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Felix Mitterers Musical "Die Weberischen" im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen

Felix Mitterers Musical "Die Weberischen" im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen

Wer bei dem Titel "Die Weberischen" ans Hauptmann-Jahr denkt, liegt eindeutig falsch. Das zum Musical aufgepeppte Stück des österreichischen Erfolgsautors Felix Mitterer wurde vielmehr angeregt vom Wiener Mozartjahr 2006 und mit großem Erfolg erst im Museumsquartier, später in der Volksoper aufgeführt.

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Mutter Cilly (Olaf Hais) führt ihre Töchter (Lilli Jung, Gabriele Rothmann, Fiona Piekarek und Anna Marie Lehmann, v.l.) mit strenger Hand.

Quelle: Theater Bautzen

Es handelt von der "ganzen Razza" (Kaiser Joseph II), mit welcher der geniale Komponist mehr oder weniger (glücklich) verbandelt war, respektive einer kongenialen Idee von Emanuel Schikaneder, nämlich den musikalischen Nachlass der frisch gestorbenen Leiche Mozart in einem Benefiz-Singspiel zugunsten der von Armut bedrohten Witwe Constanze zu verarbeiten. Schikaneder selbst schlüpft in die Rolle der Matriarchin, die sich selbst als "Muttersau" bezeichnet und um den Unterhalt für sich und ihre vier munteren Töchter besorgt ist. Es geht vordergründig um eine Handvoll Frauen, die konkurrierend, konfliktreich und doch gemeinsam heftigste Schläge des Schicksals ertragen, um sich schließlich von ihm besonders begünstigt zu sehen.

Ob die lustvolle Ausbreitung des Sinnen-, Seelen- und Familienlebens der mehr oder weniger musikalischen Karrieren ebenso talentierter wie ansehnlicher junger Damen mehr einbringen kann als reichlich Gelegenheit für den Prinzipal, seine knackigen Schauspielerinnen zu befummeln, ist eine Frage, die sich auch heute nicht absolut positiv beantworten lässt. Sie provoziert vielmehr einen sarkastischen Kommentar, der auch gleich mitgeliefert wird, nämlich in Form radikal desillusionierender Texte der (in Wien leibhaftig präsenten) Tiger Lillies und ihrer schrägen, zwischen Tom Waits, Gypsy und Punk bänkelnden Musik.

Intendant Lutz Hillmann, der das Stück jetzt auf die Bühne des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen geholt hat, bringt mit den Faktoten unter Tasso Schille eine hauseigene, durch Dresdner Gäste (Tom Götze, Christian Patzer) verstärkte Band, in der mindestens zwei clowneske Countertenöre wetteifern, die aber auch das Orchester für die zahlreichen Mozartzitate (zumal aus Klarinettenkonzert und "Zauberflöte") hergeben muss. Er hat eine Menge Komparsen, die erst beim Schlussbeifall auffallen, aber natürlich nicht die Wiener Starbesetzung (in der die früher auch einmal in Bautzen tätige Tanja Schleiff als Constanze zu erleben war).

Doch daran liegt es sicher nicht (allein), wenn seine zur Premiere zumal vom jüngeren Teil des Publikums umjubelte Inszenierung ein Achtungserfolg bleibt. Dieses offenbar für ein ganz bestimmtes Publikum geschriebene "Volks"-Stück in ein ganz anderes Umfeld zu bringen heißt, ihm über weite Strecken die Angriffsfläche zu nehmen. Mitterer treibt ein raffiniertes Spiel mit Vorurteilen, die er gegeneinander ausspielt, konfrontiert unterschiedliche Wertvorstellungen, jongliert geschickt mit Legenden und verbürgten Überlieferungen. Zwar bei weitem nicht so böse, wie das ein Thomas Bernhard oder eine Elfriede Jelinek getan hätten, aber immerhin steht da wenigstens einmal ein Satz wie "Wien hat Mozart vergiftet".

Die lustvolle Entlarvung hat auch in Bautzen ihren Unterhaltungswert, aber keinen echten Bedarf, sie hat nichts mit Nestbeschmutzung zu tun und entfaltet so auch kaum schwarzen Humor, wenn man davon absieht, dass Mozart hier nicht nur als Puppe auftritt, sondern seinen Tod als letzte Kunstübung besingt, bevor er (Jonas Lauenstein) als Toter eine schwarze Zunge herausstreckt. Hillmann historisiert die Kontraste, indem er in einer spätbarocken, offenbar Schikaneders Freihaustheater imitierenden Kulissenbühne und entsprechenden Kostümen (Ausstattung Miroslaw Nowotny) spielen lässt. Olaf Hais hat da als thronende Glucke im riesigen Reifrock die Familienszenerie mit glaubhafter Autorität im Griff, nur fehlt etwas das pointierte Changieren zwischen den ja eigentlich zwei Rollen, in denen er sich zum Eingreifen gezwungen sieht.

Etwa wenn die zarte Sophie (Fiona Piekarek), die ihre im Grunde gar nicht pikante "Qualifikation" als Leihgabe an den Kurfürsten erwirbt und sich fürderhin immer wieder mit Stricknadeln behelfen muss, um endlich doch den Diplomaten Nissen zu ehelichen. Constanze (Anna Maria Lehmann) fühlt sich zurückgesetzt und als Lückenbüßerin, hat es aber auch faustdick hinter den Ohren und liefert sich die heftigsten handgreiflichen Auseinandersetzungen mit der beneideten Aloisia, selbst dann noch, wenn sie heftig in Wehen liegt. Lilli Jung darf sich prachtvoll zickig und arrogant geben als werdende bzw. gestresste Diva, am Ende schafft sie es aber trotzdem, Aloisias zurückgedrängte Gefühle für Mozart zu zeigen und Bewunderung gegenüber Schwester Josepha. Gabriele Rothmann spielt diese als Biedere im Schwesternquartett, aber eine Inkarnation der ersten Königin der Nacht kann sie natürlich nicht liefern.

Insgesamt reichen teils achtbare Adaptionen knapp für Ironie, nicht zur musikalischen Parodie. Was die Faktoten-Band zum Schein und ein wenig unangemessen in Vorhand bringt. In Wahrheit aber erscheint nun Mozart auf dem Sockel einer Nurzumenschlichkeit, von dem ihn wahrlich niemand herunterstoßen kann. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: heute, 16. und 18. März

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.03.2012

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