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Ferien im Kiminismus

Ferien im Kiminismus

"Schule der Freundschaft zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Koreanisch Demokratischen Volksrepublik" lautete ganz offiziell der Name, auf die der Berliner Christian Eisert in jungen (Thälmann-Pionier-)Jahren einst ging, wo er sich beim Besuch einer Delegation aus Nordkorea anno 1988 an der Tafel blamierte.

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Quelle: Ullstein

Aber die regenbogenfarbene Wasserrutsche, die Kim Il-sung (dieses Licht der Sonne, unter dessen weiser Führung das Land ins sozialistische Paradies geführt wurde) seinem Volk schenkte, die faszinierte Eisert nachhaltig. Die Rutsche blieb im Hinterkopf, und 25 Jahre später erfüllte sich Eisert so etwas wie einen Traum: Er machte sich auf, die Rutsche zu suchen - und fuhr mit seiner besten Freundin, der in der Bundesrepublik sozialisierten Fotoreporterin Thranh Hoang, nach Nordkorea.

Aus den Eindrücken und Erlebnissen der 1500 Kilometer langen und sechs Tage währenden Reise durch diese Diktatur strickte Eisert ein Buch mit dem Titel "Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea", das er jetzt, präsentiert von den DNN, in der Thalia-Buchhandlung am Dr.-Külz-Ring vorstellte. Einleitend war zunächst ein Film zu sehen, wo Tänzerinnen anlässlich des 80. Geburtstages der Armee Nordkoreas tanzten und sangen. Die Szenen erinnerten ein bisschen an "Ein Kessel Buntes" oder eine Revue im Friedrichstadt-Palast, die einst auch einen Hauch von Glamour und Weltoffenheit in eine (nicht ganz so) abgeschottete Welt mit dem Etikettenschwindel "Demokratisch" im Landesnamen brachten. Als der Film zu Ende war, ließ Eisert das Publikum wissen, dass die Hälfte der gut 24 Tänzerinnen kurze Zeit später erschossen wurden, wegen "angeblich selbstgedrehter Sex-Videos und Bibelbesitz", wie der Nachbemerkung des Buches zu entnehmen ist.

Eigentlich hätten Eisert und seine Freundin Thranh Hoang gar nicht einreisen dürfen. Beide sind mehr oder weniger Journalisten, in Diktaturen verhasster als Pest und Cholera. Und Nordkorea ist eine Diktatur, wie sie George Orwell kaum hätte schlimmer erfinden können. Das Land mag über Atomraketen verfügen, aber ein Fünftel der 25 Millionen Einwohner hungert - und nicht wenige sitzen als "Volksfeinde" in Straflagern von ähnlicher "Güte" wie die im sowjetischen Archipel Gulag. Die Führung des Staates ist Familienangelegenheit. Auf Kim Il-sung, der laut Staatspropaganda "mehr Mutter als alle Mütter der Welt" war, folgte Kim Jong-il, und als auch der starb, ausgiebig beweint von hysterischen Massen, folgte dann Kim Jong-un. Das nennt man wohl - Kiminismus, äh, Kommunismus hin oder her - Erbdynastie. Es wird seitens der Partei durchaus mal eingeräumt, dass der Lebensstandard in Südkorea höher sei, aber das mache die Menschen nicht glücklich, denn es fehle die moralische Überlegenheit der Nordkoreaner.

All das wusste Eisert, hingeflogen ist er mit gefälschter Biografie - und zwar mit der Freitagsmaschine (es gibt noch eine Mittwochs-Maschine, die Touristen, Geschäftsleute und Funktionäre in die Hauptstadt Pjöngjang bringt) - trotzdem, wenn auch mit einer eingeräumten "Grundparanoia". Begleitet wird man von Herren, die aufpassen, dass einem nichts passiert. Die Reisebegleiter in Staatsdiensten sind so frei, am Ende der Reise auch die Fotos auf der Kamera des Touristen zu betrachten - und all die Aufnahmen zu löschen, die ihnen nicht gefallen, wie Eisert vermittelte. Durch einen Trick konnte er trotzdem einige Aufnahmen retten, die nun im Buch zu finden sind.

Dieses Buch ist komisch - was unorthodox, auf Dauer aber ein nicht mal schlechter Ansatz ist. Darf man über eine Diktatur Witze reißen? An sich hat die Frage ja schon Charlie Chaplin mit seinem Film "Der große Diktator" überzeugend beantwortet. Eisert, born in the GDR, erklärte: "Diktatur ist ja nicht immer, weder beim Orgasmus noch bei Durchfall!" Und noch nie hatte Eisert eine so große Anzahl von Leuten so laut lachen hören, wie beim Auftritt eines Clowns in einem Zirkus in Pjöngjang. Die Komik, mit der er seinem Buch einen ganz eigenen Reiz gibt, ist nicht aufgesetzt, ist nicht hämisch, ist nicht billig. Christian Eisert, der acht Jahre lang Gags für Harald Schmidt schrieb und heute Off-Kommentare für das Sende-Format "Shopping-Queen" verfasst, versteht sein Handwerk. Es reicht völlig, die Absurdität des Alltags zu schildern.

Man erhält erhellende Einblicke in ein Land, das viele Überraschungen bietet: mit Autobahnen fast ohne Autos, mit Hotels, in denen der fünfte Stock fehlt, mit U-Bahnwagen aus Deutschland, in denen in jedem Waggon Porträts von Kim Il-sung und Kim Jong-il hängen und wo, gelernten DDR-Bürger ein Déjà-vu bescherend, noch immer Plakate auffordernd ermuntern "Gemeinsam schaffen wir den Jahresplan".

Christian Eisert: Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea. Ullstein Verlag, 320 Seiten, 14,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.09.2014

Christian Ruf

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