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Finale mit „Die lustige Witwe“

Staatsoperette Finale mit „Die lustige Witwe“

Ein Finale mit Ohrwurmcharakter. „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár hat den Schlusspunkt unter die Jahre der Dresdner Staatsoperette in Leuben gesetzt. Noch einmal jubelte das Publikum. Ab Dezember ist das Musiktheater im Kraftwerk Mitte daheim – zusammen mit dem Theater Junge Generation.

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Nikolay Borchev als Danilo und Damen des Balletts als Grisetten in Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“.

Quelle: Marlies Kross

Dresden. Wir sind pleite, und das macht gar nichts. Wir wahren den Schein und hoffen darauf, dass die Scheine wieder flattern.

Dresden war zerstört, auch die Theater im Zentrum der Stadt lagen am Ende des Zweiten Weltkrieges in Trümmern, aber die Ballsäle in Bühlau etwa, wo die Oper ins Kurhaus kam, oder der Feenpalast in Leuben, wo die Operettenseligkeit allen Entbehrungen zum Trotz schon bald einzog, lockten die theaterbegeisterten Dresdnerinnen und Dresdner bis an den Rand der Stadt.

Mit der Premiere von Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ am 2. Oktober 1947 in Leuben begann trotz mehrmaliger Umbenennungen die einzigartige Geschichte der Staatsoperette Dresden, heute deutschlandweit das einzige Musiktheater seiner Art mit eigenem Ensemble, Orchester, Chor und Ballett.

Jetzt geht dieses Kapitel Dresdner Theatergeschichte zu Ende. Am 17. Dezember feiert die Staatsoperette am neuen Standort, im Zentrum der Stadt, im Kraftwerk Mitte, ihre Eröffnungspremiere. Dann steht Jaques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ auf dem Programm.

Bevor am 17. Juli in Leuben zum letzten Mal „The Rocky Horror Show“ über die Bühne geht, bis Mitte Oktober Gastspiele, Konzerte und Stummfilme mit Livemusik – auch „Die lustige Witwe“ – folgen, wurde jetzt als letzte Premiere Lehárs unverwüstliches Erfolgsstück in einer neuen Inszenierung von Sebastian Ritschel mit Andreas Schüller am Pult des Orchesters der Staatsoperette stürmisch gefeiert.

Einmal gehört, immer im Ohr – so verhält es sich mit den zu Schlagern gewordenen Melodien dieser 1905 in Wien uraufgeführten Operette aus der silbernen Epoche dieses Genres.

Ob die munteren Herren witzig davon singen, wie schwer das Studium der Weiber sei, und dann ganz gendergerecht auch die Damen uns ihre Studienergebnisse singend und tanzend mitteilen, ob es zu Maxim geht, wo der sympathische Lebemann Danilo Danilowitsch die Sorgen des Vaterlandes vergisst, oder ob im sentimentalen Walzerduett Lippen schweigen und Geigen flüstern – die Musik geht ins Ohr. Sie geht auch in die Beine. Lehár kennt sich gut aus in den rhythmischen Raffinessen der slawisch-ungarischen Traditionen und kann auch mal rasant werden à la Offenbach oder ganz opernhaft seiner Verehrung für Puccini freien Lauf lassen. Der Orchestersatz ist stimmig und die Ensemblesätze zum Ende der jeweiligen Akte haben es in sich.

Auch die Handlung hat es in sich, sie ist ja nicht nur lustig, was auch diese Inszenierung beachtet, denn den Typen in der pontevedrinischen Gesandtschaft in Paris steht das Wasser bis zum Hals. Der Operettenstaat ist pleite. Nun kommt aber hier nicht Dürrenmatts alte Dame zu Besuch, sondern die attraktive, reiche Witwe Hanna Glawari. Sie soll als Zeichen seiner Staatstreue Graf Danilo Danilowitsch heiraten und so das Vaterland sanieren.

Der sympathische Lebemann, dem das Vaterland schnuppe ist, will aber nicht aus finanziellen, sondern nur aus Herzensgründen heiraten. Außerdem waren die beiden schon mal ein Paar, so eine Art Königskinder, die nicht zusammenkommen konnten, was auch etwas rührselig besungen wird.

Der Logik Schnippchen geschlagen

Hanna heiratete einen reichen Mann, der stirbt in der Hochzeitsnacht, macht sie reich, enterbt sie aber testamentarisch, wenn sie wieder heiratet, weil dann der Neue alles erbt. Man ahnt es, die Richtigen kriegen sich, die Staatspleite ist noch mal abgewendet, auch alle anderen Irrungen und Wirrungen der Liebe und der puren Lust können weiter gehen. Man ist ja in Paris, und alles geht ganz nach Pariser Art, nicht von ungefähr hat man auch den galoppierenden CanCan „Jetzt geht’s los...“ aus Offenbachs Operette „Pariser Leben“ im dritten Bild eingefügt.

