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Festival der Freien Szene in Dresden: Neue Synergien im alten Kraftwerk Mitte

Festival der Freien Szene in Dresden: Neue Synergien im alten Kraftwerk Mitte

Kraftakt im Kraftwerk: Die Organisatoren des ersten Dresdner Festivals der freien Szene, das von Freitag bis Sonntag dem alten Kohlestromtempel mitten in Mitte den wohl letzten Kulturakt für mindestens drei Jahre bescherte, würden wohl die ganze Woche zu recht schlafen, wären sie nicht freie Künstler.

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Eine Art Uraufführung: Christina Kraft und Jan Deicke inszenierten "Das Boot - reloaded" über drei Etagen und drei Leitern im alten Abspannturm.

Quelle: Andreas Herrmann

Statt einfach etwas zu besetzen - Berlin liefert aktuelle Beispiele, wie Kultur sich kurzzeitig gegen Kommerz positionieren kann -, ergab sich die einmalige Chance, das morbide Kraftwerk Mitte zu bespielen.

Das Ergebnis nannte sich "Kraftwerk off/on" und war erstaunlich: Rund 100 Künstler und Helfer, unter 40 Labels firmierend, fanden sich zusammen und boten mindestens 60 einzelne, meist kurze Shows an sechs ausgewählten Orten und einen ausgiebigen Rundflug durch die Vielfalt darstellender und Aktionskunst. Zwölf omnipräsente Helfer mit orangener Weste waren immer und überall und wären jetzt reich, würden sie nach Kilometer bezahlt. Doch hier ist Verdienst nicht in Geld messbar; es startete ein erstmaliges Experiment, bei dem selbst das Wetter optimal mitspielte. So hieß es für die knapp 1000 Besucher, mehr oder minder planvoll eintauchen in ein pralles Programm im einzigartigen, liebevoll ertüchtigten Ambiente eines riesigen, zum Großteil morbiden Gebäudeensembles mit dem feuchten Duft selten belüfteter Gemäuer.

Und alle waren sie da und taten mit: Die großen Männer wie Dieter Beckert, Wolf-Dieter Gööck und Rainer König, ewig junge Tänzerinnen wie Katja Erfurth, Martina Morasso und Sabine Jordan, präsente Schauspieler wie Holger Fuchs, Dominik Schiefner und Sascha Mock, bekannte Gruppen wie Freaks und Fremde, Statt-Theater Fassungslos, Die Dramaten oder das Ensemble La Vie - und vor allem die vielen jungen Tänzerinnen der Neuzeit wie Anna Till, Cindy Hammer und Johanna Roggan. Dazu einige Puppenspieler und etliche Musiker - und nicht zu vergessen: Claudia Reh, die per "Echtzeitlicht" mit vier Polyluxen und tropfender Wasserflasche die Fassaden mählich bebilderte. So wie jede vergleichende Bewertung den reichlich Ungenannten unrecht täte, darf einer nicht fehlen: Mitorganisator Utz Pannike, der mit Megaphon das Publikum auf die Künstler verteilte, zu Rundgang und Arbeitsschutzbelehrung einlud und dabei die Anlagen erklärte: In der Maschinenhalle standen einst Maschinen zum Testen, ob der Strom gut genug sei. Und wenn ja, würde damit sofort neuer Strom erzeugt. Und: Das große gelbe Zementsilo sei eine Installation, die eine Fliegerbombe symbolisiere.

Doch es war bei weitem nicht alles lustig: Das Theater La lune nutzte die Fotoausstellung "eingeschlossen:ausgeschlossen", welche bedrückende Schicksale von Flüchtigen erzählt, die um Asyl bitten mussten, und platzierte ihre leibhaftige Recherche zum neuen Projekt "Heimisch" dahinter. Freiwillige wurden mit Deutschlandfahnen gefilmt und nach dem Nötigsten für einen Aufenthalt in der Fremde befragt.

Eine Etage darüber, in der aufgrund kleiner Einzelzellen "Alcatraz" genannten Verteilerstation, spendierten Wiebke Bickhardt und Jule Oeft per Idee zu "We are in...!" eine gemeinsame, aber dennoch individuelle Improvisation vieler beteiligter Künstler unter dem Motto: jedem seine Nische.

Zum Abschluss am Sonntagabend wartete im Tatort Abspannturm eine eindrucksvolle Uraufführung: Theater Nordnordost spielte unter Leitung von Christina Kraft und Jan Deicke "Das Boot - reloaded". Per körperlicher Performance mit viel Kletterei und Metalllärm wurde auf drei Ebenen, aber zumeist an und auf einem dicken Kes- sel hoch oben über dem Publikum, die harte Kriegsarbeit auf einem deutschen U-Boot symbolisiert. Passend und prägnant untermalt von Rany Dabbagh an Keyboard, Gitarre und Apple und mit Jürgen Stegmann als General und Kapitän von acht Mann Besat- zung (darunter vier Frauen), werden die extremen Gemütszustände zwischen eigenen und fremden Treffern bebil-dert. Mit dem überraschenden Öffnen eines riesigen Tores per rasselnder Kette gelingt ein großes Finale - Auftauchen als ein plötzliches Eintauchen in den lebendigen Jahrmarkt auf dem Hof.

Zwei fast öffentlichkeitsfreie Runden werden sicher die nachhaltigsten Impulse setzen: Ein als Symposium getarntes Gespräch mit maßgeblichen Kulturpolitikern aus Stadt und Land sensibilisierte diese für die dringendsten Anliegen der Freien Szene: Ein eigenes Haus für Proben und Auftritte (am liebsten zu Paluccas Ehren in der Kleinen Szene auf der Bautzener Straße) plus eine Stelle für ein Büro des noch jungen Landesverbandes. Der gemeinsame Sonntagmorgen am Lagerfeuer, nach einem stimmungsvollen Samstagabendprogramm, könnte sich alsbald in neuen kreativen Konstellationen und Kooperationen widerspiegeln. Bei einer Fortsetzung im nächsten Jahr an neuem Ort wären aus Besuchersicht nur zwei Dinge zu überdenken: ein eigenständiges Kinderprogramm am Sonntagmittag und ein Festivalpass für echte Freaks.

@www.off-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2013

Andreas Herrmann

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