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Fellinis „Schiff der Träume“ im Dresdner Schauspielhaus

Poesievoll gelassener Sarkasmus Fellinis „Schiff der Träume“ im Dresdner Schauspielhaus

„Das Schiff der Träume“ ist die letzte Premiere der Amtszeit von Intendant Wilfried Schulz im Dresdner Schauspielhaus. Jan Gehlers Inszenierung ist Abschied und Hommage – an den Film, an das Theater, an Federico Fellini und seinen tief verstehenden Blick auf das Menschengeschlecht.

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Auf dem Luxusdampfer „Gloria N.“ ist eine illustre Gesellschaft unterwegs, um die Asche der Diva assoluta Edmea Tetua vor der (fiktiven) Insel Erimo aufs Meer zu streuen.

Quelle: Matthias Horn

Dresden. Eins zwei drei und schon vorbei (so der Titel einer Inszenierung von 2010) – nunmehr auch die letzte Premiere der Amtszeit von Intendant Wilfried Schulz im Dresdner Schauspielhaus. Sie ist Abschied und Hommage – an den Film, an das Theater, an Federico Fellini und seinen tief verstehenden Blick auf die kleinen Eitelkeiten und großen Irrungen des Menschengeschlechts. So etwa hat Jan Gehler in seiner jüngsten Inszenierung „Das Schiff der Träume“ gedeutet. Seine sehr bildmächtige, musikalisch eindrucksvolle, dabei fast rührend minimalistische Fassung lässt er ablaufen wie auf einem altersschwachen Projektor. Klänge und Farben sind ebenso wichtig wie Worte, die man versteht, auch wenn anfangs italienisch gesprochen wird.

Man schreibt das Jahr 1914, der österreichische Thronfolger ist ermordet, die Truppen der Donaumonarchie marschieren in Serbien. Realität trifft auf Traum. Auf dem Luxusdampfer „Gloria N.“ ist eine illustre Gesellschaft unterwegs, um die Asche der Diva assoluta Edmea Tetua vor der (fiktiven) Insel Erimo aufs Meer zu streuen. Die müsste sich in der mittleren Adria befinden, denn kurz vor dem Ziel nimmt das Schiff serbische Flüchtlinge auf. Doch warum ist man dann, mit einem seltsamen österreichischen Großherzog, der sich hier auch noch als Priester verkleidet, und dessen blinder Schwester an Bord, angeblich in Neapel ausgelaufen?

Wer solche Fragen an dieser Stelle ganz ernsthaft stellt, wird es auch schwer haben, die Verhältnisse an Bord des MS Schauspiel zu verstehen. Da gibt es nur reichlich eine Handvoll Passagiere, die sich manchmal fast verlieren auf dem Oberdeck mit dem Himmel darüber, im Salon mit Flügel und Bühnenvorhang – oder darunter im Schiffsbauch, wo das Küchenpersonal wuselt und ausgerechnet der Kapitän (Sven Kaiser) an Klavier und Keyboard für den Soundtrack sorgt. Für den Generalintendanten Sir Reginald Dongby (Thomas Eisen) dennoch ein weites Feld, zumal er nicht nur seine Stars auf das bevorstehende Requiem einstellen muss, sondern fast ständig auf der Suche nach seiner nymphomanen Kindfrau Violet (Yohanna Schwertfeger) ist und zudem den eingesparten Journalisten als Filmerzähler ersetzen muss. In seiner klaren, trockenen Weise tut Eisen auch kund, dass er die Frau trotzdem bewundert, ohne sich zu erniedrigen, und geht auch vor den Wünschen seiner Diven nicht in die Knie. Zumindest nicht vor der Mezzosopranistin Ines Ruffo Saltini (Anna-Katharina Muck), die also vergeblich auf künftige Rollen insistiert, aber in der berühmten Hypnotisierungsszene zu großer dominanter Form auflaufen darf. Allerdings muss hier mangels Federvieh (alles aufgegessen) der Stummfilmkomiker Ricotin (Kilian Land) herhalten, der daraufhin Eier legt und seine Körpersprache für einige Zeit auf Flügelschlagen, Halsrucken und Trippelschritt gründet.

