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Faustisch: Uraufführung der Oper "Dorian Gray" in Bratislava

Faustisch: Uraufführung der Oper "Dorian Gray" in Bratislava

"Er verspürte ein wildes Verlangen nach der unbefleckten Reinheit seiner Knabenzeit - seiner lilienweißen Knabenzeit", so Dorian Gray im letzten Kapitel der Novelle "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde.

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Dorian Gray (Eric Fennell) ist maßlos in seinen Ansprüchen. Dem Schicksal entgeht er aber nicht.

Quelle: Jozef Barinka

In der Oper der slowakischen Komponistin Lubica Cekovská mit dem Libretto von Kate Pullinger, in der Inszenierung der Uraufführung des Slowakischen Nationaltheaters von Nicola Raab, irrt nach kurzer Einleitungsmusik, wenn der Maler Basil gerade sein verhängnisvolles Porträt vollendet, ein knabenhafter junger Mann in Matrosenkleidung, wie sie nicht selten in Knabenchören üblich ist, durch die Szene, die das Atelier darstellt und dennoch seitlich einen Blick frei gibt auf einen Baum. Die Ausstatterinnen Anne Marie Legenstein und Alix Burgstaller eröffnen damit einen Assoziationsraum, in dem der paradiesische, natürliche Urzustand jenen Räumen weicht, in denen künstliche Scheinbilder produziert werden. Es wird ein Raum sein auf der Drehscheibe des Theaters, in dessen Kunstwelt Platz ist für die Stationen des unaufhaltsamen Abstiegs des schönen und reichen Dorian Gray in seinem Doppelleben zwischen eleganten Salons und dreckigen Spelunken.

In den 16 Szenen der dreiaktigen Oper werden die Blumen des Bösen blühen. Musikalisch wird sich am Ende ein Kreis schließen, die helle, unschuldige Knabenstimme vom Beginn ist noch einmal zu hören mit der kantilenenhaften Vokalise, die sich im Verlauf des Dramas immer mehr verändert hatte, zunächst in dissonanter Mehrstimmigkeit bis hin zu technisch verfremdeten Angst- und Schmerzensschreien.

Dorian Gray, angetrieben durch den mephistophelischen Charme des Zynikers Lord Henry, wird in dieser faustischen Handlung, wie sie Wildes Novelle vorgibt, seine Seele verkaufen, in Form seines Bildes, und wird künftig als lebendiges Abbild, das nicht altert, ein skrupelloses Leben führen. Sein Bild hingegen wird altern, es wird sich verändern unter den Zeichen der Wahrheit. Gray bleibt in der Lebenslüge jung. Er richtet andere Menschen zugrunde. Seinetwegen nimmt sich die junge Schauspielerin Sybil Vane das Leben. Als der ihm verfallene Maler Basil ihm ins nicht vorhandene Gewissen reden will, wird Gray zum Mörder. Und auch am Tod weiterer Menschen wird er direkt oder indirekt schuldig sein.

Gray inszeniert sich und sein Leben, er wähnt sich als Künstler, daher die Maßlosigkeit des Anspruches, aber er schafft kein einziges Kunstwerk, er rafft lediglich zusammen, was andere geschaffen haben. Er ist bestenfalls ein Schmierenkomödiant, daher lässt ihn die Regisseurin jene Schauspielerin auf dem Theater im Theater demütigen. Selbst am Ende, wenn er den letzten Blick auf das vor aller Welt verborgene Bildnis wirft, muss er sich der Schminkfarben bedienen, um endlich das zu ihm gehörende Gesicht anzunehmen und um dann, als wäre es ein komisches Versehen, sich selbst anstelle des Bildes zu zerstören. Ein wahrhaft theatraler Tod, nicht ohne absurde Komik.

Es ist Lubica Cekovskás erstes Werk für das Musiktheater. Für das Erschrecken über die Blicke in den Abgrund menschlicher Seelen findet sie sensible Klänge, ihr erzählender und auch illustrierender musikalischer Gestus macht das Zuhören und das Verfolgen der komprimierten Handlung nicht unnötig schwer. Mitunter ist ihre Klangsprache sehr direkt, unterhaltsame Walzermotive im Vorstadttheater und im Gegensatz dazu sehr feinsinnige Melodik im Monolog der jungen Schauspielerin Sybil Vane, entfernte Erinnerungen an den ersten Eindruck des Motivs der Knabenstimme. Wenn ein Knabe in billigem türkischem Outfit für Grays geile Männergesellschaft tanzt, wabert revuehafter orientalischer Schwulst aus dem Orchester, ähnlich von Lügenklängen durchzogen ist die Musik im Bordell, wo opiumbenebelte Männer und Frauen wie Fleischware behandelt werden.

Es ist nicht zu überhören, dass die Komponistin eine intensive Beziehung zur Musik von Janácek und Britten hat, dass sie sich weniger an den Meistern der atonalen Moderne aus Wien orientiert, und dabei ist, ihren eigenen Weg zu gehen, in dem sie sich die Melodik und die Verwendung traditioneller Opernformen nicht verbietet.

Diese Uraufführung hat auch eine gelungene musikalische Seite. Die Varianten des Klangspektrums werden durch den jungen englischen Dirigenten Christopher Ward herausgearbeitet, das Orchester der Slowakischen Nationaloper folgt da mit spürbarem Engagement. Das gilt auch für ein rollengerechtes Ensemble, wie beispielsweise Ján Galla als Maler Basil oder die ausgezeichnete Sybil Vane im Spiel und im Gesang von Helena Becse-Szabó, den Tenor Eric Fennell in der Titelpartie und vor allem für den Bariton Aleš Jenis als Lord Henry: markante Stimme, bemerkenswertes Spiel, eben ein Mephisto, als Dandy getarnt. Das letzte Wort behält er allerdings nicht, wenn Terézia Kružliaková als treue Haushälterin Grays am Ende, nach dessen selbsterlösendem, tödlichem Kunststück, hilflos in die Höhe schaut, dann immerhin, als sängen die Engel im Himmel ihr "Gerettet", fällt ein heller Lichtstrahl aus dem Theaterhimmel auf die treue Seele der Mrs. Leaf. Darf man schmunzeln? Unbedingt!

iweitere Aufführungen: 13.12.; 20.2., 5.4, 5.6 2014;

www.snd.sk

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.11.2013

Boris Gruhl

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