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Figur und Raum: Arbeiten des gebürtigen Radebergers Thomas Scheibitz in Frankfurt/Main

Figur und Raum: Arbeiten des gebürtigen Radebergers Thomas Scheibitz in Frankfurt/Main

Wie kann die Realität in Gemälden vorkommen, ohne zu eindeutigen Botschaften zu führen? Und wie können Bilder wirken, ohne die Betrachter zu vereinnahmen? Zwei Fragen, die sich Thomas Scheibitz immer wieder stellt.

Denn die heutigen Maler haben es nicht leicht. Sie sind von großen Vorbildern der Moderne umstellt. Doch der 1968 in Radeberg geborene Künstler "ist einer der innovativsten Maler und Bildhauer der Gegenwart, denn er hat eine neue Form der konzeptuellen Malerei entwickelt" - meint Susanne Gaensheimer. Die Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt am Main stellt jetzt sein Werk anhand von 200 Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Objekten und einer Auswahl aus seinem Archiv vor.

Scheibitz macht das, was das MMK als Grundstock besitzt. Er mixt Pop Art, Minimal- und Konzeptkunst, um die Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion zu durchbrechen. Da ist es schade, dass diese MMK-Konvolute just nicht zu sehen sind und dafür die Foto-Kollektion aus dem Depot gekommen ist. Die Chance zum Vergleich mit den früheren knalligen Motiven und kühnen Formen wurde vertan. Immerhin verweist Scheibitz in der Eingangshalle mit einer fast acht Meter hohen monolithischen Säule auf seine Schau in der dritten Etage. Droben zeigt er seine Annäherung an Figuren, die dem modernen Menschen ähneln - was aber bedeutet, dass er sie auch in geometrische Formen übersetzt.

Eine Malerei, die kaum Vorbilder kennt, auch wenn die konstruktiven Elemente überwiegen. Freilich nennt Scheibitz, der in Dresden bei Ralf Kerbach studiert hat und seither in Berlin lebt, drei Künstler, die ihn geprägt oder beeinflusst haben. Mit seinem unabhängigen Tun regelrecht begeistert hat ihn der Dresdner Konstruktivist Hermann Glöckner, obgleich er deshalb lange als Außenseiter galt. Von A.R. Penck, dem zweiten Dresdner Vorbild, ist ihm vor allem das Frühwerk in der DDR bis zur Übersiedlung in den Westen 1980 und die ersten folgenden Jahre wichtig. Das dritte Vorbild freilich ist zwar in Leipzig geboren, wurde aber im Westen sozialisiert: Der 1977 früh verstorbene Blinky Palermo hat konsequent die Erweiterung der Malerei in den Raum betrieben.

Scheibitz dagegen interessiert sich für die menschliche Figur und den sie umgebenden Raum. Also kein suggestiver Leipzig-Pop, wie Neo Rauch ihn pflegt, sondern kubistisch zerlegte oder kompliziert verschachtelte Motive, gemixt mit purer Farbenlust. Die farblodernde Oberfläche versteht Scheibitz als eine Art lebendiger, durchaus auch strukturierter Haut. Dennoch sind die Motive grundverschieden. "Mosaik" etwa zeigt vor gelbem Hintergrund eine nur in den Konturen umrissene Figur, deren Kopf übersät ist mit einem Netz sich kreuzender Linien. Auf das benachbarte "Portal"-Bild indes würde eher der Mosaik-Titel passen, zeigt es doch ein Fenster in einem Doppelrahmen - eine Reminiszenz an Josef Albers' abstrakte Farbquadrate.

An Scheibitz' Auftritt bei der Biennale in Venedig 2005 als deutscher Vertreter (zusammen mit Timo Sehgal) erinnert ein MMK-Raum, der komplett den Skulpturen gewidmet ist. Hier kann er raumgreifend arbeiten, bemalte und abstrahierte Bäume, Geweihe und Schränke ebenso zeigen wie eine große Figur aus Pappe, die von braunem Paketklebeband zusammengehalten wird. Scheibitz liebt das Tektonische, aber fast genau so wichtig sind die dabei entstehenden Luft- und Hohlräume. Einen Eindruck von seinem Faible für Formen aller Art geben einige Vitrinen aus seinem gigantischen Archiv im Atelier. Scheibitz sammelt Würfel, Kochlöffel, Spielzeugautos, Feuerzeuge, Flaschenverschlüsse und Verpackungsmaterial. Alles wird ihm zum Anschauungsmaterial für seine Kunst.

Doch entschlüsseln lässt sich nur mühsam etwas, obgleich einige Bilder die Namen von Menschen mit interessanter Vita tragen. Immerhin bezeichnet der Ausstellungstitel "One-Time Pad" ein digitales Kodierungsverfahren, das vorwiegend in der Politik zum Einsatz kommt. Dass es kaum zu knacken ist, glaubt man gern angesichts von Scheibitz' ebenso nüchternem wie analytischem Werk. Christian Huther

bis 13. Januar, Museum für Moderne Kunst, Domstraße 10, geöffnet Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr. Katalog 49,80 Euro. Tel. 069/ 21 23 04 47

www.mmk-frankfurt.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.12.2012

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