Auf andere Weise „unterliegt“ der Tenor Aureliano Fuciletto (Jan Maak), als der halbentblößte Frauenliebling den Bogen überspannt und schließlich verspottet wird. Über wahre Grandezza verfügt dagegen die Sopranistin Ildebranda Cuffari. André Kaczmarczyk weiß nicht nur seine wahre Größe mit femininer Eleganz einzusetzen, er bewältigt auch ganz leidlich die gesanglichen Anforderungen, wenn sich Ildebranda in ihre Rollen, z.B. Senta, und am Ende stets in irgendwelche Abgründe wirft, um von den Mitreisenden großartig aufgefangen zu werden. Dazwischen trifft man sich zu Proben, gelegentlich tritt der zu Sprachstörungen neigende Großherzog (Meik van Severen) auf, stets mit Schwester an der Seite, und wohin er gerade blickt, verbeugen sich alle. Er zieht es vor, auf Fragen des Generalintendanten per Dolmetscher zu verkehren und teilt so seine wissende Unwissenheit vom drohenden Verhängnis mit. Gelegentlich erscheint ein als stinkend apostrophiertes, ansonsten folgenloses Nashorn aus dem Schiffsbauch. Gelegentlich darf Ricotin vorspielen, zusammen mit Ildebranda; er macht das ganz rührend, aber leider mit zu wenig Text.

Das alles ist nicht als Klamauk, sondern mit subtiler Komik in einem fantasievoll historisierenden Rahmen inszeniert (Bühne: Sabrina Rox, Kostüme: Irène Favre de Lucascaz). Kaiser beweist sich darin vorzugsweise musikalisch als Kapitän. Seine klassischen, auf das historische Milieu passenden, aber dabei durchaus zeitgenössischen Parts, bis hin zur Verschmelzung von Requiem und Europahymne, sind zum Teil mit überraschender Präzision erarbeitet, insbesondere das Flaschenblaskonzert, bei dem jeder seine nur ein oder zwei Töne jeweils zur rechten Zeit einbringen muss, und die Chöre. Denen gibt Lou Strenger (ansonsten einen unberechenbar kernige blinde Prinzessin oder flinke Küchenhilfe) mit ihrer stimmlichen Präsenz und Intonationssicherheit verblüffenden Glanz. In dieser unspektakulären Draufsicht auf menschliche Eitelkeiten bereitet sich der Boden für den ebenso unspektakulären Umschwung der Geschichte. Die serbischen Flüchtlinge werden hier von einer Gruppe ganz in Graublau gekleideter Kinder dargestellt, die u.a. mit ihrem sanften Gesang die Herzen der Reisenden und der Zuschauer im Sturm erobern. Wie nebenbei werden die aufs Original passenden, herablassenden, feindseligen, vorausschauenden Einlassungen bezüglich der Flüchtlinge zitiert.

Danach geht alles sehr schnell, jedoch ohne äußerste oder äußerlich dramatische Zuspitzung. Ein österreichisches Kriegsschiff als Scheinwerferfront, so übermächtig, dass kein Verhandeln möglich erscheint. Die Asche der Diva wird zu Nebel im Nebel. Die Kinder gehen mit Schwimmwesten von Bord des Passagierdampfers, der nach Ankündigung des Generalintendanten („Es werden viele gerettet werden“) still zu sinken beginnt. Übrig bleiben die Prinzessin und der Komiker, doch auch diesmal wird der von Ricotin hervorgezauberte Mövenflaum als vermeintlicher Glücksbringer vom Winde verweht. Gehler huldigt nicht nur einer hintergründigen Poesie, er hat dabei auch in Gelassenheit eine seltsam berührende Form, das heißt zu einem poesievoll gelassenen Sarkasmus gefunden, um gesellschaftlichen Realitätsverlust zu versinnbildlichen. Er meidet die plakative Zuspitzung, und ich finde, er beruft sich dabei mit Recht auf die blinde Prinzessin. Denn was nützt es, wenn die Wirklichkeit optisch immer schärfer sichtbar wird, wenn Herz und Verstand zu wenig an der Wahrnehmung und Verarbeitung beteiligt sind. Und was nützt es andererseits, einfach blind zu glauben, am Ende müsse schon alles gut werden.

Nach einigem Zögern doch großer Beifall und Bravorufe, zuerst für die Kinder.

Aufführungen: 26.3., 2., 7. und 30.4., 3.5., Schauspielhaus

Von Tomas Petzold

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