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Festival „umsonst & draußen“: Heile Welt für wenig Geld

Flanschrock Festival „umsonst & draußen“: Heile Welt für wenig Geld

Nichts bleibt, wie es war – obwohl einige Planer keine Gnade vor der neuen, aber tendenziell eher zeitraubenden sächsischen Frühversommerlichung kennen. So bleibt auch die Dresdner Version von „umsonst & draußen“ – vom Veranstalter schlicht mit „u&d“ abgekürzt, beinhart auf ihrem Kalenderplatz am dritten Juliwochenende – und das ist gut so.

Sugar Ko:ma, die als Lokaltrio eher Richtung Punk driften

Quelle: Andreas Herrmann

Dresden. Die Sommerzeit ist aus den Fugen. Wer die bundesdeutschen Schulferienkalender von 2014 bis 2018 intensiver untereinander und danach mit diversen Spielplänen, beispielsweise von Theatern oder Sportlern vergleicht, hat den Beweis: Nichts bleibt, wie es war – obwohl einige Planer keine Gnade vor der neuen, aber tendenziell eher zeitraubenden sächsischen Frühversommerlichung kennen. So bleibt auch die Dresdner Version von „umsonst & draußen“ – vom Veranstalter schlicht mit „u&d“ abgekürzt, beinhart auf ihrem Kalenderplatz am dritten Juliwochenende – und das ist gut so. Das Motto bedeutet übersetzt: Das Vorglühen draußen beenden, dann umsonst, aber ohne Glasflaschen reinkommen und drinnen per Umsatz das ehrenamtlich gestemmte Fest reamortisieren. Dabei geriet der neunte Jahrgang 2016 kleiner und gemütlicher, sicher auch familientauglicher als die große Vorjahresversion im Hechtpark – nur acht Hausnummern, aber rund zweieinhalb Kilometer westlich gelegen, dafür von urbanen Stadtvierteln fußläufig erreichbar.

Die neue, liebevoll eingerichtete Wiese hinter der Stauffenbergallee 4 direkt hinter dem Ausgang des Tunnels gab sich hingegen lauschig-verwinkelt und erinnert mehr an das Gelände rings um die Garnisonkirche aus den Startzeiten. Der wohl einkalkulierte Nachteil: deutlich weniger Zulauf, zumindest am Samstagabend. Am Wochenende ist die Landesdirektion, so der neue Name des Ex-Regierungspräsidiums, ausgeflogen und Muße für laute Gegenkultur. Wer öffentlich anreisen wollte, lernte so unbekannte Linien wie die 64 und 74 mit leeren Gefährten und netten Fahrern kennen. Der Schenker ist jener Neustädter Verein namens „artderkultur“ – der einst kurz nach der Gründung vor zwölf Jahren auf dem Bischofsweg residierte und nach drei Jahren ohne festen Sitz seit 2011 die „Veränderbar“ auf der Görlitzer betreibt. Er brachte die Idee, seit den 70ern im Westen etabliert, nach Dresden. Und weil sich die Vereinsbesatzung teilweise als „Flanschies“ per Trio der Rockmusik widmet, ermöglichen sie sich und Dresden jedes Jahr das eintrittsfreie Festival – mit neuen Bands, meist aus der Region.

Nach der eher literarischen Eröffnung am Donnerstagabend mit live vertonten Kurzfilmen und der Präsentation der 17. „Maulkorb“-Ausgabe gönnen sich die Gastgeber alljährlich das Eröffnungskonzert am Freitagabend und setzen damit in der Regel schon den musikalischen Höhepunkt, während am Sonnabend, getarnt als Familientag, rund neun Stunden Rockmusik im Stundentaktwechsel auf zwei Bühnen warten. Insgesamt 15 Musikeinheiten – darunter mit Stina Mari Dresdens die amtierende Song-Slam-Stadtmeisterin und mit Trains on Fire, Alberthain und Lord Gecko weitere neue Stadtprojekte – bekamen Freunde junger zeitgenössischer Musik kompakt geboten.

Auch das Erzgebirge war offensiv vertreten: Nicht nur Kellerpunker Dr. Ulrich Undeutsch, der auf dem aktuellen Album „Kartoffeln mal anders“ zur „Karriere bei der Bundeswehr“ und damit zum etwas anderen Friedensgebet lädt, sondern auch die Schwarzenberger Jungs namens Junost machen per „Prototype“ knackigen Spaß, deren weiteren Alternative-Rock-Weg man beobachten sollte. Auch die Leipziger von Goat Explosion haben den Aufstieg noch vor sich, sind allerdings per „Siesta Infernal“ wesentlich düsterer aufgelegt und betreiben mit Heavy Metal ein schwereres Segment, das hier am Dresdner Heiderand nicht so begeistert aufgenommen wurde.

In der Regel bleibt der Beifall für die Combos, meist frisch zusammen und dankbar für den Rahmen, höflich bis zahm, der Einpeitscher namens Tree Dread, der mit Alberthain seinen Auftritt am Freitag als Abschluss hatte, hat wie gewohnt einen schweren Stand, denn „u&d“ ist schon immer mehr eine Redetreff für Sitzende wie Liegende, die sich nicht erheben, wenn auf einer der beiden Bühnen plötzlich Musik einsetzt.

Mehr Interesse weckte Sugar Ko:ma, die als Lokaltrio eher Richtung Punk driften und sich als „musikalisches Nischenprodukt mit tanzbaren Elementen“ und als „katzesk/furios“ bezeichnen, wobei ein Einhorn ihr Wappentier darstellt, dem man besser als Gott glaubt und welches, alt und zickig, auch mal Kameralinsen aufpiekst. Ihre Musik klingt weder komatös noch nach Würfelzuckerweisheit – wer es nicht glaubt: Sie spielen am 22. September im Ostpol.

Auch nicht übel: die Bierpreisinflation mit 25 Prozent Aufschlag zum Vorjahr – dennoch dürfte die Summe bei angenommener gleichen Durst- und Budgetquoten in Absolutzahlen niedriger ausfallen. An den Futterbuden gingen Pommes in Rotweiß am besten, auch wenn der vegane Hotdog-Stand schöner leuchtete. Dazu passend der Abschluss: Italopop mit Itaka, am besten als Chrom-Kassette auf dem Wende-Walkman zu hören.

Dank der Lage hielt sich das massenhafte, aber religionsfreie Jugendpilgern, das die früheren Jahrgänge prägte, arg in ausschließlich radelnden Grenzen. Doch der Ansatz stimmt – angesichts zunehmender sozialer Verwerfungen in Europa, die sich in diversen Festivalsprachmodi widerspiegelt – weiterhin. Umso mehr sollte es ein Pflichttermin für sub- wie soziokulturelle Verantwortungsträger auf Klientelrecherche sein. Die zehnte Folge wünscht man sich, da sich die politische Kaste in Stadt und Land sowohl gegen subtile wie harte Protestformen weitestgehend hartleibig gibt und wenig beim Fußvolk zeigt – wieder in urbaneren Gefilden. Und zum Jubiläum endlich mal die Flanschies als Höhepunkt zum Schluss.

Von Andreas Herrmann

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