Bis es aber nach flottem Vorspiel des Orchesters auf der Bühne so richtig los geht, erfordert es etwas Geduld. Die wird aber belohnt, wenn dann im dritten Akt die Funken nur so sprühen.

Der Regisseur nimmt das Werk und seine Menschen ernst, daher arrangiert er auch keine üblichen Auf- und Abtritte mit Chorszenen im Halbkreis. Er weiß aber schon, dass in der Operette die Wege immer wieder an die Rampe führen müssen, nur sinnvoll muss es sein. Er entwickelt gemeinsam mit dem Ausstatter Christof Cremer und dem Choreografen Radek Stopka so etwas wie komisches, manchmal auch absurdes Musiktheater, albtraumartige Szenen gehören dazu.

Der Logik muss da so manches Schnippchen geschlagen werden, aber davon lebt ja die Operette.

Die spielt sich hier in Cremers Ausstattung im unterirdischen Tresorraum einer Bank ab. Die Schließfächer allerdings sind leer, nur in denen der Größe XXXXL kann schon mal jemand seinen Rausch ausschlafen.

Wenn dann im zweiten Akt ein Fest im Stadtpalais der Witwe gefeiert wird und vergoldete Jugendstilornamentik an die Zeit der Entstehung des Werkes erinnert, könnte man aber auch den Eindruck gewinnen, hier wird in einem Krematorium gefeiert.

Am Ende lässt sich alles verschönen, die Bank ohne Noten, Münzen und Papiere, wird zum Kabarett, schelmischer geht’s kaum.

Und irgendwann kommt der Gedanke, das spielt sich alles tief unterem Meeresspiegel in einem U-Boot ab und hier feiert jetzt, immer auf Anweisung, eine längst untergegangene, gerade noch mal an die Oberfläche gekommene Gesellschaft ganz fröhlich ihren Untergang und singt sich dabei ein, das sei ihr Aufstieg.

Alle sind korrekt in Schwarz gekleidet, aber wahrscheinlich sind es wirklich nur noch die Kleider, die hier die Leute machen.

Eine Hauptrolle spielt der Kanzlist Njegus, sonst eine Episode, hier der kommentierende, mal rettende und mal auch entlarvende Tanzmeister dieser Totentänze im Dreivierteltakt. Jannik Harneit, androgyn und metrosexuell, Showmaster von Mephistos Gnaden, ein exzellenter Musicaldarsteller, ist das Ereignis des Abends.

Gute Typenbesetzung auch kleiner Rollen

Vanessa Goikoetxea in der Titelpartie agiert und singt mit der Aura einer Operndiva mit kraftvollen, dramatischen Höhen, nicht immer ohne Schärfe. Der Bariton Nikolay Borchev als Danilo mit klangvoller Stimme gewinnt nach anfänglichen Unsicherheiten musikalisch und darstellerisch enorm.

Maria Perlt und Markus Franke geben das Buffopaar Valencienne und Camille de Rossillon, die Sopranistin singt und spielt sich auf Anhieb in die Herzen der Zuschauer, der Tenor verliert angesichts dieser „anständigen Frau“ schon mal die stimmliche Fassung.

Die vielen kleineren Rollen sind toll besetzt, schöne Typen, alle profitieren von den Stilisierungen der Regie und den mitunter gewollten Überspitzungen der Klischees, sehr gelungen die choreografisch und musikalisch grundierte Führung der Personen.

So werden auch die Damen und Herren des Chores bestens präsentiert, die zudem in der Einstudierung von Thomas Runge grandios singen.

Nicht zu vergessen das Ballett, besonders im rasanten dritten Akt, mit den ins Moulin Rouge führenden Choreografien von Radek Stopka.

Das Orchester unter der Leitung von Andreas Schüller lässt es schon mal übermütig krachen oder den Rhythmus atemberaubend dahinfliegen, auf die sanfteren und sentimentalen Klänge muss man nicht verzichten. Die Balancen zwischen der Bühne und dem Orchester sind gut gesetzt.

Ein wenig mehr von der überschäumenden Rasanz des dritten Aktes hätte man sich aber auch schon im ersten Teil des am Ende stürmisch gefeierten Abends gewünscht.

weitere Aufführungen: 10., 11.5.; 28., 29.6.

www.staatsoperette-dresden.de

Von Boris Gruhl

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