglos

Und es gibt auch merkwürdige Begegnungen, wo ein junger Mann spürbar einem Älteren ausgeliefert ist. Oder der aus dem Rahmen fallende Vorfahr im permanenten Sein alten Trieben folgt und für gespenstige Irrungen, Wirrungen, Dopplungen sorgt.

Dieses Gastspiel an zwei Abenden auf der mit dunkelrotem Stoff abgehangenen Bühne im Großen Saal vom Festspielhaus Hellerau ist ein echter Gruselsalon der in Brüssel ansässigen Tanz/Theater Kompanie Peeping Tom. Und es mag vielleicht etwas weniger drastisch wirken als die Aufführungen von 2011 mit "32 Rue Vandenbranden", dafür aber noch bohrender, vielschichtiger in den Ahnungen, im Ungesagten, Ungesehenen, Ungehörten. Als geisterten mit den lebendig Begrabenen auch die Ahnen durch den Raum, der mit einem Treppenaufgang und Architekturdetails ein hochherrschaftliches altes Bauwerk assoziiert. Da gibt es bei der "Hausführung" eine kuriose Bemerkung, dies sei ein Theater, in dem schon die Wigman aufgetreten ist, und folgsam-staunend schwenkt die Besucherschar der in alles eingeweihten "Madame" hinterher, die auf allerlei Sehenswertes hinweist.

Worum es an diesem Abend geht? Wer weiß das schon ganz genau, und auch der Titel "For Rent" ("Zu vermieten") spielt mit möglichen Assoziationen. Das aber gehört zu den Geheimnissen der international erfolgreich tourenden Kompanie, wie sie mit Räumen, Orten, Situationen so umgeht, dass sich dabei vieles nur erahnen lässt. Denn vor allem geht es um Eigenheiten, Besonderheiten, Ausformungen des Menschlichen, und dafür sind diverse künstlerische Fähigkeiten ineinander verwoben, die die ungewöhnliche, eigenwillige Kompanie auch prägen. Tanz, Gesang, Schauspiel, Bildende Künste wie auch eine suggestive Klangwelt gehören dazu, und die Zuschauer werden magisch in das Geschehen hineingezogen, sind als Beobachter draußen und ebenso mittendrin. Eine Form des verdeckten, zugleich enthüllenden Spiels, das mit Peeping Tom ja quasi schon avisiert ist.

Das jüngste Stück von Gabriela Carrizo und Franck Chartier - beide haben im Jahre 2000 die in Brüssel ansässige Kompanie gegründet - schafft es erneut, mit kraftvoll-skurriler Behutsamkeit eine Art Gespinst hervorzubringen, das in seinen Bestandteilen höchst verletzlich ist und dennoch unzerreißbar wirkt. Häuser, Schicksale, Geschichten sind darin eingewoben, und wie im Film lassen sich die Geschehnisse vor- und zurückspulen, sind die skurrilen Paare und Gruppierungen in einer Art Zeitschleife mit Konstanten und Variablen zu erleben, wo ein neuerliches Beginnen nicht zwangsläufig auch Veränderungen bringt.

"Madame" (Marie Gyselbrecht) und Hausdiener (SeolJin Kim) sind die mit diversen Irritationen konfrontierten Konstanten, und die jeweiligen "Besucher" - geisternde einstige Bewohner, Nutzer, Hausherren, Neuinteressierte - bringen das gewohnte Gefüge aus dem Gleichgewicht. Beispielsweise auch dann, als die Sängerin Eurudike De Beul von Simon Versnel mit Macht von der Bühne geschoben wird. Und es ist absolut verständlich, dass sie diese - zumal doch justament so wunderbar viel Publikum anwesend ist - einfach nicht missen will. Wer kann schon freiwillig von dem lassen, was ihm gut tut?

Um eine Balance der Gefühle geht es ebenso in der Bewegungssprache des Abends, wo einmal mehr deutlich wird, dass der Mensch ein aufrecht gehender Primat ist. Was aber passiert, wenn ihm jeglicher Halt genommen ist, wenn er ins Schlingern gerät, nach Positionen sucht, an Standfestigkeit verliert? Das sind Momente der Inszenierung, in den irre Metaphern entstehen, und die Tänzer der Kompanie beherrschen das Auflösen bekannter Strukturlinien auf höchst beeindruckende Weise.

Wenn Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden mit dieser jüngsten Produktion von Peeping Tom für eine Deutschlandpremiere sorgt und zugleich mit weiteren Partnern Koproduzent ist, wird auch deutlich, dass das Festspielhaus längst wieder als markante Kulturstätte wahrgenommen wird. Von Künstlern und Veranstaltern gleichermaßen wie von den erfreulich "aufgemischten" Zuschauern. Über die sich jedes Haus freuen kann, wenn sie denn kommen. Eine Besonderheit des Abends ist zudem, dass eine Art Bewegungschor, der sich aus hiesigen Künstlern zusammensetzt, mit in das Geschehen einbezogen ist. Nicht unbedingt dramatisch aufwertend - dafür sorgen dann doch eher die Brüsseler. Doch allein schon die Geste des Einbeziehens ist sympathisch, und fast jeder entdeckt da auch bald Bekannte. Wie Nicole Meier beispielsweise, die sich ja auch als skurril auftretende Darstellerin in Dresden bereits einen Namen gemacht hat.

Gabriele Gorgas

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.03.2012

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