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„Faust rockt“ in der Pauli-Ruine bietet viele Augenblicke, die zum Verweilen einladen

Lachen Sie sich ins Händchen! „Faust rockt“ in der Pauli-Ruine bietet viele Augenblicke, die zum Verweilen einladen

Da rackert sich ein ebenfalls nicht ganz untalentierter Johann Wolfgang von Goethe jahrzehntelang ab und bringt doch nur einen vergleichsweise trockenen „Faust“ zustande, während ein österreichischer Kabarettist namens Manfred Tauchen denselben Stoff locker aus dem Ärmel schüttelt.

Eher amüsant als martialisch: Mephisto (Martin Rosmanith) erscheint Faust (Rainer Leschhorn) als Pudel.

Quelle: A. Rabe

Dresden. Da rackert sich ein ebenfalls nicht ganz untalentierter Johann Wolfgang von Goethe jahrzehntelang ab und bringt doch nur einen vergleichsweise trockenen „Faust“ zustande, während ein österreichischer Kabarettist namens Manfred Tauchen denselben Stoff locker aus dem Ärmel schüttelt. Und sich nicht vor dem obligatorischen Happy End drückt. Ebenso obligatorisch sollte ein Besuch in der St.Pauli-Theaterruine für alle sein, die sich vom Schul-Faust emanzipieren, vom Regietheater kurieren und sich endlich einmal ins eigene Fäustchen lachen wollen. Oder genauer ins Händchen, denn dieser Doktor Faustus schreibt in stellvertretender Nachschöpfung goetheschen Ringens an seinem Großwerk „Die Hand“.

In der einzigartigen Dresdner Kirchenruine war am Sonnabend nach den Nibelungen im Mai nun ein „Goethical“ dran, das den Titel „Faust rockt“ ganz und gar verdient hat. Denn Faust I gerät hier zu einer Revue, bei der die überhaupt nicht laienhaft agierende Truppe des Theatervereins erstaunliche sängerische und instrumentale Fähigkeiten offenbart. Einzig Yvonne Dominik als das durchaus handfeste Gretchen ist ausgebildete Sängerin und zeigt das auch. Neben der souveränen musikalischen Leitung von Matthias Krüger am E-Piano, der über zwei Spielstunden kein einziges Notenblatt benötigt, treten auch Mephisto alias Martin Rosmanith an der E-Gitarre und Rainer Leschhorn als der alte Faust mit der Querflöte rockend und jazzend in Erscheinung. Wer im Einzelnen für die Komposition der eingängigen, aber keineswegs banalen Songs und Couplets verantwortlich zeichnet, hätte man aus dem Programmzettel gern näher erfahren.

Auch der ungenierte Umgang von Autor Tauchen mit Stoff und Goethescher Vorlage verrät Esprit und gerät nie zur Klamotte. Stammregisseur Jörg Berger nimmt Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung genussvoll auf und lässt gleich zu Beginn Gottvater als Weltenwerker im „Weißmann“ aus der Unterwelt steigen, während Mephisto hoch droben am Turm erscheint. Der vollbärtige Karl M.Weber, schon in vielen Rollen in St.Pauli zu sehen, gibt den nach seinem Schöpfungsplan suchenden Demiurgen wie einen zerstreuten Professor. Mephisto im knallroten Body will gar nicht diabolisch überzeugen, denn er ist eigentlich zu nett für diesen Höllenjob und wird am Ende auch gekündigt. Faust herumzukriegen ist seine letzte Karrierechance. Die scheint mit dem alternden Faust I zunächst auch aufzugehen, bis der zum Dandy verjüngte Faust II (Rainer Könen) Verwirrung stiftet. Beider Couplet „Wir sind zwei wie Pech und Schwefel“, bei dem „Heini und Bubi“ auch auf Gitarre und Flöte brillieren, lohnt allein schon den Besuch der Aufführung.

Alles spielt sich im Schauplatz Auerbachs Keller ab, wo Faust herumsitzt, für sein Werk „Die Hand“ um Reime ringt und seine Weinkaraffen anschreiben lässt. Gretchen arbeitet hier als Kellnerin, wird auch vom Wirt umworben und möchte eigentlich überhaupt nicht ungeleit´ nach Hause gehen. Ein Zaubertrank lässt sie Faust als Helena erscheinen. Und obschon auf eine orgiastische Walpurgisnacht verzichtet wird, geht es zumindest verbal recht deftig zu. Petra Höppner als die scharfe Marthe kann es gar nicht erwarten, den Jungfaust als Freier zu vernaschen. Zum Publikumsliebling avanciert Auerbach-Wirt Frank Bendas. In herzigem Sächsisch stolpert er als beflissenes Original herum und leidet fürchterlich, weil Gretchen ihn nicht beachtet.

Für gegenwartskritische Würze sorgen Seitenhiebe auf die Finanzkrise oder die Personalpolitik in Unternehmen. Als Gretchen in ihrem rotkarierten Schürzenkleid gegen Ende der Henker droht und die Kapuzen gespenstisch tanzen, als Heini und Bubi ob eines Streits ihre geplante Befreiung vergessen und Gretchen mit „Mal bist du oben, mal bist du unten“ in Fatalismus verfällt, greift der Herr und Gewissenswurm ein. Weg mit dem Pessismismus und dem ganzen Stück, Auferstehung und Happy End, bei dem Faust alt und Faust II als schwules Paar verheiratet werden! Schön schräg und vor allem hinreißend von vielen neuen Gesichtern in der Pauli-Truppe gespielt, der man noch viele solche Sommertheater-Treffer wünscht.

weitere Vorstellungen: 10. und 11.6. 20.00 Uhr; 20. und 21.6. um 19.30 Uhr

Von Michael Bartsch

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