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Ferenc Molnárs "Liliom" als feinsinnige Milieustudie im Kleinen Haus in Dresden

Ferenc Molnárs "Liliom" als feinsinnige Milieustudie im Kleinen Haus in Dresden

Unterschichtentheater in Dresden? Es sind nicht gerade die Gewinner, die der ungarische Dramatiker Ferenc Molnár vor rund hundert Jahren auf die Bühne geholt hat.

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Cornelia Kempers (Frau Muskat), Torsten Ranft (Liliom) und Benjamin Höppner (Ficsur).

Quelle: Matthias Horn

"Liliom" spielt im Schaustellermilieu, wie wir heute sagen würden, und Molnár selbst bezeichnet das Stück als "Vorstadtlegende". Von uns heute wieder nachvollziehbar, seit sich nach 1990 eine soziale Segregation nach Stadtteilen vollzogen hat. Die erste erfolgreiche Aufführung 1913 in Wien verlegte die Handlung allerdings in den Prater. Der Blick hinter die Kulissen des Amüsements für die Besserverdienenden muss umso schärfer gewirkt haben.

In Dresden haben Hausregisseurin Julia Hölscher und Bühnenbildnerin Esther Bialas ganz auf jede Illustration von "Ringelspiel" und Tingeltangel verzichtet. Einzig eine bewegliche schäbige Bühne auf der Bühne, auf der einsam Tobias Vethake von Sound zu Sound melancholisiert, signalisiert ebenso hilflos wie gnadenlos: "The show must gon on!" Wer diesem Business nicht mehr genügt, den räumt diese Bühne demonstrativ aus dem Weg. Mehr Optik braucht es nicht, und es bedarf vielleicht nicht einmal der herumstehenden leeren Bierflaschen, um zu zeigen, wo man ist.

Denn diese Inszenierung setzt ganz auf die Charaktere, auf Typen, die aber nicht als Stereotype erscheinen. Festgelegt nur in ihren Lebensrollen, in ihren ritualisierten Erstarrungen. Eingebaute surreale Endlosschleifen, in denen das gesamte Personarium im Halbdunkel geisterhaft Gewohntes wiederholt, unterstreichen dies. Der Ausbruchsversuch aus diesem in sich kreiselnden Milieu mittels eines Raubüberfalls endet folgerichtig tödlich.

Sie haben eigentlich auch nichts außer sich selbst in dieser äußerlich mageren Existenz, und die aufkeimende Liebe zwischen dem Karussel-Ausrufer Liliom und dem Dienstmädchen Julie wird durch keinerlei bürgerlich Existenzgründungsabsichten oder gar Besitzoptionen gestützt. Die Sehnsucht nach dem einfachen guten Leben schwingt immer mit, aber Moral muss man sich nach dem Fressen erst leisten können. In dieser proletarischen Direktheit sind wir alle erkannt, die wir unsere intellektuellen oder materiellen Sublimierungsmechanismen entwickelt haben. Julia Hölscher macht denn auch überhaupt kein empathieheischendes Sozialdrama aus dem Stoff, sondern erinnert eher an die in uns allen schlummernden archaischen Verhaltensmuster.

Und ein Archetyp ist dieser Liliom allemal. Besonders in der Darstellung durch Torsten Ranft. Ein Vieh einerseits, doch auch von brutalem Charme, lieb und roh, ein Künstler in seiner Grobheit. Muss man die Widersprüchlichkeit einer Person unbedingt auflösen? Cathleen Baumann als Julie versucht das gar nicht erst in ihrer anrührenden Ursprünglichkeit. Die Entdeckung der Sinnlichkeit, die intuitive Koketterie verbindet sie mit Freundin Marie, die Annika Schilling ebenso natürlich und unaffektiert gibt. Das Leben scheint eine Nummer zu groß für Julie. Immer steht sie der Großartigkeit und der Tragik des Unbegreiflichen fassungslos gegenüber, der Liebe, der Mutterschaft, dem Selbstmord Lilioms nach gescheitertem Raubüberfall.

Sogar der völlig amoralische Ficsur wird durch Benjamin Höppner zu einer nachvollziehbaren Figur, obschon er zu jedem Messerstich bereit ist und noch den toten Liliom beklaut. Der ist einfach ganz unten angekommen, ohne Fahrstuhl, und keiner sollte behaupten, so etwas gäbe es heute nicht mehr. Es menschelt ja auch in beinahe brechtischer Weise ein bisschen bei Frau Muskat, der Karusselbesitzerin, bei der erstmals in Dresden zu sehenden Cornelia Kempers nur durch eine manchmal undeutliche Aussprache getrübt. Wolf, bei Benjamin Pauquet ein richtig eitler Schnösel, ist der Aus- und Aufsteiger des Abends, aber eigentlich doch nur eine Karikatur, deren Weg niemanden lockt außer der naiven Marie.

Nach einer ganz ungekünstelt ergreifenden Sterbe- und Abschiedsszene Lilioms und Julies erscheinen die beiden Kiez-Polizisten als Himmelstorwächter und geben Liliom nach 16 Jahren "rosenfarbenem Feuer" die Chance einer Wiedergutmachung an Tochter Luise. Doch die versuchte Annäherung misslingt, Liliom wird im Affekt wieder tätlich, du bleibst doch immer was du bist. Ein treffliches zeitloses Stück über das Missverstehen und die vielen vergeblichen Anläufe des Göttlichen in uns, umgesetzt von einer überaus treffenden Inszenierung. Michael Bartsch

nächste Aufführungen: heute, 26.6., 3.7., jeweils 19.30 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.06.2012

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