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Fast zu gut für Kleinkunst: Der Dresdner Schaubudensommer hat 15 000 Besucher angezogen

Fast zu gut für Kleinkunst: Der Dresdner Schaubudensommer hat 15 000 Besucher angezogen

Das Karussell steht still und die Musik hat aufgehört zu spielen. Der Schaubudensommer ist vorbei. Nun heißt es warten. Auf das Ende des Sommers.

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Chris Lynam ist einer der unverwechselbaren Protagonisten des Schaubudensommers. Er teilt aus - und muss ab und zu auch einstecken.

Quelle: Amac Garbe

Die Lichter sind aus. Das Ende des Winters. Bis rund um die Scheune wieder das bunte Künstlervolk einzieht - eine verdammt lange Zeit. Aus Sicht der Veranstalter war das internationale Kleinkunstfest ein voller Erfolg. "Wir konnten mit insgesamt rund 15 000 Besuchern das Ergebnis vom Vorjahr bestätigen. Dabei hat es uns in die Karten gespielt, dass die zahlreichen Gewitter offensichtlich das Programm kannten und sich ab 20 Uhr die Schleusen über der Scheune schlossen", sagt Pressesprecherin Dana Bondartschuk.

Auch wenn am Sonntag noch einmal der Vorhang aufging, vermeintlicher Höhepunkt und Schlussakt des Festivals war die Mitternachtsüberraschung am Sonnabend. Hunderte Besucher prozessierten ein letztes Mal durch das Szeneviertel Äußere Neustadt, immer der Musik hinterher zur wie immer geheimen Auftritts-Location. Ein echter Kran stand auf dem Alaunplatz und hob den in Simbabwe geborenen - aber sehr britischen - Clown Chris Lynam auf einer Miniaturbühne in schwindelerregende Höhen.

Der exzentrische Alleinunterhalter mit Starkstromhaaren war bereits in den letzten fünf Tagen des Schaubudensommers ein echter Geheimtipp für Hartgesottene. Der gedrungene, drahtige Mann verteilte schon einmal Schläge, wenn nicht artig geklatscht, sondern geschockt gestarrt wurde. Alternativ attackierte er sein Publikum mit einem Feuerlöscher. "In Deutschland mache ich mir da keine Sorgen. In Italien oder Spanien haut das Publikum auch mal zurück", kommentierte der Künstler im Gespräch seine gewollt grenzwertige Performance, die trotz aller Aggressivität wohl die meisten Lacher in der zweiten Halbzeit des Schaubudensommers verbuchen konnte.

Schwer, da noch einen drauf zu setzen. Lynam tat es trotzdem. Bestieg die Kranbühne ohne Sicherung. Zog sich zur Freude aller Anwesenden bis auf die Unterhose aus, entzündete eine Fontäne und steckte sich das Feuerwerk in den Hintern. "There's no business like show business" tönte es dazu aus den Boxen - das ist dann wohl der britische Humor.

Weniger lustig ging es im Zelt der Hallenserin Julia Raab zu. Die Schauspielerin zitierte in "Die Dicke spielt Medea" die klassische griechische Mythologie mit einer auf Ekel, Mief und Müll fußenden Ästhetik. Die Dicke, ein Stereotyp des Abstiegs mit fettigen Haaren, aufgequollenem Gesicht, dreckigem T-Shirt, Handwagen und Wasserbeinen, sitzt auf einem 80er-Jahre-Plastikstuhl und kramt eine Aldi-, Aldi-Süd- und Norma-Plastiktüte nach der anderen aus ihren Taschen. Drin sind Relikte aus dem Leben der Abgeschriebenen. Puppen, die für die Kinder stehen. Ein Sakko des - vielleicht verstorbenen - Ehemannes, das die Dicke mit Inbrunst, aber ohne echten Lustgewinn an ihrem Schritt reibt. Versuche der Reaktivierung eines Lebens, das lange Geschichte ist.

Das Publikum hatte teils Probleme mit dem halbstündigen Stück. Bot doch Raab mit ihrem fast schon pantomimischen Spiel keine Gassenhauer im Minutentakt. Es ist schwer, sich für oder gegen das Lachen zu entscheiden, wenn die Dicke, die einem morgen als Stereotyp auch auf der Prager Straße begegnen könnte, ihr Hemd hebt und die Puppen umständlich in ihrem ausladenden Bauch vergräbt, um sich noch einmal wie in anderen Umständen zu fühlen. Traurig, tragisch und lustig zugleich - echtes Theater.

Die große Mimenshow brachten auch Freaks und Fremde mit der Kurz & Lang JuWie Dance Company aus Dresden im Theater Athletico, sonst Sporthalle des Dreikönigsgymnasiums, auf die Bühne. Das kryptische Stück über den Schriftsteller und Journalisten Michail Bulgakow führte die Zuschauer auf krummen Pfaden durch die Wirren der Oktoberrevolution. Dem auf Schaubudensommerlänge heruntergekürztem Skript konnte man aber kaum folgen. Hängen bleibt der Eindruck der großartigen Tanz- und Gesangsperformance.

So bunt und lustig wie der Schaubudensommer auch ist, es herrscht trotzdem eine Zweiklassengesellschaft. Bekannte und etablierte Künstler wie Annamateur oder der Puppenspieler Michael Hatzius mit seiner Echse durften über den Köpfen des "niederen Volkes" auf der großen Bühne in der Scheune auftreten. Da trat das Reptil von Hatzius genüsslich nach und sprach vom "Pöbel, der im Rindenmulch absäuft". Aber die Künstler der Upper Class genügten den hohen Ansprüchen. Nach der zum Schreien komischen Performance von Annamateur (DNN berichteten) übernahm am Donnerstag die Echse das Ruder auf der größten Bühne. Der bereits mehrfach ausgezeichnete Hatzius überzeugte mit bösem, teils grenzwertigem Humor: "Sicher, die Franken sind auch nur Menschen, aber was ist mit den Unterfranken?" Und schuf mit der überlebensgroßen Handpuppe eine fast perfekte Illusion. Schade, dass die Show bereits nach 45 Minuten vorbei war.

Ganze 34 Kleinkünstler und Gruppen traten in der vergangenen Woche auf dem Schaubudensommer auf. Nicht eine Darbietung war dabei, die die fünf Euro Eintritt pro Show nicht Wert gewesen wäre. Eine großartige Leistung des Organisationsteams, das allerdings schon auf 16 Jahre Erfahrung zurückblicken kann. Die rund 40 ehrenamtlichen Helfer und Organisatoren dürfen noch rund eine Woche in ihrem Paralleluniversum verbringen - irgendwer muss die Zauberwelt ja abbauen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.08.2014

Hauke Heuer

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