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Fehlende Sternstunden

Fehlende Sternstunden

Was war, was wird? Was war herausragend, wo konnten Erwartungen dagegen nicht erfüllt werden? Auch im Kulturbereich wird mittlerweile oft und gern nach Höhepunkten und Enttäuschungen gesucht, die eine Saison, ein Jahr, eine Spielzeit geprägt haben.

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Michael Ernst

Quelle: privat

Eine Aufgabe, der sich nun im Sommer in lockerer Folge auch Autoren der DNN-Kulturseiten stellen. Sie fassen ihre ganz persönlichen Favoriten und Impressionen zusammen, erzählen in komprimierter Form von ihren Eindrücken zwischen Bravos und Kopfschütteln. Es ist mehr ein Rück- als ein Ausblick, und er soll subjektiv und damit streitbar sein. Vielleicht ein Anlass, auch als Leser vor diesem Hintergrund sein ganz persönliches Resümee zu ziehen - oder sich bewusst mit dem Fazit unserer Autoren auseinanderzusetzen. Heute erinnert sich Michael Ernst.

Das herausragende Ereignis

Ist wirklich schon wieder ein ganzes Jahr vergangen? Und es gab tatsächlich kein herausragendes Ereignis, das die Ereignisse der vorvorigen Saison getoppt hätte? Hier liegt eine Gefahr, wenn man sich überwiegend in derselben Liga bewegt. Man wird verwöhnt. Herausragend war vielleicht die Selbstverständlichkeit, mit der die Sächsische Staatskapelle ihre erste Saison mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann in- und außerhalb von Dresden abgespult hat. Nicht minder herausragend die Selbstverständlichkeit, mit der die Dresdner Philharmonie und Michael Sanderling ihren "Dresdner Klang unterwegs" offeriert haben. Herausragend, wie die Stadt mit dem Kulturpalast umgeht - der ist nun schon ein Jahr lang geschlossen, ohne dass sich was tut. Herausragend aber auch, was das Staatsschauspiel in seinem hundertjährigen Schauspielhaus gestemmt hat. Am herausragendsten dabei allerdings die großartigen Gastspiele.

Nachhaltig herausragend sind und bleiben Initiativen wie die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch (gehen Ende September in die vierte Runde) und der in der Doppelstadt Görlitz - Zgorzelec zum europäischen Begegnungszentrum wachsende Meetingpoint Music Messiaen. Beide Projekte wären ohne das unermüdliche Engagement einiger für die Sache "brennender" Menschen nicht denkbar.

Überraschendster Künstler

Man soll sich ja nicht selbst zitieren, aber: Wer nicht überrascht, ist kein Künstler. Oder?! Wer nicht überrascht, soll in die Politik, in die Wirtschaft oder am besten gleich ins Finanzamt gehen.

Demnach wäre selbst Edward Snowden ein Künstler, denn der hat nicht nur seine einstigen Brotgeber überrascht (mit Enthüllungen), sondern auch europäische Regenten (mit allseits bekannten Wahrheiten). Was, wir werden bespitzelt?! Tolle Überraschung - Ein Opernstoff, immerhin. Für Leute, die Orwell und Huxley schon vergessen haben. Hier wäre ein Verdi vonnöten!

Richard Wagner, einst ja auch im humanistischen Sinne revolutionär angehaucht, überrascht nicht mehr. Wohl aber die Hervorbringungen zu seinem 200. Geburtstag. Viel Überflüssiges dabei (der Buch- und Tonträgermarkt quillt über), manch Gutgemeintes (Radebeuls "Liebesverbot" etwa) und einiges, das die Entdeckung gelohnt hat (wie zum Beispiel "Wagners Welt: Dresden" in Graupa).

Enttäuschte Erwartungen

Man hätte sich eine exzellente Wagner-Ehrung in Sachsen gewünscht. Hier hat er viel Zeit seines Lebens verbracht, hier hat er große Teile seines Werkes geschaffen. Wie wird damit umgegangen? Wenig Absprache, viel Verzetteltes. Sein Hauptwerk "Der Ring des Nibelungen" findet gar nicht erst statt, vom so späten wie zaghaften Versuch einer Deutung in Leipzig mal abgesehen. Der in Salzburg gezeigte "Parsifal" geriet szenisch zur großen Enttäuschung und wird schon längst nicht mehr mit Vorfreude an der Semperoper erwartet, Dresdens "Holländer" hat da nicht überzeugend entschädigt. Leipzigs "Ring für Kinder" allerdings war ein Ereignis.

Was fehlte in der Saison?

Ein paar Sternstunden des Jazz. Mitreißende Energie, um Dresdens Lethargie zu überwinden. Aktive Bereitschaft, die Kulturstadt nicht nur als Lippenbekenntnis zu sehen. Kulturpolitik, die diesem Namen gerecht wird.

Dann wären vielleicht auch ein Konzerthaus, ein echtes Podium für zeitgenössische Literatur, mehr Podien für die bildende Kunst der Moderne sowie der offene Blick aus den durchaus respektablen Traditionen dieser Stadt heraus ganz weit nach vorn möglich.

Was noch fehlt(e), ist die Einsicht vieler Menschen, in einer Kulturstadt zu leben und dem verantwortungsbewusst auch gerecht zu werden - also nicht jede neue Idee nur zu zerreden, nicht allen Müll an Elbufern und in Parks liegenzulassen, nach Konzert- und Theaterbesuchen nicht gleich wieder mit Vandalen-Niveau an der Garderobe zu drängeln, zu granteln...

Worauf ist die Vorfreude groß?

Immer noch und immer wieder: auf den Mut zu Visionen, zu Aufklärung, die im Alltag gelebt wird, auf ein grundsätzlich kulturvolles Miteinander. Auf eine reizvolle Gesprächskultur. Auf ein Ende wettinischer Raubzüge.

Vorfreude aber auch auf die Internationalen Schostakowitsch Tage in Gohrisch (27.-29. September), auf fortgesetzte Richard-Pflege (das Wagner-Jahr ist ja noch nicht zu Ende, das Strauss-Jahr 2014 verspricht einen würdigen Anschluss), auf ein Kultur-Kraft-Werk Dresden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.07.2013

Michael Ernst

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