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Fehlende Sahnehäubchen: Mozarts "Idomeneo" in der Semperoper kann nicht überzeugen

Fehlende Sahnehäubchen: Mozarts "Idomeneo" in der Semperoper kann nicht überzeugen

Hatte Richard Wagner Recht, als er gesagt haben soll, Mozarts Oper "Idomeneo" sei langweilig? Um Gottes Willen, Mozart und langweilig, unmöglich, Wagner irrt, oder er hat eine schlechte Aufführung gesehen.

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Idomeneo (Wookyung Kim) will seinen Sohn Idamante (Anke Vondung) opfern, um die Götter zu besänftigen.

Quelle: Matthias Creutziger

Das kann ja passieren. Zur Premiere von Mozarts Oper in der Semperoper blieben eh schon einige Plätze leer. Nach der Pause waren es noch mehr. Alle, die den Abend überlebt hatten, spendeten freundlichen Applaus, sicher nur, weil die Zeit schon vorangeschritten war, fiel der für einen Premierenabend aber etwas mager aus.

Ob alles besser verlaufen wäre, wenn man die "Bedienungsanleitung", wie sie Operndirektor Eytan Pessen für das Programmheft verfasst hat, zuvor öffentlich verlesen hätte, etwa wie im Flugzeug, pantomimisch kommentiert? Oder wäre da erst recht Verwirrung aufgekommen? Denn Pessen verwendet gern kulinarische Vergleiche, Mozarts Oper als Menü, die Rezitative als Hauptgang, die Arien als Dessert, die Sahnehäubchen.

Um im Bild des Operndirektors zu bleiben, an Raffinessen der Zutaten fehlt es in der Musik dieser Oper nicht. Und in der Tat, diese Rezitative, ob in der erzählenden Form als recitativo secco, vom Hammerklavier und Violoncello begleitet (Johannes Wulff-Woesten und Simon Kalbhenn), oder noch stärker der Handlung und den Emotionen verbunden, als recitativo accompagnato, mit den Instrumenten der Melodie oder des ganzen Orchesters, sind in ihrer Kunst der Charakterisierung und der Schilderung seelischer Zustände weit mehr als bloße Mittel zur Erzählung einer Handlung. Und die mag zu Zeiten der Uraufführung 1781 in München den Opernbesuchern bekannter gewesen sein als heute.

Dafür kann man den Text über der Szene mitverfolgen. Und so lässt sich ganz gut mitbekommen, worum es geht, kurz nach dem Trojanischen Krieg, wenn die Kreter ihren siegreichen Herrscher Idomeneo erwarten und Ilia, die trojanische Königstochter, als Gefangene in einen Gefühlssturm gerät, denn sie liebt Idamante, den Sohn des Siegers. Der liebt sie auch und feiert den Sieg seines Vaters daher nicht ganz uneigennützig, indem er allen gefangenen Trojanern die Freiheit schenkt. Das alles wäre Grund zur Freude, brächte nicht ein Bote die Nachricht, dass der siegreiche Idomeneo im Sturm ums Leben kam.

Aber der Sturm, mit dem der König kämpft, ist anderer Art, mit Poseidon, dem Meeresgott, hat er um der eigenen Rettung willen ein Menschenopfer ausgehandelt und das soll der erste Mensch sein, dem er an Land begegnet. Götter sind grausam. Es ist der eigene Sohn Idamante. Nun beginnt ein Spiel aus Intrige, List, Betrug und Diplomatie - und das Volk will ein Opfer, denn das Glück der Sieger ist dahin, Giftwolken verpesten das Land, die speit ein Seeungeheuer aus. Idamante kann es besiegen und entfacht den Zorn Poseidons erneut. Idomeneo muss handeln, Staatsräson und politisches Überleben gehen vor, was heißt hier Sohn, was heißt hier Liebe. Die siegt aber doch, fast jedenfalls. Idamante ist bereit, sich zu opfern für das Wohl des Volkes, der König hebt wie Abraham das Messer gegen den Sohn. Ilia aber will sich für den Geliebten opfern und wehrt das Morden ab.

Bei so viel menschlicher Größe spürt auch ein Meeresgott seine menschlichen Seiten, kein Menschenopfer mehr befiehlt der nasse Gott, nur Buße. Idomeneo soll abtreten, Idamante soll herrschen, Ilia königliche Gattin sein. Da geht nur eine leer aus: Elettra, die nun ihre Hoffnungen auf Idamante endgültig begraben kann. Das macht sie auch mit einer furiosen Rachearie, die sie in der Wiederholung in rasanter Steigerung bringt. Rachel Willis-Sørensen, bis dahin eher von schnippischer Siegesgewissheit und gesanglich etwas zurückgenommen, sorgt für den Höhepunkt des langen Abends und weckt die Neugier auf weitere Begegnungen mit der neu engagierten Sopranistin.

Idamante, ursprünglich für einen Kastraten geschrieben, auch von Tenören gesungen, ist die Mezzosopranistin Anke Vondung. Die trojanische Prinzessin Ilia ist Elena Gorshunova. Beide Partien, von Mozart mit vielen Facetten der Emotionen ausgestattet, bleiben am Premierenabend etwas blass. In der Titelpartie gibt Wookyoung Kim eine glaubhafte Charakterstudie. Mert Süngü singt die kleine Partie des Oberpriesters und Timothy Oliver als Arbace wird leider nicht ganz glücklich mit den Koloraturen seiner Arie. Von "protzenden Kehlen", wie sie die "Gebrauchsanweisung" im Programmheft ankündigt, kann an diesem Abend nicht die Rede sein.

In der Einstudierung von Pablo Assante beglückt der Staatsopernchor, als Handlungsträger oder kommentierend, da meint man erschütternde Passagen aus Mozarts Requiem vorauszuhören. Szenisch wirken die Auftritte weniger glücklich, wie überhaupt sich die erklärungsbesessenen Ideen des Regisseurs Michael Schulz im Bühnenbild von Kathrin-Susann Brose rasch erschöpfen. Auf einem breiten Holzsteg unter zur Bühnentiefe führenden neutralen Rahmen, die an barockes Gassentheater erinnern könnten, müssen immer wieder grünliche Gestalten alles, was ohnehin gesungen wird, noch einmal in schlicht choreografierten Assoziationsbildern kommentieren. Das machen die Tänzerinnen und Tänzer der Komparserie engagiert und genau, auch mal mit Humor, wenn sie etwa mit Taucherflossen als Meereswesen durch die Szene platschen. Immer wieder werden sturmbewegte Meeresbilder in die Szene projiziert, das ist nicht ohne optischen Reiz, allein die Stürme der Musik und des Gesanges ersetzt das nicht.

Julia Jones am Pult der Staatskapelle bleibt in sicheren Fahrwassern. Mag sein, dass ihr weicher Musizierstil mitfühlend ist, mitreißend ist er zu selten. Also gehen die Blicke schon mal über den Text hinaus, etwas höher, zur Fünf-Minuten-Uhr der Semperoper.

Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen: 2., 6., 13., 17.12.

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.12.2012

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